Zeitung Heute : Nicht ausgebucht

Der Tagesspiegel

Von Rainer W. During

Spandau. Im Laden von Edgar Schuster in der Nonnendammallee geben sich fast ebenso viele Reporter und Fernsehteams wie Kunden die Klinke in die Hand. Deutschlands wohl erste Buchhandlung ohne Bücher hat bundesweites Medieninteresse geweckt und damit einen ungeahnten Werbeeffekt erzielt. Doch die leeren Ikea-Regale sind kein PR-Gag des 42-Jährigen, vielmehr hat er aus der Not eine Tugend gemacht.

Seit 1987 arbeitete Schuster in Buchhandlungen in Siemensstadt. Dass sein letzter Arbeitgeber im vergangenen Jahr Konkurs anmelden musste, lag nicht am schlechten Umsatz, betont der Wahl-Berliner. Von Arbeitslosigkeit bedroht, beschloss er, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen. Ein Geschäftskonzept wurde erstellt, das Arbeitsamt sicherte Überbrückungsgeld als Starthilfe zu. Doch ein halbes Dutzend Banken lehnte die rund 60 000 Euro Existenzgründungsdarlehen ab, die notwendig gewesen wären, um die Buchhandlung mit einem Anfangssortiment auszustatten. „Der Betrag war wohl zu klein und hätte denen nicht genug Provision gebracht“, vermutet der Buchhändler. Zwei Drittel des Umsatzes sollen Bibliotheken bringen, die jeweils im Januar ihre Jahresaufträge vergeben. Da beschloss Schuster nach einer Krisensitzung mit Freunden und Bekannten kurz vor Weihnachten, es dennoch zu wagen. Mit 4500 Mark von seinem Bruder geborgten Startkapital meldete er sein Geschäft beim Wirtschaftsamt an und mietete für zunächst zwei Jahre den Laden in den Nonnendammallee 87a.

Ehemalige Stammkunden griffen dem Jungunternehmer unter die Arme, borgten Geld für die erste Miete und die Regale, und stellten einen Computer bereit. Im Januar wurde Eröffnung gefeiert. „Auch wenn Sie keine Bücher sehen, die Buchhandlung hat geöffnet“, steht auf einem großen Schild im Schaufenster. Ob Roman oder Nachschlagewerk, was der Kunde will, wird in der Regel binnen 24 Stunden bestellt.

Immer mehr Siemensstädter machen von dieser Möglichkeit Gebrauch und auch die Aufträge der Bibliotheken liegen inzwischen vor, freut sich Edgar Schuster. Für 50 Euro bietet er Interessenten außerdem Gutscheine, die er ab Oktober einlösen will. Wer sie erwirbt wird als „Premium-Kunde“ kostenlos zu den geplanten Lesungen eingeladen, mit denen sich „Bücher am Nonnendamm“ zusätzlich im Kiez etablieren möchte. Am 14. März liest Isa Engelmann (Blauer Flieder – Wiedersehen in Böhmen). Engelmann wuchs während des 2. Weltkrieges im Sudetenland auf. Der Beginn ist um 19.30 Uhr, der Eintritt kostet drei Euro.

Inzwischen beginnen sich die ersten beiden Regale bereits zu füllen. Einige Autoren und kleinere Verlage haben von der Buchhandlung ohne Bücher gehört und Kommissionsware zur Verfügung gestellt. Zur Auflockerung der weißen Wände stellte ein befreundeter Künstler Bilder zur Verfügung.

„Im Sommer haben wir den Laden voll“, hofft Schuster. Nicht nur wegen dem Steppke aus der Nachbarschaft, der jeden zweiten Tag nachfragt, ob denn endlich Kinderbücher eingetroffen sind. Wenn es einmal richtig läuft, will er auch zwei ehemalige Kollegen einstellen, die jetzt arbeitslos sind. „Es muss klappen“, sagt Edgar Schuster. Für seinen Laden sieh Schuster ein Einzugsgebiet von Charlottenburg-Nord bis nach Haselhorst. Die Filialunternehmen in den Shopping-Centern sieht er nicht als Konkurrenz. Schließlich sind es die Siemensstädter traditionell gewohnt, ihren Bedarf an Lesestoff und Nachschlagewerken im eigenen Kiez decken zu können. Als das Hertie-Kaufhaus mit eigener Fachabteilung im Kaufzentrum am Siemensdamm noch existierte, hatten im Ortsteil sogar zwei Buchhandlungen ihre Existenzberechtigung.

„Bücher am Nonnendamm“ ist montags bis freitags, 9 bis 18 Uhr und sonnabends, 9 bis 13 Uhr geöffnet und unter der Telefonnummer 34094857 zu erreichen.

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