Zeitung Heute : Neugieriger werden

Wie ein Partygänger Berlin erleben kann

Daniel Haaksman

Ich möchte Ihnen heute von einem Musikstück erzählen, das im Moment die Berliner Tanzflächen polarisiert. Vielleicht haben Sie es auch schon gehört, es ist „Mundian To Bach Ke“ des Londoner Panjabi MC. Wenn Ihnen der Song nichts sagt: Das ist ein Stück, in dem indische Tablas über den Basslauf der Erkennungsmelodie der TV-Serie „Knightrider“ trommeln und dazu sprechsingt ein indischer Sänger. Ein Ohrwurm mit einem mörderischen Groove. Das Stück ist mittlerweile wieder in den unteren Positionen der deutschen Charts gelandet, aber vor Weihnachten sah es fast so aus, als würde das Stück die deutsche Nr.1 werden – wäre da nicht der vermaledeite „Steuersong“ des Kanzler-Imitators Elmar Brandt gewesen, der wochenlang die deutschen Charts anführte. Seitdem sich „Mundian To Bach Ke“ in der Hitparade tummelt und im Radio läuft, ist das Stück natürlich auch in einigen Berliner Clubs zu hören. Und es ist ein Stück, das auf gewisse Art und Weise zeigt, wie es mit der Weltoffenheit der Berliner Club-Szene steht.

Die hat sich ja vor allem im Osten der Stadt angesiedelt, dort, wo auch mehr als zehn Jahre nach dem Mauerfall, im Verhältnis zu westlichen Stadtteile, nur wenige Ausländer wohnen. Das spiegelt sich natürlich auf den Mitte-Tanzflächen wider, wo man quasi ausschließlich auf ein weißes, deutsches Publikum trifft – einmal abgesehen von einigen Touristen. Und so homogen wie das Publikum, ist im Prinzip auch der Sound, den man in den Clubs hört. Zwischen Electro, Techno House, Drum n’Bass und 80s-Beat ist in der Mehrzahl der Mitte-Clubs kaum Platz für nicht westeuropäische oder afroamerikanische Musik. Wird mal ein Track oder Song gespielt, bei dem nicht in Englisch oder Deutsch gesungen wird, der sogar aufgrund seiner Melodie oder seines Grooves orientalisch anmutet, kann es schnell passieren, dass sich die Tanzfläche leert. Oder man hört Kommentare, bei denen man um Fassung ringen muss. Als DJ habe ich Panjabi MC zum Beispiel kürzlich in der Lounge des WMF gespielt. Dazu tanzten auch ziemlich viele Leute, aber ein DJ-Kollege stand kopfschüttelnd neben dem DJ-Pult und sagte zu mir: „Warst wohl zu lange im Türkei-Urlaub?“. Ein anderer Plattendreher, dem ich davon kurze Zeit später erzählte, sagte mir, zu ihm hätte sogar jemand in einem anderen Club gerufen: „Mach bloß den Bin Laden-Scheiß aus!“ Türkei, Indien, Bin Laden, alles gleich. Weltstadt Berlin, wo bist Du?

Ich würde Ihnen gerne für dieses Wochenende einen Party-Tipp geben, wo Sie „Mundian To Bach Ke“ in voller Lautstärke und ohne irgendwelche Kommentare genießen können, aber laut Partykalender scheint es heute und morgen in den Mitte-Clubs nur den typischen Mitte-Sound zu geben. Gehen Sie aber Montagabend in den Geburtstagsklub nach Prenzlauer Berg zu Callaloo. Das ist die ehemalige Eskobar unter neuem Namen. Da läuft angenehmerweise viel Reggae, Dancehall und Soca und vielleicht wird dort auch Panjabi MC gespielt. Sie können sicher sein, dass sich dort die Tanzfläche füllt.

Callaloo, Geburtstagsklub, Prenzlauer Berg, Am Friedrichshain 33, Montag 23Uhr.

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