Zeitung Heute : Neuköllner Oper

Als unsere Autorin in den Bezirk zog, wollte sie sofort einen Liebesbrief an ihre neue Heimat schreiben. Nun ist sie weggezogen. Ist die Jogginghose ihrer Nachbarin schuld? Oder der Laden von gegenüber, das „Mon amour“?

Annabel Wahba

Es war einer meiner letzten Tage in Neukölln, und ich spürte, dass es eine richtige Entscheidung war zu gehen. Seit dem Morgen hatte es geregnet, die Straßen waren glitschig. Ich hatte eine Umzugskiste in den Armen und konnte nicht zu Boden sehen. Der Hundehaufen muss direkt an der Bordsteinkante gelegen haben. Ich trat hinein, rutschte darauf aus, stolperte über den Bordstein hinunter und verstauchte mir den Knöchel.

Als ich zwei Jahre zuvor in die Nähe des Reuterplatzes gezogen war, hatte ich mir eigentlich vorgenommen, eine Art Liebeserklärung an diesen Stadtteil zu schreiben. Ich war neu in Berlin und fand es schön, in der Nähe des Maybachufers zu wohnen. Mir gefiel das Mediterrane hier, der Markt am Ufer. Es gibt keine Coffeeshops, in denen Bagels und Muffins verkauft werden und keine Ladenbüros, in denen 20-jährige Webdesigner auf ihre Computer starren – authentisch ist das Wort, das Menschen mit Arbeit verwenden, wenn sie erklären, warum sie hier hergezogen sind. Aus irgendeinem Grund habe ich den Text aber nie geschrieben, und so wird es nun eine Art Abschiedsbrief. Kein Abschied im Zorn, aber auch ganz ohne Tränen. Neukölln macht es einem nicht leicht, sich wie zu Hause zu fühlen. Und das liegt nicht nur an den Hunden.

In Polizeiberichten taucht der Bezirk ziemlich oft auf: Überfall auf einen Asiashop, der Täter stach mit einem Messer auf die Verkäuferin ein; Vergewaltigung in einer Kneipe, der letzte Gast zwang die Kellnerin mit einer Schere. In der Zeitung liest man, dass der Arbeiterbezirk verwahrlost, dass Jugendbanden und Drogendealer durch die Straßen ziehen und manchmal sogar auf Polizisten schießen, und daran denken alle Nicht-Neuköllner, wenn man ihnen erzählt, dass man in Neukölln wohnt.

Ich habe mich nie unsicher gefühlt, schließlich habe ich hier keinen Laden, und in der Türsteherszene bin ich auch nicht zu Hause. Das Erschreckendste, was ich gesehen habe, waren vier arabisch sprechende Jungs, die nachts um eins gegen einen roten BMW gepinkelt haben.

In Großstädten wird man ständig gefragt, in welchem Stadtteil man lebt, weil mit dem Wohnort auch eine Haltung verbunden ist. In Mexiko-Stadt wohnt man am besten in Coyoacán, wenn man als kreativ und weltoffen gelten will. In New York, habe ich gehört, wohnt man in Brooklyn, in München im Glockenbach- und in Hamburg im Schanzenviertel. Und wenn man neu nach Berlin kommt, zieht man natürlich nicht nach Reinickendorf. Und auch nicht nach Neukölln.

In der Straße, in der ich bis vor wenigen Wochen wohnte, gibt es zwei Sorten Läden: Geschäfte mit Gerümpel aus Wohnungsauflösungen und Puffs. Schräg gegenüber von unserem Haus war „Lulu“, mittlerweile hat der Laden einen neuen Namen, er heißt jetzt „Mon amour“. Leider habe ich mich da nie reingetraut, aber einmal konnte ich nachts einen Blick hineinwerfen, als die Tür aufging. Ich sah ein paar dicke Frauen, die im BH auf dem Sofa saßen, das Licht war blau. Die Freier, die zu „Mon amour“ gehen, kommen mit dem Fahrrad. Eine Querstraße weiter ist die Pigalle-Bar. Hier, das hat mir ein Freund erzählt, unterhalten sich die Frauen so lange mit dem Gast, wie ihr „Cocktail“ reicht. Den bezahlen die Männer, eine Mischung aus Wasser und etwas Sekt kostet knapp zehn Euro. Dafür setzt sich die Frau auf den Schoß des Mannes, und er darf ihr ein bisschen den Hintern tätscheln. Es gibt unangenehmere Ecken in Neukölln.

Die Leute hier haben ein wenig von engagierten Kreuzbergern. Im Reuterkiez sind zwar 14 Prozent der Bewohner Sozialhilfeempfänger und um die 35 Prozent sind arbeitslos, aber sie eröffnen Cafés, die den Namen „Kinski“ oder „Olive“ tragen, gründen Vereine und Filmproduktionsfirmen. Schließlich ist das hier auch fast noch Kreuzberg. Auf der anderen Seite des Kanals ist schon das Paul-Lincke-Ufer.

Und doch ist es so, als trete man in eine andere Welt, wenn man die Brücke überquert. Man geht vom Schatten ins Licht. Auf die Kreuzberger Seite scheint die Sonne von Süden her, auf der Neuköllner ist es duster und kühl. Am Paul-Lincke-Ufer sitzen die Leute in ihren gläsernen Wintergärten, oder sie spielen Boule und joggen am Kanal. Am Maybachufer läuft man wie auf einem Hindernisparcours, stolpert über den aufgesprungenen Asphalt, rennt im Slalom um die Hundekacke. Aber seit ein paar Jahren gibt es eine Bürgerinitiative zur Aufwertung des Maybachufers, und zusammen mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wurde ein Verschönerungsprojekt begonnen, nächsten Sommer soll alles fertig sein, dann können die Neuköllner auf Terrassen am Ufer Liegestühle aufstellen.

In unserem Haus konnte man sich unten ins Café Europa setzen. Vor der Tür lag Kunstrasen, drinnen an der Wand hing ein Leuchtbild mit einem Wasserfall, der aussah, als würde echtes Wasser runtersprudeln. Der Laden scheint nicht so gut zu laufen, ständig wechselt der Besitzer, zuletzt hat es ein paar Monate lang ein netter Grieche probiert. Bei ihm konnten wir spät abends noch Bier holen, und wenn ich im Sommer bei offenem Fenster einschlief, hörte ich die Stimmen von unten. Mit viel Fantasie stellte ich mir dann manchmal vor, ich sei im Urlaub auf einer griechischen Insel. Jetzt steht das Café leer.

„Hier bekommt man eine schöne Einsicht in die Grenzen“, sagt der Dramaturg Roland Koberg über Neukölln. Mit ihm ging ich spazieren, als ich einmal nicht mehr so richtig wusste, warum ich nach Neukölln gezogen war. Er sagt viel Nettes über diesen Bezirk. Roland Koberg wohnt seit acht Jahren hier, was man ihm rein äußerlich nicht ansieht. Er trägt keine Jogginghose, sondern Jeans, riecht gut, und er hat Arbeit. Sogar eine ziemlich schöne, am Deutschen Theater. Er schätzt es sehr, abends aus Mitte nach Neukölln zu kommen, „wo man auf angenehme Weise in Ruhe gelassen wird“.

Koberg wohnt in der Nähe des Hermannplatzes, und wenn er dort zum hundertsten Mal angesprochen wird, ob er nicht Marihuana kaufen wolle, nervt es ihn zwar, aber er bleibt gelassen. Mich haben die Dealer in der Hasenheide beim Joggen immer wahnsinnig genervt. Weil sie da rumstanden und glotzten, während ich schwitzte. „Man wird hier eben mit den Schwächen einer Gesellschaft konfrontiert und lebt mit ihnen“, sagt Koberg und findet danach gleich, dass der Satz etwas zu pathetisch geraten ist.

Neukölln widersetzt sich sehr hartnäckig allen Bemühungen, aus dem Bezirk etwas Besseres zu machen. Schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts haben sich Stadtplaner Gedanken gemacht, wie man aus dem proletarischen Neukölln einen bürgerlichen Stadtteil machen könnte. Die Schillerpromenade wurde geplant, als Gegenentwurf zum damals schon berüchtigten Rollbergviertel. Eine repräsentative Anlage sollte Bürger mit Geld anlocken, aber Stuckfassaden und Blumenrabatten machen aus Neukölln kein Charlottenburg. Und am Ende kamen doch wieder Arbeiterfamilien.

Aber es gibt einen Ort, da ist Neukölln tatsächlich ein bisschen wie Charlottenburg: Karstadt am Hermannplatz. Das Warenhaus war in den 30er Jahren wegen seiner Architektur eines der modernsten in Deutschland. Bis heute ist es etwas Besonderes geblieben. Die Menschen streifen durch die Feinkostabteilung, vorbei am 100 Meter langen Milchregal und staunen, es gibt einen Verkaufsstand, mit nichts anderem als Kartoffeln. Bintje, Linda, Sieglinde, alle Sorten, die es gibt. Aber auch hier weht manchmal ein bisschen Neukölln herein, und dann wird es spannend. Einmal kam ein Mann eilig durch die Eingangstür und lief direkt in die Apotheke mit den Glasregalen, er hatte einen Stock dabei. Kurz darauf hörte man die Verkäuferinnen schreien: „Hören Sie auf!“ und „Hilfe!“. Der Mann fegte mit seinem Stock die Regale leer. Ein unglaublicher Lärm, man hörte Glas zersplittern, Regale fielen krachend zu Boden. Keiner traute sich an den Mann heran. Er stand inmitten des Scherbenhaufens und zog ein Klappmesser aus der Hosentasche. Er ließ es aufschnappen, dann leckte er die Klinge langsam mit der Zunge ab und hielt sie triumphierend in die Höhe. Er drehte sich nach allen Seiten, zeigte den Leuten: „Ich bin gefährlich!“. Man hörte Einzelne murmeln „der ist bewaffnet!“. Dann kamen Polizisten, rissen den Mann zu Boden und trugen ihn hinaus. Der Mann schrie und wehrte sich, noch auf der vierspurigen Hasenheide sah man, wie er sich den Männern entwinden wollte und zappelte wie ein frisch gefangener Fisch.

Berühmter Müll

Offenbar inspiriert das authentische Umfeld. Im Quartiersmanagement in der Hobrechtstraße sind sie auf jeden Fall froh, dass der Reuterkiez mittlerweile bei Künstlern sehr beliebt ist. Wenn man böse wäre, könnte man das auch Sozialvoyeurismus nennen. Ein bisschen wie die Bilder des englischen Fotografen Richard Billingham, auf denen man seine übergewichtigen, alkoholsüchtigen Eltern in ihrem Wohnzimmer voll Müll und Essensresten sieht, auf der Haut noch die verschorften Wunden vom letzten Streit. Billingham wurde berühmt damit.

Aber so ist Neukölln natürlich nicht. Und deshalb hängen im Quartiersbüro auch ganz andere Fotos. Darauf sieht man Frauchen und Herrchen mit ihren Hunden, nette Bilder sind das. Sie waren Teil der Ausstellung „Vom Ufer zur Sonne“, in der Künstler zwischen Maybachufer und Sonnenallee ihren Kiez präsentierten.

Wenn man in Neukölln wohnt, durchlebt man immer wieder unterschiedliche Phasen. Zuerst fand ich meinen Stadtteil richtig spannend. Das war ungefähr ein halbes Jahr, nachdem ich hingezogen war. Ich ging mit meinem Freund in eine Ausstellung im Heimatmuseum mit dem Titel: „Made in Neukölln“. Erst war ich überrascht, dass es hier überhaupt sowas wie ein Heimat-Museum gibt. Kann man denn nach Neukölln Heimweh haben?

Die Ausstellung „Made in Neukölln“ war eine Überraschung, weil man sah, was in Neukölln alles hergestellt wird: Kaffee, Zigaretten, passend dazu Herzschrittmacher, Zahnprothesen. Lebenswichtige Dinge also. Aber „Made in Neukölln“ war auch ein wenig traurig, weil die Ausstellung zeigte, wie viele Firmen es hier mal gegeben hat, die alle nacheinander in Konkurs gegangen sind. Dann bekommt man fast ein wenig Mitleid mit seinem Stadtteil, aus dem alle weg wollen. Man erklärt sich solidarisch und beschließt: Ich bleibe!

Sonst hätte ich auch nie meine Wohnungsnachbarin kennen gelernt. Sie ist eine echte Neuköllnerin, Hausfrau mit einem Kind, ihr Freund LKW-Fahrer. Ihren Kampfhund mussten sie leider einschläfern lassen, weil sich die Doggenbesitzer von oben immer wieder beschwert hatten.

Meine Nachbarin und ich schimpften gemeinsam über die gestiegenen Heizkosten und die vielen kaputten Fahrräder im Hof. Sie trug am liebsten Jogginghosen. Eine eigenartige Mode ist das. Man sieht die Jogginghose am Kottbusser Damm genauso wie in Beverly Hills, es gibt Fotos von Jennifer Lopez, wie sie in Jogginghose flaniert, Britney Spears trug in ihrem Video zu „Baby one more time“ auch eine. Wenn man ein Star ist, verleiht einem das Kleidungsstück „street credibility“, in der Musikbranche ist das sehr wichtig, wenn man ernst genommen werden will. Meine frühere Nachbarin findet ihre Jogginghose einfach nur bequem. Das ist auf eine gewisse Art auch das Angenehme an den Leuten hier. Da sind die Menschen wie ihr Bezirk. Sie wollen nicht cool sein.

Das ist sehr ehrlich, aber manchmal auch ein wenig aufdringlich. In Neukölln kann man nicht einfach die Tür zumachen und sagen: So, jetzt will ich von da draußen mal nichts mehr wissen. Direkt gegenüber meiner alten Wohnung wohnte zum Beispiel ein Paar, das gerne laut Musik hörte. Einmal veranstalteten sie ein Straßenfest, am Samstagmorgen um fünf. Ihre Boxen stellten sie aufs Fensterbrett im Erdgeschoss. Vor allem bei einem Song sangen sie laut mit: „Geh doch zu Hause, du alte Scheiße“. Irgendwann schrie jemand aus einem anderen Haus: „Wir wollen schlafen.“ – „Aber wir nicht! Und die Straße gehört uns genauso wie euch!“, war die Antwort. Zwischendurch kam die Polizei, es wurde leiser, später wieder lauter. Ein zweites Mal kam die Polizei nicht, anscheinend hatte sie Wichtigeres zu tun. Als es schon fast elf Uhr war, hing nur noch eine junge Frau am Fenster im Erdgeschoss und sang, vor ihr auf dem Gehweg lag ein besoffener Freund und schlief. Eine halbe Stunde später war es ruhig, da war auch die Frau eingeschlafen.

Immerhin war an diesem Morgen mal Leben auf der Straße. Selbst die Frau aus dem Haus gegenüber, die von morgens bis abends auf die Straße stierte und dabei aussah, als sei sie am Fensterbrett festgewachsen, hatte endlich was zu gucken. Wenn Freiheit einem bedeutet, dass man tun kann, was man will, dann ist Neukölln ein sehr freier Platz.

Doch nach etwa anderthalb Jahren begann bei mir eine neue Phase. Da nervte mich der Nachbar von oben mit seinem Feinripp-Hemd wieder ungemein, ich wollte keine Kampfhunde mehr sehen und die Neuköllner Gespräche auf der Straße nicht mehr hören.

Typisch Deutsch

Eine typische deutsche Unterhaltung: Eine Frau geht auf der Straße, von oben ruft ein Mann herunter. – „Zu uns brauchst du nicht mehr kommen“ – „Ach, halt doch’s Maul.“ – „Und hast du Gummis dabei? Gehst du wieder zum Heinz?“ – „Jaja, fick dich doch selber.“

„Fick dich doch selber!“ steht auf Nummer eins der Liste mit den beliebtesten Schimpfwörtern Neuköllns.

Es gelang mir nie, Freunde zu überreden, sich mit mir in Neukölln zu treffen. Dabei gibt es wunderbare Kinos wie das „Neue Off“ und sogar eine Oper. Aber wie klingt das für jemanden, der in Mitte wohnt: „Hey, lass uns doch heute Abend mal in Neukölln ausgehen!“? Es war schon auffällig, dass ich von meiner Wohnung immer nur Richtung Norden fuhr oder Richtung Westen, selten nach Süden, tief nach Neukölln hinein. Und dann kann man auch einfach wegziehen.

Nachdem ich meine Wohnung inseriert hatte, stand das Telefon nicht mehr still. Ein gutes Dutzend Interessenten riefen an, alle Anfang bis Mitte 20. Das erste Paar, das die Wohnung ansah, nahm sie gleich.

Jetzt wohne ich in Kreuzberg. Auf dem kleinen Platz in der Nähe unserer Wohnung ist samstags Ökomarkt. Ich könnte aber auch im französischen Käseladen einkaufen, im Fachgeschäft für japanische Holzwerkzeuge oder in einer der zehn Weinhandlungen im Umkreis von 100 Metern. Als ich hierher zog, hatte ich gleich das Gefühl, zehn Jahre älter zu sein.

In unserem Haus klingeln die Nachbarn schon, wenn man mal aus Versehen etwas in die falsche Mülltonne wirft. Im alten Haus hätte man vermutlich seine Autoreifen in der Biotonne entsorgen können, ohne dass sich jemand beschwert.

Vielleicht hat das Stadtviertel, in dem man wohnt, auch etwas mit der eigenen Biographie zu tun. Neukölln ist eine Art Durchzugsbezirk: Junge Familien kommen her, Studenten, sie leben ein paar Jahre hier, und dann ziehen sie weiter. Bei mir war das so ähnlich: Erst nach Neukölln, mit Anfang 30 in eine Wohnung hinter pastellfarbener Gründerzeitfassade, und das nächste wäre dann wohl ein Reihenhaus mit Garten. Manchmal habe ich ein bisschen Angst davor, wo ich wohnen werde, wenn ich 40 bin.

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