Zeitung Heute : Nicht können können

Susanne Kippenberger

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Übermorgen ist Halbzeit.

Eigentlich müsste ich ja ertrinken in Zeit. Seit Monaten bin ich von der Redaktionsarbeit befreit, jetzt kann ich mir auch noch ein paar Wochen lang das Zeitunglesen sparen, weil Fußball mich so gar nicht interessiert. Aber was macht die Zeit, wenn man sie hat, sie rennt einem davon.

In zwei Tagen ist die Hälfte meiner Beurlaubung vorbei, und ich versuche, etwas zu schreiben, was länger als ein Zeitungsartikel ist. Aber die Worte, sie rauschen nicht, sie fließen nicht, sie stocken. Writers’ block sagen die Fachleute dazu, und ich dachte, wenn sie ein Wort dafür haben, werden sie auch die Lösung kennen. Und so suchte ich denn den Rat der Weisen im Café Einstein, das heißt im Stockwerk obendrüber. Dort, wo früher der DAAD seine Galerie hatte und zu meinem Bedauern nicht mehr hat, ist zurzeit eine schöne Ausstellung mit den Stimmen der Dichter zu hören.

„Ich freue mich immer auf Ihre Stücke“, hört man dort eine Radioreporterin zu Marieluise Fleißer sagen. „Da werden Sie nicht viel Freude haben“, gibt die Dramatikerin spitz zurück. Sie sei nämlich eine außerordentlich langsame Schreiberin. „Wenn ich zehn Einfälle habe, werfe ich mindestens elf davon wieder weg.“ Sehr ermutigend. Aber wer will denn schon routinierter Profi sein? Ein wahrer Autor nicht, hat Peter Bichsel mich beruhigt in einem Buch über das Schreiben, das ich dann im Antiquariat gefunden habe. Er sei froh, dass es immer so bleibt: „Es fällt mir nichts ein, ich weiß nicht, wie beginnen, wie weiter... Wehe dem Autor, der ein professioneller wird. Ich genieße es, nicht zu können.“

Aber natürlich hat der bekennende Dilettant doch einen Trick, die Worte in Bewegung zu bringen: Er fährt Eisenbahn. Hin und her, kreuz und quer, morgens steigt er in Solothurn ein, und abends steigt er in Solothurn wieder aus und dazwischen schreibt er. Aber Bichsel lebt ja auch im Land der glücklichen Bahnfahrer. Herr Mehdorn wird mir beim Schreiben keine rechte Stütze sein.

Salon des Café Einstein, Kurfürstenstraße 58, bis 25. Juni täglich 11-19 Uhr.

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