Neues vom Planeten MODE : Suits you, Sir!

Jakob Wais

Im Zuge der Wirtschaftskrise scheinen in London viele Banker in eine finanzielle Notlage geraten zu sein. Zumindest ließe sich so die Masse an Herrenkonfektion in den Secondhandläden der Stadt erklären. Während die früheren Besitzer jetzt also im Jogginganzug zu Hause sitzen und Bewerbungen schreiben, tragen junge Menschen in den Cafés im hippen Londoner East End ihre alten Zweireiher. Die Manschettenknöpfe vom Flohmarkt glänzen in den weißen Hemdsärmeln, Fliege und Einstecktuch sind farblich abgestimmt. Der Trend geht zurück zum Anzug – zum Maßanzug.

Zwar waren sportliche Jacketts – lässig kombiniert mit bunt bedruckten T-Shirts – auch in den vergangenen Jahren bei Berufsjugendlichen schwer angesagt, doch hat die neue Liebe zum alten Anzug damit rein gar nichts gemein. Nach Jahren des Bunter, Schriller, Abgerissener kommt jetzt die klassische Eleganz zurück. Streetstylefotos zeigen milchbärtige Jungen im Dreiteiler, und nicht nur Londoner Secondhandläden bieten stangenweise Ware an.

Es wirkt wie die Wiedergeburt des Dandytums, wenn Bierfreunde über Lackschuhe philosophieren und mit Namen traditionsreicher Maßschneider um sich werfen. Ein bisschen absurd darf man es schon finden, dass Jugendliche sich freiwillig in Anzüge zwängen wie sonst nur zu stilistischen Sternstunden wie Konfirmation, Familienfeier oder Abiball. Unbeeindruckt davon erzählt der 23-jährige Friseur mit glänzenden Augen von seinem 2000 Pfund teuren Maßanzug, während internationale Designer wie Ermenegildo Zegna Kollektionen ganz im Stile der vierziger Jahre präsentieren. Zweireiher, Dreiteiler, Hüte und Hosenträger, lange als spießig verpönt, sind die Herzstücke des Trends.

Selbst in Deutschland wächst dank Karl-Theodor zu Guttenberg das Interesse an klassischer Herrenkonfektion. Zwar wurde schon zu Gerhard Schröders Zeiten gerne über dessen Vorliebe für Anzüge der Marke Brioni gelästert, doch waren die Krawattenmuster eines deutschen Politikers nie zuvor eine Nachricht wert. Ob sich des Ministers Vorliebe für die Tiermotive des französischen Traditionshauses Hermès absatzfördernd ausgewirkt hat, ist allerdings nicht bekannt.

Keiner verkörpert den neuen Dandy so wie Ed Westwick als „Chuck Bass“ in der Jugendserie „Gossip Girl“. Der Milliardärssohn Chuck trägt Nadelstreifen; selbstverständlich mit Hosenträgern und goldener Krawattennadel. Verrückt: Spießiger gekleidet als die Chefetage der Deutschen Bank wurde Westwick zum Teenieschwarm.

Auch die US-Serie „Mad Men“ erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Sie spielt in einer New Yorker Werbeagentur der sechziger Jahre. Die Männer tragen selbstverständlich Anzug – nicht irgendeinen, sondern den betont maskulinen mit breiten Schultern und schmalen Taillen – und die Frauen sind Sekretärin, Ehefrau oder Geliebte.

Wird hier nur ein alter Modestil wieder ausgegraben oder träumt sich da so mancher zurück in eine andere Zeit? Droht eine neo-konservative Welle, sind die Schulhöfe voller Spießer? Vielleicht ist es die süße Rache der Kinder in eleganter Uniform an einer Elterngeneration, die im Kapuzenpullover zur Arbeit geht und Anzüge „echt spießig“ findet.

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