Zeitung Heute : New York Times digital

Der Tagesspiegel

Von Jochen A. Siegle

Schon seit Jahren suchen Online-Medien und Verlage nach Wegen, im Internet Profite zu erwirtschaften. Das Finanzierungsmodell mit Werbebannern gilt mehr oder weniger als gescheitert. Aboversuche konnten sich kaum durchsetzen. Neue und vor allen Dingen kreativere Online-Vermarktungsstrategien sind daher gefragt, um die oft höchst defizitären Web-Initiativen sanieren zu können. Die altehrwürdige „New York Times“, ein Pionier in Sachen Internet-Publishing, experimentiert nun mit verschiedenen neuen Online-Angeboten, die für die gesamte Branche richtungsweisend sein können.

Vergangene Woche lancierte die Zeitung etwa den E-Mail-Service „Times News Tracker“. Über diesen Dienst können sich Internet-Nutzer nach Stichworten selektierte Nachrichten per E-Mail zusenden lassen. Interessiert man sich beispielsweise für die neuesten „Times“-Artikel zu bin Laden oder Hewlett-Packard und hat diese Begriffe vorab beim E-Mail-Service angegeben, landen entsprechende Artikel prompt nach der Veröffentlichung im virtuellen Postfach.

E-Mail-News-Tracker sind nichts Neues in der Online-Medienwelt. Einen derart eng auf Interessensschwerpunkte zugeschnittenen Dienst bietet bislang allerdings kein renommiertes Unternehmen an. Nach Verlagsangaben nutzen bereits mehr als 24 000 Websurfer den neuen Service. Derzeit ist der „Times News Tracker“ noch kostenlos. Nach Aussagen von NYT.com-Verantwortlichen dürfte sich das jedoch bald ändern, und das Angebot in einen gebührenpflichtigen Service umgewandelt werden.

Ihren Werbepartnern bietet die Zeitung auch die Möglichkeit, Teile des Online-Archivs zu sponsern. So finanziert seit Anfang des Monats der amerikanische Pay-TV-Sender HBO eine speziell zusammengestellte Sektion des Web-Archivs. In diesem Archiv werden kostenlos rund zwei Dutzend „New York Times“-Artikel zur Ermordung des homosexuellen Studenten Matthew Shepard im Jahr 1998 zur Verfügung gestellt.

Der Time-Warner-Ableger HBO sponsert das Sonderarchiv, um für die Ausstrahlung des Spielfilms zur Tat, „The Laramie Project“, zu werben. Um in den speziellen Bereich zu gelangen, ist auf der „NYT“-Startseite ein Banner verlinkt. Auch alle Artikel zum Shepard-Mord sind exklusiv mit HBO-Anzeigen versehen – was interessierte Webnutzer offensichtlich kaum irritiert: Nach den veröffentlichten Zahlen der „New York Times Digital“-Gruppe konnten die Microsites zum „Laramie Project“ mehr als 100 000 Seitenabrufe generieren.

Derzeit trommelt das New Yorker Medienhaus für die kürzlich gestartete „Electronic Edition“. Zum Einführungspreis von 26,80 US-Dollar für sechs Wochen ist die komplette Printausgabe online abrufbar. Mittels spezieller Technologie ist es dabei möglich, nicht nur den gesamten Inhalt, sondern auch das identische Layout im Netz zu sehen. Gewünschte Bereiche der E-Edition lassen sich elektronisch vergrößeren. Bislang ist die Digi-Replika der Zeitung nur für Webuser mit Breitbandanbindung ans Internet erreichbar.

Die „New York Times“ gilt längst als Vorreiter in Sachen gebührenpflichtiger Inhalte im Netz. Bereits seit 1998 kassiert die Zeitung für Zugriffe auf ihr Online-Archiv. Wenig später wurden die populären Kreuzworträtsel gegen Gebühr zum Download bereitgestellt. Im November letzten Jahres startete das Medienhaus mit „Topics of the Times“ eine kostenpflichtige Online-Sammlung archivierter Artikel von Kolumnisten wie Thomas Friedman. Mit ihren neuesten Initiativen stellt der Printverlag unter Beweis, dass er zu den innovativsten Medienvertretern im Netz zählt. Im letzten Quartal erwirtschaftete die Digital-Edition einen Profit von fast 1,4 Millionen US-Dollar. 2001 musste im selben Zeitraum noch ein Verlust von 35 Millionen US-Dollar verschmerzt werden.

Derzeit finanziert sich die Web-Ausgabe durch einen Drittelmix aus Online-Werbung, gebührenpflichtigen Premium-Inhalten sowie Kleinanzeigen und den E-Mail-Diensten. Wie Martin Nisenholtz, CEO der NYTD-Gruppe Anfang der Woche auf einer Branchenkonferenz in New York City versicherte, soll dies auch weiterhin so bleiben.

Im Internet: www.nytimes.com

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