Zeitung Heute : Nicht alt werden

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Emma kann es kaum erwarten, endlich in die Schule zu gehen. Mit drei Jahren! Sie hat eben keine Ahnung, was sie erwartet. Morgens um sechs aus dem Bett, überalterte Lehrer, 55- Stunden-Woche bis zum Abitur – ganz zu schweigen von der halben Ewigkeit an Plackerei, die danach kommt.

Ich dagegen als Mann der Spaßgeneration – Sohn aus Passion, Langzeitstudent und erst geheiratet, als es nicht mehr anders ging – kann es kaum erwarten, endlich in den Ruhestand zu gehen. Und jetzt soll das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre erhöht werden. Das ist die Rache der großen Koalition für das süße Leben meiner Jugend. Die traurige Bilanz der Rentenkasse noch mal schnell vor den drei Landtagswahlen im März ein bisschen aufhübschen – auf Kosten meines Lebensabends, meiner leidig erarbeiteten Altersfreizeit!

Franz Müntefering (Jahrgang ’40), Angela Merkel (Jahrgang ’54) und den anderen greisen Wirtschaftswunderkindern dieser Bundesregierung dürfte diese Gemeinheit nicht schwer gefallen sein. Es trifft ja erst die Geburtsjahrgänge ab 1964 in voller Härte. Mit mir, dem arbeitsscheuen, wehrdienstverweigernden, studiengebührenfreien Akademiker, der nur eine Ein-Kind- Familie zustande gebracht hat, kann man’s ja machen.

Aber ich will mich nicht beklagen, schließlich haben wir heute alle eine höhere Lebenserwartung, warum sollen wir dann nicht länger arbeiten; ich bin neugierig darauf zu erfahren, für welche Jobs Omas und Opas in 25 Jahren bezahlt werden. Wie auch immer: Anti-Aging-Medizin ist die Schlüsseltechnologie. Vielleicht liegt das Renteneintrittsalter im Jahr 2030 dank neuer Hormontherapien schon bei 72 Jahren. Und falls es auch bis dahin keine Jobs für Alte gibt, verspricht Professor Bamberger, Anti-Aging-Mediziner am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Schlaganfälle, Herzinfarkt und Krebs als Nebenwirkungen der Behandlung. Das dürfte die Kassen entlasten.

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