Zeitung Heute : New Orleans wird leben!

Von Martin Kilian

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Mein Fotograf Aaron Farrington bittet mich, einen kleinen Umweg zu machen. Wir verlassen die mit Trümmern und Ästen übersäte St. Charles Avenue im Westen von New Orleans und biegen vorsichtig in eine kleine Straße ein. „Hier habe ich gewohnt“, sagt Farrington und zeigt auf ein bescheidenes Haus. Dann wird er stumm.

Zwei Jahre hat Aaron in New Orleans verbracht, der Stadt, die er liebt. Und nun das. Wortlos sitzt er im Auto. Er geht seinen Erinnerungen nach, ich den meinigen. 1975 kam ich erstmals nach New Orleans, auf dem Weg von Mexiko und vor Beginn meines Studienaufenthalts in den Vereinigten Staaten. New Orleans: Wie verführerisch das klang! Seither bin ich immer wieder zurückgekehrt, der Menschen wegen, der Freunde und Musik wegen. Bei Tipitinas spielte James Booker Klavier, als ob er das Dach des Clubs absprengen wollte. Und im Snug Harbour gab es den MarsalisKlan zu sehen und zu hören.

Gleich gegenüber lockte im Faubourg Marigny ein kleiner Club namens Spotted Cat. Aaron Farrington arbeitete dort hinter dem Tresen. Oft spielten drei Combos, eine nach der anderen, bis die Nacht verflogen war, als sei sie nur ein Moment gewesen. Wo sonst in Amerika konnte man nach Mitternacht eintreffen, ohne den Beginn der Party verpasst zu haben? „Der Koch arbeitet wieder, also esst“, verhieß der Barmann den Gästen des „Whirling Dervish“-Clubs an der Decatur Street – um zwei Uhr morgens. Wo sonst war es möglich, in einem Club für fünf Dollar dem gewaltigen Pianisten Henry Butler zuzuhören?

Und nun das. Wasser und Sturm haben diese lebensfroheste aller amerikanischen Städte verwüstet, ihre Menschen befinden sich als Gestrandete in Texas, in Minnesota, überall. Wir sind längst aus dem Auto ausgestiegen und laufen langsam durch jene Teile der Stadt, die begehbar sind. Wir erzählen uns Geschichten. Aus New Orleans. Dort drüben, siehst du, das war ein ganz tolles Fotogeschäft, sagt Aaron. Es war einmal. Alles war einmal, bis auf weiteres zumindest.

Am Jackson-Platz im Herzen des Vieux Carré hat der Sturm die Bäume umgeknickt und die Bananenstauden entwurzelt. Über der Strasse steht leer das berühmte Café du Monde, wo mindestens eine Milliarde Touristen Beignets verzehrt haben. Nur der alte Andrew Jackson, zu Pferde und seinen Hut lüpfend, steht unerschütterlich wie immer in der Mitte des Parks. New Orleans ist die eigentümlichste aller amerikanischen Städte. Eine überwiegend schwarze Stadt. Und eine bitterarme Stadt. Sie so vor die Hunde gehen zu lassen, erregt den Verdacht, die Washingtoner Regierung habe nachlässig gehandelt. Wie eben auch in Bagdad, das geplündert wurde, weil nicht genügend amerikanische Truppen einmarschiert waren.

Nun versuchen der Präsident und seine Gehilfen die Verantwortung nach unten abzuwälzen. Für das, was in New Orleans geschehen oder nicht geschehen ist, müssen sie sich jedoch verantworten. Nicht der Bürgermeister. Vielleicht hätte man anders reagiert, wenn „Katrina“ das texanische Dallas verwüstet hätte. Wer weiß? Über die ins texanische Houston evakuierten Afroamerikaner sagt Barbara Bush, die Mutter des Präsidenten, viele von ihnen seien „sowieso unterprivilegiert“, weshalb der Aufenthalt im Astrodome zu Houston „für sie gut ist“. Marie Antoinette lässt grüßen, lasst sie doch Kuchen essen in Houston!

„Wir sind ärgerlich, Herr Präsident“, leitartikelte die „Times-Picayune“ aus New Orleans. „Unsere Menschen verdienten, gerettet zu werden. Viele, die gerettet hätten werden können, sind es nicht – zur Schande der Regierung.“ Die Stadt wird jetzt ihre Toten einsammeln, und eines hoffentlich nicht allzufernen Tages wird sie auch ihre Menschen einsammeln und heimholen. Denn eines steht fest: New Orleans wird wieder aufgebaut werden. Und alle werden wir uns im Spotted Cat versammeln und feiern.

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