Zeitung Heute : New York: Ende der Wartezeit

Kerstin Kohlenberg[Stephan Wiehle] Philipp Oehmke[Stephan Wiehle]

Am Morgen dieses sonnigen, aber windigen Herbsttages erfuhren die New Yorker zum ersten Mal von dem Geheimplan, der sie schützen sollte, wenn die Angriffe auf Afghanisten beginnen würden. Die "New York Post" hatte exklusiv darüber berichtet. Innerhalb weniger Minuten, so hieß es im Bericht, könnten Brücken, Tunnel, ganze Stadtviertel gesperrt werden. Sogar Flugzeuge würden aufsteigen und den Luftraum sichern. Die Sicherheitsmaßnahmen seien die schärfsten, die es je gegeben habe. Nur ein paar Stunden später war es soweit: in Kabul schlugen die ersten Raketen ein, in New York trat der "Lock-Down-Plan" in Kraft.

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Fotostrecke: Militärschlag gegen das Taliban-Regime New York war vorbereitet, in jeder Hinsicht. Ein CIA-Sprecher hatte bereits vor Tagen gesagt, es seien neue Terroranschläge möglich, wenn der amerikanische Gegenschlag beginnt. Der Prozess gegen vier bin-Laden-Anhänger, die wegen der Anschläge auf US-Botschaften in Afrika angeklagt sind, war auf den 18. Oktober verschoben worden. Und bereits am Freitag hatten die Behörden die ganze Gegend rund das Hauptqaurtier des FBI an der Federal Plaza gesperrt: Duane Street, Elkstreet - alles dicht. Es waren Vorboten für das, was kommen musste. Der 32 Jahre Bahnangestellte Mark Nixon drückt aus, was viele fühlen: "Wir haben auf den Gegenschlag gewartet. Aber jetzt ist die Gefahr auch hier wieder größer geworden, dass es zu neuen Terrorschlägen kommt. Ich habe Angst".

Besuch in "Ground Zero"

An "Ground Zero", wo bis vor vier Wochen die beiden Türme des World Trade Center in den Himmel ragten und wo heute nur Schutt und Asche ist, herrscht bedrückte Stimmung. Noch mehr Polizisten als sonst sind auf den Straßen unterwegs. New Yorker und Touristen kommen auch an diesem Sonntag hierher, um still zu schauen oder zu fotografieren, was übrig geblieben ist. Viele schreiben mit Filzstiften ein paar Worte des Trostes, ein kurzes Gebet oder einfach nur das Wort "Peace" auf ein Transparent, das die Firma Foxwoods am Zaun vom City-Hall-Park festgeschnürt hat.

Keiner der Polizisten will bestätigen, dass "Down-Lock" in Kraft getreten ist, weder hier in Manhatten noch sonst irgendwo in der Stadt. Der Officer an der Broadway Junktion sagt, dass er immer hier steht. Aber so viele Kollegen hatte er noch nie an seiner Seite. Die New Yorkerin Paulette Blackstock beruhigt das nicht: "Ich habe keine Angst, aber ich mache mir Sorgen. Es wird Unschuldige treffen, auf beiden Seiten."

Für viele indessen war der Schock gar nicht so groß: Late Edition, das sonntägliche Nachrichtenprogramm mit Wolf Blitzer, unterbrach ein dröges Interview mit dem Republikanischen Fraktionschef Trent Lott, und plötzlich war sie wieder da, die nur allzu bekannte milchig grüne Mattscheibe, auf der ein paar weiße Punkte aufblitzen. Zu erkennen war wie immer nichts, doch jeder wusste Bescheid: Luftangriffe auf Kabul, und plötzlich hieß das Thema auf CNN nicht mehr "Amerika erholt sich", sondern "Amerika schlägt zurück", der Angriff auf die Menschen in New York bekommt seine erste blutige Antwort.

Doch in New York, wo die Bürger nach der Attacke zusammenrückten wie nie zuvor, wo die Menschen jubelten und Osama bin Laden den Tod voraussagten, herrscht Nüchternheit, eineinhalb Stunden nachdem die grünen Bilder zu erstem Mal zu sehen waren. Im Turkey Nest, einem rauchigen Sonntagstreffpunkt in Brooklyn, läuft auf den drei riesigen Fernsehern immer noch Baseball, und Mike Patucci, ein Bauarbeiter, der in der letzten Woche an der World Trade Center Trümmerstelle gearbeitet hat, sagt, er lasse sich seinen Sonntag nicht kaputtmachen von den Terroristen: "Die diktieren nicht meinen Sonntag. Die kriegen jetzt, was sie verdient haben, aber das muss ich nicht sehen. Es ist ein Sieg für die Terroristen, wenn ich mir wegen ihnen heute nicht die New York Mets angucke."

Nur zwei Türen weiter steht Ashraf Mohammad alleine in seinem winzigen Fotogeschäft. Er spricht am Telefon auf arabisch, sein Stimme besorgt, machmal erhoben zu einem empörten Ausruf. Mohammad ist Pakistaner, und ein Landsmann rief an aus Pakistan, um nach New York mitzuteilen, es sei jetzt Krieg bei ihnen da unten. Mohammad sagt, es schmerze, die Bomben fallen zu sehen auf Kabul und Peshawar, obwohl er keineswegs mit den Taliban sypathisiere. auf mein Land ausübt.

In diesem Moment bremst ein schwarzer Ford Explorer vor Mohammads Fotogeschäft. Das Autoradio in dem Wagen ist zum Anschlag aufgedreht, die Scheiben sind heruntergedreht. Passanten laufen auf den Geländewagen zu, eine Traube schließt sich um den Wagen, die Leute hören dem Radio zu: Osama spricht da! Kann das denn sein, fragen die Leute. Wie kann der unter Bombardement stehen und in aller Ruhe eine Ansprache halten. Niedergeschlagenheit breitet sich aus, eine Ahnung, dass sie ihn nie kriegen werden, wenn er so unverfroren öffentlich spricht. Doch dann kommt heraus, es ist eine alte Aufnahme.

Der schwarze Geländewagen fährt weiter - die Straße hoch, an Tennisplätzen vorbei, die alle belegt sind, wo niemand sein Tennisspiel unterbrochen hat für Amerikas Rückschlag. Eine Sirene heult auf einer benachbarten Highschool, und das Geheule nährt die Furcht vor einer weiteren unmittelbaren Terroristenattacke, einem Rückschlag für den Rückschlag.

Besonders schockiert war Pastor James R. McGrow von der United Methodist Church in der John Street. Als er von dem Militärschlag hörte, kamen dem großen, kräftigen Mann die Tränen. "Jetzt werden die USA genauso wie Nazi-Deutschland!", rief er völlig schockiert der Reporterin entgegen, die ihm von dem Mitlitärschlag berichtete. Er hatte zuvor keine Nachrichten gesehen, und reagierte wohl deshalb so berührt. "Für mich ist es das Letzte, dass Amerika Afghanistan bombardiert", sagte er weiter, "die USA sollten sich lieber über ihre Außenpolitik Gedanken machen, als diesen Gegenschlag zu inszenieren." Doch mit dieser Sichtweise dürfte der Pastor zeimlich alleine dastehen an diesem Sonntag in New York. Die kleinen amerkanischen Flaggen finden reißenderen Absatz denn je.

Im Washingtoner Ausgehviertel Adams Morgan sind die Straßen an diesem Sonntagnachmittag leer. Viele Cafés und Restaurants haben noch nicht geöffnet. Nur wenige Menschen sind unterwegs. Bei strahlender Herbstsonne zieht es sie eher in die nahen Berge oder ans Meer.

Sorgen in Washington

Das Café "Tryst" in der 18. Straße ist jedoch gut gefüllt. Zwei Fernseher laufen. Leute lesen Zeitung, essen Kuchen, trinken ihren Milchkaffee - ein wenig business as usual wie an einem gewöhnlichen Sonntag sonst auch. Viele schauen nur sporadisch auf die beiden Bildschirme, wo CNN mit seinen "Breaking News" berichtet. Nur vor dem einen Fernseher steht eine kleine Traube von fünf bis sieben jungen Leuten. Der 26-jährige Gerrit Walker sagt: "Das ist hoffentlich nur der erste Schritt. Er kam für mich früher als erwartet. Aber sie haben uns in Gesicht geschlagen. Und wir mussten darauf reagieren." Terry, 33, ist sehr aufgeregt und schaut ständig auf den TV-Monitor: "Mein erste Reaktion auf die Angriffe: Scheiße! Amerika kämpft mit der Weisheit eines Teenagers. " Und er ist mit seinen Sorgen nicht allein. Sven, der neben ihm steht, meint: "Ich habe Angst, dass die muslimische Welt uns nun den heiligen Krieg erklärt." Und Shane Dieter, eine Studentin aus Washington, pflichtet bei: "Ich denke, die Angriffe sind vor allem politisch motiviert. Bush musste jetzt das amerikanische Volk befriedigen. Doch das ist eine Falle. Vielleicht kommt alles jetzt nur noch schlimmer.

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