Neujahrsbotschaft : Der Schuh wird der Renner

Helmut Schümann

Kurz vor seinem Ende hält das Jahr doch noch eine gute Nachricht bereit. Sogar eine Nachricht aus der Wirtschaft. Sie betrifft zwar nur einige wenige Menschen, verströmt aber Hoffnung. Die Istanbuler Firma Baydan stellt Schuhe her, unter anderen das Modell 271, mit Kunststoffsohlen, und pro Schuh 300 Gramm leicht. Unter normalen Umständen setzt das Unternehmen im Jahr 15 000 Paar Schuhe ab. Seit Muntazar-al-Zeidi vor einigen Tagen seine Schuhe, Modell 271, dem scheidenden US-Präsidenten Bush entgegenschleuderte sind die Umstände nicht mehr normal. Bis zum Mittag des vergangenen Montags lagen bei Baydan 370 000 Bestellungen für Modell 271 vor. Das Werk stellte hundert zusätzliche Arbeiter ein. Dass George W. Bush Arbeitsplätze schafft und nicht vernichtet ist auch eine ungewöhnlich Nachricht zum Jahresende. Wenn das Schuhewerfen Schule macht, und warum sollte es nicht, es gibt auf der Welt nicht nur Bush als Zielobjekt, dürfte 2009 das Jahr der explosionsartig expandierenden Schuhindustrie werden. Man ist sicher gut beraten, wenn man sich nach Salamander-Aktien umschaut.

Gegen diese hoffnungsvolle Nachricht stellt der deutsche Physiker Martin Bojowald zum Ende des Jahres seine verwegene Theorie vor. Sie hat auf den ersten Blick nichts mit der schönen Meldung aus Istanbul zu tun.

Nach Bojowald hat es den Urknall möglicherweise nie gegeben. Jener ferne Bäng, der unser Universum überhaupt erst geschaffen hat, sei, so Bojowald weiter, vielleicht nur eine Art Nadelöhr gewesen, durch das sich ein früheres Universum als unseres durchgequetscht hat. Was das für die nahe Zukunft bedeutet ist noch unklar. Zumindest können sich die reichen Menschen nun doch Hoffnung aufs Himmelreich machen. Wenn es schon ein ganzes Universum durchs Nadelöhr schafft, wird es einem Kamel doch wohl auch gelingen. Aber jetzt gibt es ja keine Reichen mehr, höchstens noch die Betreiber der Istanbuler Firma Baydan. Es geht nicht mehr gerecht zu in der Welt. Bojowald lehrt übrigens in den USA, wo sehr viele eine ganz andere Theorie haben zur Entstehung der Erde und allem anderen. Das ist mehr eine bibeltreue und fundamentalistische Theorie, in der wissenschaftliche Evolutionsgedanken keinen Platz haben. Diese Evolutionsleugner sind recht radikal und rigoros. Wahrscheinlich ist auch Professor Bojowald gut beraten, in nächster Zeit verstärkt auf herumfliegende Schuhe zu achten.Helmut Schümann

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