Zeitung Heute : Nicht interessiert an Aufregung

Der Tagesspiegel

Von Pascale Hugues

Auf der Terrasse der Cafés die Zeit vertrödeln; die Ferien um einige Tage verlängern; bei der Lektüre eines großes Romans das Zeitgefühl verlieren; und, auch das, nicht wissen, wie man die Zeit totschlägt . . . kein Ereignis vermag besser, den französischen Korrespondenten im Ausland in einen Zustand der Untätigkeit und der Apathie zu versetzen als eine Wahl in Frankreich.

Wegen der doppelten Wahl, - zuerst der des Präsidenten, dann der des Parlamentes – und dem Zeittunnel von vier Wahlsonntagen (wobei jede Wahl sich über zwei Wahlgänge zieht) befleißigt sich Frankreich seit Wochen tiefschürfender Nachdenklichkeit über seinen Seelenzustand, mehr denn je leidenschaftlich mit sich selbst beschäftigt, auf jede unbedeutende Äußerung lauernd, auf jede hochtrabende Erklärung, jede Stimmungsschwankung und jedes nervöse Grinsen des einen oder des anderen Kandidaten.

Überflüssig zu erwähnen, das ein solches Übermaß an Egozentrik nicht den geringsten Platz lässt für das unbedeutende Deutschland, das bis zum 16. Juni niemand interessieren wird – dem Finale des kräftezehrenden Marathons. Danach werden die Franzosen bis zum 1. September in die wohl verdienten Ferien gehen, um danach die Güte zu haben, sich vielleicht ein oder zwei Wochen anzuschauen, was neben ihnen passiert: die deutschen Wahlen vom 22. September.

Was in Frankreich wie Deutschland immer mehr überrascht, ist dieser umgekehrt proportionale Effekt zwischen dem Monate währenden Klima der Höllenangst, der Maßlosigkeit in den Massenmedien und des inflationären Pathos auf der einen Seite und dem alles erschlagenden Desinteresse der so massiv umschmeichelten Wähler auf der anderen, die den ganzen Wirbel von oben betrachten und sich wenig darum scheren, so, als seien sie eigentlich überhaupt nicht betroffen.

In Deutschland war der Wahlkampf bereits voll entbrannt, bevor im konservativen Lager überhaupt das Rätsel der K-Frage gelöst worden war. Man fragt sich, woher die Deutschen den Atem nehmen, um das weitere sieben Monate durchzuhalten. In Frankreich war dieses Missverhältnis zwischen Aufregung und Desinteresse gerade wieder Gegenstand von Meinungsumfragen. Es ist unheimlich: Zwei von drei Franzosen interessieren sich nicht für den Präsidentschaftswahlkampf, obwohl er so marktschreierisch ausgetragen wird. Wenn die Franzosen zur Wahl gehen, dann, getrieben von einer Art schlechten stimmbürgerlichem Gewissen, „weil sich das gehört“. Nur jeder zweite erklärt, sich bereits zwischen den beiden Kandidaten entschieden zu haben und drei von vier können zwischen den Vorstellungen Von Jacques Chirac und Lionel Jospin keine wesentlichen Unterschiede erkennen. Das Phänomen wird durch den Mangel an wirklichen Alternativen noch vergrößert. Chirac (zum vierten Mal Präsidentschaftskandidat. Ganz vorne auf der politischen Bühne steht er seit meiner Kindheit und reklamiert dennoch ohne mit der Wimper zu zucken das Recht auf einen Neubeginn für sich), Chirac also erhebt seit sieben Jahren Anspruch auf den Sessel des Präsidenten. Jospin seit fünf Jahren. Wer auch immer von beiden den Sieg davontragen wird, es wird keinen frischen Wind geben, sondern Kontinuität.

Wie die Deutschen glauben auch die Franzosen schon lange nicht mehr an Versprechungen, die während des Wahlkampfes gemacht werden. Einmal davon abgesehen, dass selbst die verrücktesten Äußerungen ohne jede Konsequenz bleiben, wird der Präsidentschaftswahlkampf von niemandem wirklich ernst genommen. 1995 versprach der Kandidat Chirac, den „sozialen Bruch“ zwischen den Armen und den Reichen zu heilen. Ein genauso großes wie wichtiges Wort – wenig später völlig vergessen. In diesem Jahr gurrt der Kandidat Chirac, immer besorgt, bloß kein Risiko einzugehen, von seiner „Leidenschaft für Frankreich“ – ein Liebesgeständnis, das genauso hohl wie aus der Mode ist und das jeder für geschmacklos hält.

Schade, dass solche patriotischen Leidenschaften in Deutschland verboten sind. Könnte ein solcher Liebesschwur sonst vielleicht auch Gerhard Schröder aus dem Schlamassel helfen? Die Liebe zu seinem Vaterland zu erklären könnte Erfolg versprechender sein, als ein sehr hypothetische Reduzierung der Arbeitslosigkeit zu versprechen. Was für ein Pech, dass sich Gerhard Schröder nicht um den Einzug in den Elysée-Palast bewirbt. Politik zu machen, ist für einen französischen Präsidenten jedenfalls viel leichter.

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“.

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