Zeitung Heute : "New York": Schrecklich schön

Claudia Kramatschek

"Als ich merkte, dass ich dauernd Fluchtpläne erwog, wusste ich, dass ich mich in New York eingelebt hatte." Nichts, so klärt uns Lily Brett am Ende ihres Buchs "New York" auf, sei für einen echten New Yorker charakteristischer als die Vorstellung, die Stadt zu verlassen - um sich an jedem anderen Ort ebenso nach New York zurückzusehnen. Seit rund zehn Jahren lebt Lily Brett selbst in der Metropole, und wer ihre beiden Bücher "Einfach so" und "Zu sehen" gelesen hat, weiß, dass einen die Stadt darin ständig ansieht. 1999 bat die "Zeit" Lily Brett, die Stadt allwöchentlich zu porträtieren. Entstanden ist ein Korpus von 52 Miniaturen, die nun alphabetisch geordnet vorliegen.

Ob "Auf dem Lande" oder "Chinatown", ob "Instantregernation" oder "Zwischenmahlzeit", stets entführt Brett ihre Leser auf kürzestem Raum - keiner der Ausflüge in die Neue Welt umfasst mehr als drei Seiten - nicht nur in das "Betriebssystem" der Metropole und ihrer Bewohner. Auch bei Brett findet sich all das , was zur Beschreibungsgrammatik der Stadtlandschaft zu gehören scheint: der unerträgliche Lärm der Stadt, der "einen um den Verstand bringen" kann: "das Klappern und Dröhnen der Müllabfuhr im Morgengrauen", "Pressluftbohrer" und das unablässige "Hupen und Tuten", schließlich drängen allein "jeden Morgen 934 000 Autos nach Manhattan"; soziale Probleme wie die Frage von Wohnraum und Obdachlosigkeit - ist doch "eine passende Wohnung schwerer zu finden, als eine passende Ehe". Und schließlich: die Spielregeln der Kommunikation: Sei stets freundlich, Klagen kostet zu viel Zeit. Die hat in New York niemand, denn keine Zeit zu haben, ist das Statussymbol. Doch Brett weiß Trost: Das Leben findet unverhofft an anderen Orten wie in der Warteschlange zur Damentoilette eines Broadway-Theaters statt.

Es ist dieser liebenswert-ironische, fast kindliche Blick, der New York in ein weicheres Licht taucht. Doch wenn Brett über Verkäuferinnen sinniert, die ihre Kundinnen schlank lügen wollen, oder über ihren Friseur, der sich seine Falten mit Botulismusgift paralysieren lässt, porträtiert sie nicht nur jenes Amerika, das dem Schönheitswahn und Jugendkult verfallen ist. Der Körper, die Nahrung, alles Leiblich-Sinnliche wurzelt auch zutiefst in Bretts eigener Biografie, der einer Nachgeborenen der Shoa. Gerade diese Verquickung zwischen dem Banalen und dem Monströsen, zwischen Alltag und "Auschwitz" (wo Bretts Eltern sich fünf Jahre nach der Heirat im Lodzer Getto als Holocaust-Überlebende wiederfanden) produziert jenen "Witz", den man nun fast wie einen Pavlowschen Reflex erwartet. Manches wirkt holprig (oder ist es schlecht übersetzt?), anderes belanglos (wer kann schon Woche für Woche schlagfertig sein?) bis sentenzenhaft-gefällig.

Dennoch nimmt Brett ihre Leser ein: offenherzig, aber ohne Talkshow-Exhibitionismus; beißend komisch, aber ohne hämische Bitternis. Noch das, was schrecklich ist, ist schön. Einfach so. Das gilt auch und vor allem für den Big Apple: "Oft fehlt mir New York schon, bevor ich fahre."

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