Zeitung Heute : Nicht auf der Rechnung

Carsten Brönstrup

Die deutsche Wirtschaft ist im ersten Quartal so stark gewachsen wie seit vier Jahren nicht mehr. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg um ein Prozent – doppelt so viel wie von Analysten erwartet. Wie konnte es passieren, dass die Experten sich zum zweiten Mal in Folge so geirrt haben?

Eine schrumpfende Wirtschaft, weniger Wohlstand, geringere Steuereinnahmen, mehr Arbeitslose – solche finsteren Diagnosen stellten die Wirtschaftsforscher noch Ende Februar. Grund: Damals hatte das Statistische Bundesamt errechnet, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) Ende 2004 um 0,1 Prozent geschrumpft war. Das hatte viele Ökonomen überrascht – und sie mit Skepsis auf 2005 blicken lassen.

Überraschendes hatten die Statistik-Beamten auch gestern zu bieten – dieses Mal war es aber eine positive Nachricht: Die deutsche Wirtschaft wuchs zwischen Januar und Ende März so stark wie seit vier Jahren nicht mehr. Statt weiter zu stagnieren, wuchs die Summe der neuen Güter und Dienstleistungen um ein Prozent. Für Wirtschaftsforscher ist das eine Menge. Unternehmen und Verbraucher sorgen also offenbar für ein heftiges Auf und Ab. Die Wirtschaftsforscher beteuern nun, nicht aus Unfähigkeit falsche Wachstumsprognosen für das letzte Quartal 2004 und das erste Quartal 2005 veröffentlicht zu haben. Vielmehr hätten die Frühindikatoren zur Konjunktur, die per Umfragen die Stimmung bei Käufern und Firmen erforschen, falsche Daten geliefert. Sie seien zu sehr vom allgemeinen Standort-Gejammer in Politik und Medien beeinflusst gewesen.

Als noch gravierdender hätten sich die Tücken der Statistik erwiesen, sagen die Ökonomen. Ende 2004 hätten die Deutschen weniger gearbeitet als vermutet. Denn, weil Weihnachten auf ein Wochenende gefallen war, hätten sich die Beschäftigten in den Tagen darauf zusätzlichen Urlaub genommen. Da weniger gearbeitet wurde, konnten die Fabriken weniger produzieren – prompt schrumpfte das BIP. Anfang 2005 gab es dagegen keine ausgedehnten Urlaube, die Firmen hatten mehr Zeit zum Arbeiten. Und da die Wirtschaftsleistung eines Vierteljahres immer mit der vorherigen Periode verglichen wird, wuchs das BIP umso stärker – die Vergleichsbasis war ja schwächer. Behalten die Forscher Recht, wären die schlechten Daten Ende 2004 und die guten Anfang 2005 überzeichnet – und die Wahrheit läge irgendwo in der Mitte.

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