Zeitung Heute : Nicht fehlerfrei

Bush, Blair und Chirac haben einiges falsch gemacht

Matthias Thibaut[London]

Tony Blair wird beim Flug über den Atlantik geschaut und sich gefragt haben, wie ist es zu diesem Schlamassel gekommen ist. Zum ersten Mal seit über 100 Jahren schicken sich britische Truppen an, einen Angriffskrieg zu führen. Die Legalität des Krieges ist umstritten, Blairs Partei in Aufruhr, die Bevölkerung überwiegend ablehnend. Aber damit fangen die Schwierigkeiten erst an. Der erste überzeugte Europäer an der Spitze Großbritanniens seit 25 Jahren steht allein an der Seite der amerikanischen „Super-Supermacht“. Internationale Institutionen, die 50 Jahre Frieden sicherten, haben Ansehen und Einfluss verloren: Die UN, die NATO, und die EU, deren visionäres Projekt einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik sich in Luft auflöste. Der Historiker Gwyn Prins von der London School of Economics rief am Sonnabend im „Guardian“ das „Ende der alten Weltordnung“ aus. „Der Irak ist die Nebenhandlung in einem Drama, dessen eigentliches Thema das definitive Ende des Nachkriegs-Interregnum ist. Der Augenblick des amerikanischen Imperiums ist gekommen.“ Genau das wollte Tony Blair verhindern, als er im September mit George Bush einen Deal machte. Die Briten boten militärische Bündnisgenossenschaft, Bush versprach, den multilateralen Kurs über die UN zu nehmen. Blair würde die Europäer, und damit die UN, an die Seite der USA bringen.

„Konstruktives Engagement mit Washington“, „Management der amerikanischen Fundamentalisten“, hieß diese Politik im britischen Außenministerium. Blair fiel sie leicht, da er zutiefst von der Notwendigkeit überzeugt ist, Saddam das Handwerk zu legen. Das geht aus seinen Reden seit 1998 hervor. Nie hätte er sich träumen lassen, dass nun in den Augen vieler nicht Saddam, sondern Bush als Bösewicht da steht.

Bush und die amerikanischen Falken trugen natürlich viel zu dem Debakel bei. Sie waren eh nur halbherzig bei der Sache. Je länger das Gerangel im Sicherheitsrat ging, desto überzeugter waren die Falken, dass die UN-Route nur ein Versuch der Liliputaner in der UN wäre, den amerikanischen Gulliver zu fesseln. Vermutlich war die Halbherzigkeit der Amerikaner der Grund für die diplomatischen Fehler, mit der sie Blairs Versuche, Europa und die USA einander näher zu bringen, durchkreuzten, wo sie nur konnten: Sie kamen seinem Drängen nach einer neuen Nahostpolitik viel zu spät nach, posaunten erpresserisch ihre Drohungen mit militärischem Alleingang hinaus und zeigten in der Handels- und Umweltpolitik rücksichtslos ihre isolationistische Stärke.

Dann kam eine öffentliche Meinung, die den Preis für das amerikanische Re-Engagement in die UN nicht akzeptieren wollte: Die Logik der militärischen Drohung. Sogar Präsident Chirac räumte ein, dass Saddam ohne britische und amerikanische Soldaten keine Inspekteure ins Land gelassen hätte. Frankreich selbst hatte sich der Resolution 1441 angeschlossen, die den militärischen Druck und damit die Anwendung von Gewalt autorisierte. Doch dann wurde unter Frankreichs Federführung diese 1441-Koalition wieder demoliert.

Warum, bleibt Chiracs Rätsel. Der Wunsch, den Krieg oder einen Alleingang der USA zu verhindern war es nicht. Der schlaue Chirac wusste wohl, dass ein Krieg unvermeidlich wird, wenn Bush und Blair diplomatisch in die Enge getrieben sind. Es kann, das ist die britische Analyse, nur der Führungsanspruch in Europa gewesen sein, der Chirac bestimmte. Die EU wird noch lange unter dem Debakel leiden, mit den UN ist auch Frankreichs zukünftiger Einfluss als Vetomacht geschwächt.

Immerhin hat Chirac, um den Preis von 100 Jahren Entente cordial, durch seine Unflexibilität bei den Briten einen Solidarisierungseffekt herbeigeführt und Tony Blair so den Rücken gestärkt.

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