Zeitung Heute : Nicht die coole Nummer

Seit zwölf Jahren bieten „Seidlein & Seidlein“ Einrichtungsberatung mit Stil und bayrischem Charme. Zu ihnen kommen meist Menschen, die keine Zeit haben

Nora Sobich

Der prominenteste Auftrag von „Seidlein & Seidlein“ war wohl die Beratung der Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf bei der Inneneinrichtung des Kanzleramts. „Noch vor einigen Tagen bekamen wir einen Anruf. Man brauche Armlehnstühle für den indischen Ministerpräsidenten. Welche würden passen?“, erzählt Sophie von Seidlein, die als jüngste Tochter des Münchner Familienunternehmens „Radspieler“ mit Stoffballen und schönen Dingen aufgewachsen ist. Gemeinsam mit ihrem Mann, einem Innenarchitekten, hat sich die Innendekorateurin vor zwölf Jahren in Berlin selbstständig gemacht. Ihre wechselnden Geschäftsadressen in der Hauptstadt gleichen mittlerweile einer kleinen Odyssee. Als sie im vergangenen Jahr die Filiale in der Grolmanstraße nach zwei Jahren schlossen, fragten Kunden erstaunt. „Ziehen Sie schon wieder um?“ Mit burschikosem Humor antwortete von Seidlein: „Ja, weil wir so gerne einrichten, am liebsten uns selbst.“

„Seidlein & Seidlein“ haben mit der neuen Adresse in der Bleibtreustraße auch ihr Geschäftsprofil geändert. Sie verkaufen keine Wohnaccessoires und Möbel mehr, sondern sind ausschließlich auf Einrichtungsberatung spezialisiert, entwickeln Farb-, Licht- und Möblierungskonzepte und begeben sich für ihre Kunden auf Einkaufstour nach exklusiven Stücken. Die Neuorientierung war durch die wirtschaftliche Lage bedingt, zum anderen aber auch durch das veränderte Interesse der Kunden nach Beratung. Ihr Büro liegt jetzt im Erdgeschoss eines durch eine riesige Buche märchenhaft überschatteten Hofes. Vor den Fenstern hängen an einer silbergrauen Gardinenstange bodenlange Vorhänge aus fliederfarbener Kunstseide. Hinter ihnen blitzt ein zweiter, weißer Vorhang auf, eine Art Voile, elegant in den Raum und lauschigen Ort gefügt.

Die Klientel, die „Seidlein & Seidlein“ bedient, sind Menschen die keine Zeit haben, sich mit ihrer Einrichtung zu beschäftigten. „Eine typische Einrichtungsstadt wie München oder Hamburg sei die neue Hauptstadt nicht, meint von Seidlein. „In Berlin kommen und gehen die Menschen. Es ist eine Stadt im Fluss. Das ist ja auch das Tolle.“ Zurzeit profitieren von Seidleins davon, dass die Hauptstädter beginnen, sich Ferienhäuser an der Ostsee zuzulegen oder aus der Fasanenstraße nach Dahlem zu ziehen. Für einen Berliner Anwalt, der sich in Ahrenshoop von einem prominenten Architekten ein Haus umbauen lässt, machen sie die Inneneinrichtung. Für von Seidleins gehört dazu nicht nur schöner Schein, sondern auch eine gewisse Portion Pragmatismus. So passt für sie kein Teppichboden in ein sandiges Sommerhaus am Meer, und die Einrichtung soll von den Farben und Materialien her zum Ort und der Stimmung passen.

„Es ist fast wie in der Homöopathie“, sagt von Seidlein zur ihrem Konzept: „Ich muss das finden, was zu dem Menschen passt und ihm auch Mut machen, dass er sich zu der Einrichtung traut.“ Wenn es um die Frage geht, ob das Sofa nun von einem billigen Möbelgroßmarkt oder einer sündhaft teuren Firma sein soll, hält sich Sophie von Seidlein meist zurück. Der Respekt vor den fremden Geldbeuteln ist wichtig und Highclass-Shopping nicht zwingend. Gerade hat sie einen Abstecher bei der Ikea-Filiale auf Mallorca hinter sich. Auf der Insel konzipierte sie für eine Kundin die Einrichtung einer kleinen Ferienwohnung samt Hochbett. Die „Bibel“ des Ehepaares von Seidlein ist die englische Zeitschrift „World of Interiors.“ Der Innendekorateurin gefällt, dass die Wohnkonzepte hier gewachsen sind und nicht so schreiend laut den wechselnden Moden und Trends unterliegen. „Wir denken nicht in Stilen wie Country oder Loftig“, so von Seidlein: „Ich würde auch keinem Kunden sagen, Sie müssen jetzt Wenge haben, nur weil es angesagt ist.“ Damit man sich in einer Wohnung wohl fühlen könne, dürfe nicht alles neu und vorzeigemäßig sein. „Wenn eine Einrichtung gut ist, dann sieht es so aus, als hätte sich die Möblierung mit den Jahren angesammelt.“

Private Lebensgeschichte in der Einrichtung zu zeigen, liegt den Deutschen allerdings wenig. Sie seien da eher ängstlich und ließen sich ungern in die Karten schauen, meint von Seidlein. Wer Geld hat, mache meist auf die coole Nummer. Das heißt: ein großes Sofa mit der amerikanischen Tiefe von 108 Zentimetern, viel Kunst, Bang und Olufsen und ein Designklassiker von Corbusier oder Eames. „Das ist eben auch wahnsinnig langweilig“, findet von Seidlein. In Wohnungen mit moderner Kunst sind die gestalterischen Möglichkeiten eher begrenzt, bei Gardinen auf Einfarbiges und Dezentes festgelegt. „Mit alten Drucken kann man sich da nicht austoben, es sei denn man ist in England.“

Dass „Seidlein & Seidlein“ vor allem für Privatkunden und weniger für Anwaltskanzleien, öffentliche Institutionen oder kleine Hotels arbeiten, liegt noch an der Auftragslage. Nicht immer machen sie auch die komplette Inneneinrichtung. Mal will ein Kunde für seine Praxis nur ein Farbkonzept, ein anderer wünscht von der Wandfarbe zu den Vorhängen beratende Unterstützung und ein dritter braucht Hilfe bei der Lichtplanung. Für den Bundesverband der Zementhersteller haben von Seidleins kürzlich komplett drei Gästewohnungen in Berlin mit Bettwäsche, Gläsern und Geschirr eingerichtet. Für eine Berliner Familie ändern sie gerade ein Kinderzimmer und lassen einen Schreibtisch für das Mädchen einbauen.

Zentrales Thema bei der Beratung sei die Frage des richtigen Lichts, hat von Seidlein festgestellt. Viele verschiedene Faktoren spielen hier eine Rolle: Was ist es für ein Raum, wo brauche ich Licht, will ich es gemütlich oder will ich es super hell haben und wie passt die Beleuchtung zu den Möbeln. „Eine Lampe aus Glas und Edelstahl kann ich sicher als einen Bruch in ein dunkelgrünes englisches Zimmer stellen“, plaudert von Seidlein aus ihrem Erfahrungsschatz: „Aber die Lampe mit dem perfekten Licht muss immer auch stilistisch passen.“

Bei der Vermittlung von Aufträgen leben von Seidleins bisher vor allem von der Mundpropaganda. „Die Hälfte unserer 800 Kunden kennen sich irgendwie“, meint Sophie von Seidlein, die in ihrem neuen Büro die Nähe zu den Kunden vermisst. Am liebsten würden die beiden ihr Geschäft zu einer geselligen Institution etablieren. Gerade denken sie über die Umsetzung einer neuen Idee nach: regelmäßig am Samstag, wenn alle einkaufen, im lauschigen Büro etwas zu essen und einen bayrischen Ratsch anzubieten. Einen Treffpunkt für alte und neue Kunden zu schaffen, eine Art Interieur-Salon.

Seidlein & Seidlein. Einrichtungsberatung. Möbel- und Dekorationsstoffe. Einkaufsbegleitung. Montag bis Samstag 10 bis 14 Uhr. Bleibtreustraße 48 (Charlottenburg), Tel.: 88 62 42 42.

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