Zeitung Heute : Nicht auf der Liste

Eine Berlinerin wurde auf Bali verletzt – und verschwand

Stefan Jacobs

Sie sind verletzt und sie liegen im Krankenhaus. Ihre Namen stehen im Internet. Die Verletzten von Bali sind nach ihren Vornamen sortiert, auf Zeile elf „Aldo Cancer, Indonesia, Sanglah Hospital“ folgt „Ali, Australia, Sanglah Hospital“. Dazwischen fehlt „Alexandra, Germany“. Alexandra K., 27 Jahre alt, aus Berlin, ist mit ihrem Freund Denis, 23, in Kuta auf Bali gewesen. Und sie sind am Abend des 12. Oktober auf den Sprengsatz zugelaufen, auf den zweiten, nachdem der erste sie in einem Restaurant aufgescheucht hatte. Sie sind beide schwer verletzt ins Sanglah-Hospital eingeliefert worden. Denis wird wahrscheinlich in den nächsten Tagen nach Berlin zurückkehren können, ohne Alexandra. Ihre Spur verliert sich im Sanglah-Hospital.

Die „Stern“-Reporterin Cornelia Fuchs hat auf Bali nachgeforscht und Denis besucht. Er hat ihr erzählt, dass er zusammen mit seiner Freundin in ein Militärkrankenhaus verlegt wurde, weil das Sanglah Hospital und seine kleine Intensivstation aus allen Nähten platzten. „RSAD“ heißt das Militärkrankenhaus, „Ersad“ gesprochen. Die offizielle Eingangsliste dort verzeichnet aber nur einen einzigen deutschen Patienten: Denis. Der sich daran erinnert, dass Alexandra dort noch neben ihm lag; und dass sie später hinausgerollt wurde. Sie sollte noch einmal verlegt werden.

„Merkwürdig“, sagt Harry Bleckert, ein auf Bali lebender Deutscher, der sich um die Opfer und deren Angehörige kümmert und die Internet-Seite für sie aktualisiert. „Wenn Alexandra im RSAD gewesen wäre, müsste sie auch auf der Liste stehen.“ Dass die Registrierung, wie von der „Stern“-Reporterin vermutet, im Chaos der ersten Stunden nach dem Attentat unterging und später vergessen wurde, glaubt er nicht: „Die Liste ist per Hand nachkorrigiert worden.“

Das Bundeskriminalamt hat seinem Verbindungsbeamten in Thailand zwei Spezialisten zu Hilfe geschickt – „in Verbindung mit der Identifizierung der Opfer“, sagen die Ermittler. Die drei Beamten arbeiten mit den indonesischen Behörden zusammen, die am Freitag den Tod zweier vermisster Deutscher bekannt geben: ein Mann und eine Frau. Das Auswärtige Amt gibt die Nachricht am Mittag heraus. Namen werden nicht genannt; sicher ist nur, dass die beiden Opfer in Brandenburg wohnten. Über Alexandras Schicksal aber ist wieder nichts zu erfahren. Die Eltern zu Hause in Deutschland warten auf Nachricht von ihrem Kind oder über ihr Kind. Das Auswärtige Amt hat ihnen empfohlen, nicht nach Bali zu reisen.

Am Dienstag hat das indonesische Nachrichtenmagazin „Tempo“ eine Vermisstenliste veröffentlicht. „Alex, German“, steht darauf. Es ist der einzige Name, der dem von Alexandra ähnelt. Angesichts der unpräzisen Schreibweise vieler Namen könnte sie damit gemeint sein, aber die Liste gibt nur den Stand vom 14.Oktober wieder, als die Anschläge gerade erst zwei Tage her waren und noch zwölf Deutsche vermisst wurden.

Harry Bleckert, der deutsche Helfer, kommentiert Vermisstenlisten nicht, „denn es wäre niemandem damit geholfen, wenn Angehörige ins Koma fallen, weil sich vielleicht einfach jemand nicht in seinem Hotel abgemeldet hat, aber jetzt irgendwo gemütlich am Strand sitzt.“ Für Bleckert sind die Listen deshalb „eine Angelegenheit der forensischen Spezialisten. Ich schaue da nicht rein.“ Er hat eine Vermutung zu Alexandras Schicksal: „Gerade bei ihren Erinnerungen an die erste Zeit nach der Bombe sind viele Betroffene schwer traumatisiert.“ Natürlich sei es denkbar, dass Denis und Alexandra noch eine Weile zusammen waren. „Aber ich habe auch erlebt, dass Menschen dachten, ihre Freundin läge noch neben ihnen, dabei war sie gar nicht mehr da.“

Es gibt wenig Grund anzunehmen, dass Alexandra irgendwo am Strand sitzt. Die meisten Vermissten sind tot. Bei denen, die bis zur Unkenntlichkeit verbrannt sind, dauert die Identifizierung länger, und die Behörden prüfen lieber einmal zu oft, weil sie sich keine Fehler leisten dürfen. Eine Todesnachricht, die sich im Nachhinhein als falsch erweist, wäre genauso schlimm wie eine, die stimmt, sagen die Behörden.

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