NEW SOULJosé James : Der Leisetöner

Wenn heutzutage im Popdiskurs wieder ziemlich viel von Soul die Rede ist, wird damit seltsamerweise in den meisten Fällen ein Sound assoziiert, der nur einen bestimmten historischen Moment des Genres beschwört und seit den gigantischen Erfolgen von Amy Winehouse, Adele oder Duffy den Markt überschwemmt. Und der mit einer zeitgenössischen, also sich kontinuierlich weiterentwickelnden Soulmusik herzlich wenig zu tun hat. Folgerichtig fristen deren Protagonisten, also innovative Künstler wie etwa Bilal, Jill Scott, John Legend oder Erykah Badu, ein kommerzielles Schattendasein, weil sie nicht im Traum daran denken, auf der großen Retrowelle mitzusurfen.

Auch José James gehört zu diesem erlesenen Kreis, selbst wenn er bis vor kurzem mehr als Jazz- denn als Soulsänger wahrgenommen wurde. Doch mit seinem vierten Album „No Beginning No End“ erweitert der 35-Jährige aus Minneapolis sein stilistisches Spektrum dramatisch und verstrudelt die Sedimente der Black Music – von Gospel bis Rap, von Jazz bis R ’n’ B – zu geschmeidigem New Soul. Dabei bleibt er ein Meister der Zwischentöne, der sich in seiner Performance mehr dem introvertierten Pointillismus eines Bill Withers als dem expressiven Gestus klassischer Soulshouter wie Otis Redding oder Solomon Burke verpflichtet fühlt. Auf den vorzugsweise verhalten groovenden, aber stets kraftvollen Songs der Platte wird sein nadelfeiner Gesang von kongenialen Mitstreitern wie dem Pianisten Robert Glasper, der 2012 ein herausragendes Album im Grenzbereich von Hip-Hop und Jazz vorlegte, dem walisischen Meisterbassisten Pino Palladino und der aus Marokko stammenden Sängerin Hindi Zahra unterstützt.Jörg Wunder

Bi Nuu, Sa 20.4., 20 Uhr, 23 €

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