Zeitung Heute : Nicht jugendfrei

Die Besucher der Sonderschau George Grosz und die Erotik müssen volljährig sein

Leichtsinnig und verspielt waren die erotischen Darstellungen der französischen Rokokomaler, die weibliche Schönheit mit zarten Pinselstrichen auf der Leinwand verewigten. Ganz andere Motive wählt der sozialkritische Berliner Künstler George Grosz: Für die jungen, hübschen Mannequins der Goldenen Zwanziger hat er nichts übrig. „Wenn ich mir den größten Teil der Menschheit ansehe, so sehe ich keine Schönheiten oder lieblichen Gebilde“, schreibt er in einem Essay. Ebenso nüchtern wie schnörkellos sind seine Bilder: Reife Frauen kauern nackt auf dem Rücken, halbbekleidete Zwitter stehen breitbeinig Modell. Grosz entblößt die Menschen, seziert die schillernde Gesellschaft der Weimarer Republik mit scharfem Skalpell. Eine Auswahl der erotisch-pornografischen Werke des Künstlers ist vom 25. Mai während der Expressionale zu sehen – allerdings erst ab 18 Jahren.

Schwerpunkt der Ausstellung ist das Spätwerk von George Grosz. Farbige Ölmalereien und Aquarelle, entstanden im US-amerikanischen Exil. Der Maler – er war kurzzeitig Mitglied der Kommunistischen Partei – emigriert am 12. Januar 1933 nach New York. Seine erotischen und politischen Themen, verschmolzen zu einer zornigen Revolte, sind zu dieser Zeit bereits über die Landesgrenzen hinweg bekannt. „Nicht nur der Mut, den Grosz damals hatte, sondern auch sein Gespür für politische Entwicklungen faszinieren mich bis heute“, sagt der Kunstsammler und Nachlass-Verwalter Ralph Jentsch gegenüber dem Tagesspiegel. Die Gefahren, die von dem NS-Regime ausgingen, erkennt Grosz von Beginn an: Nach seiner Flucht und der Machtübernahme der Nationalsozialisten werden seine Wohnung und sein Atelier gestürmt. Die Nazis diffamieren Grosz’ Werke in den folgenden Jahren als „entartete Kunst“ und beschlagnahmen 285 von ihnen aus deutschen Museen. Seine Bilder werden im Jahr 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt.

Angewidert von allem Deutschtümelnden ist der Maler schon in der Jugend. 1916 wandelt er im Alter von 23 den väterlichen Namen Georg Groß in „George Grosz“ ab, um gegen den nationalen Rausch eines kriegsbegeisterten Deutschland zu protestieren. Amerika ist das Land seiner Sehnsucht. Bis er den Atlantik erstmals überquert, vergehen Jahre. Grosz wird als Schüler an der Königlichen Kunstakademie aufgenommen; vor Gericht muss er sich jedoch später mehrmals für seine anarchistisch-nihilistischen Darstellungen rechtfertigen. Wegen Beleidigung der Reichswehr wird der Künstler 1921 zu einer Geldstrafe von 300 Reichsmark verurteilt. Das Gericht zwingt ihn außerdem, die Werkmappe „Gott mit uns“ zu vernichten. „Die Menschen sind Schweine. Das Gerede von Ethik ist Betrug, bestimmt für die Dummen“, schreibt Grosz kurze Zeit danach. „So drückte sich auch in meiner Produktion ein starker Abscheu vor dem Leben aus, der nur überboten wurde vom Interesse für die Vorgänge. Wurde der Ekel zu groß, betrank ich mich.“

Nach der „Vertreibung ins Paradies“, wie er seine Emigration nach Amerika nennt, erhält er einen Lehrauftrag an der „New Yorker Art Students League“. Dort schwindet seine anfängliche Begeisterung, er lernte schon bald die Schattenseiten der USA kennen. „Dies ist kein Land für Träumer – hier wird nur gearbeitet“, schreibt er nach seiner Übersiedlung. Grosz hat jahrelang kaum Geld, er braucht den Lehrauftrag als Broterwerb.

Obwohl sich der Künstler zeitlebens mit der Erotik beschäftigte, bringt die New Yorker Phase eine neue Qualität hervor: Seine Arbeiten grenzen an Brutalität – und stoßen in der amerikanischen Gesellschaft auf Ablehnung. Mit Beginn der McCarthy-Ära 1948 muss Grosz sich mehr und mehr eingestehen, dass er mit seinen Vorstellungen von einem Leben in den USA gescheitert ist. Er versinkt in den frühen 50er Jahren in Pessimismus und Depressionen, die er in seinen letzten Lebensjahren im Alkohol ertränkt. 1958 kehrt George Grosz, desillusioniert und krank, in seine Heimatstadt Berlin zurück. Am 6. Juli 1959 stirbt er in einem Krankenhaus. Das erotische Werk hat ihn überdauert.


Alle Infos:

Expressionale 2008. Meister des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit.

Ort. Park Kolonnaden Potsdamer Platz, Potsdamer Platz 10.

Öffnungszeiten.
Di. bis So. 10 bis 22 Uhr, 25. Mai bis 24. August.

Eintritt. Sechs Euro (ermäßigt drei Euro). Verkaufsausstellungen Eintritt frei.

Hotline. 01805 / 777 79 28  (14 Cent pro Minute).

Internet. www.expressionale.de

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