Zeitung Heute : Nicht mal mehr beten

Der Krieg in der Normandie ging weiter, auch nach dem 6. Juni. Erinnerungen deutscher Soldaten – aufgezeichnet von einer Französin

Blandine Milcent

Das Schlimmste kommt erst noch. Horst Schwarzkopf sagt diesen Satz während seiner Erzählung immer wieder, wie zur Warnung. Aber dann muss er sich in seiner Schilderung doch streng chronologisch an die Etappen des Krieges halten, und der wird nach Daten und Schlachten erzählt, die man nicht einfach überspringen darf. Zum Beispiel die Offensive „Goodwood“ am 18. Juli 1944, eineinhalb Monate nach dem D-Day. Um fünf Uhr morgens sieht der junge Schwarzkopf die ersten feindlichen Flugzeuge im Morgennebel. Heute erzählt der alte Schwarzkopf, Rentner, Berliner, in seinen Wohnzimmersessel zurückgelehnt: „Tausende von Flugzeugen auf einer Fläche von fünf Quadratkilometern, und dann legten sie einen Bombenteppich über uns. Es war wie ein Erdbeben, das Stunden gedauert hat. Ich habe noch nicht einmal gebetet, weil ich überzeugt war, dass ich da niemals mehr herauskommen würde.“

Horst Schwarzkopf ist am 6. Juni gerade 17 Jahre alt, als er hört, dass die Landung gerade begonnen hat. Er war damals Bäckerlehrling, kaserniert in Lüneburg. Für ihn gab es nicht viel zu überlegen. „Die werden wir ins Meer zurückschieben, und zwar schnell“, hat er damals gedacht, sagt er. Wenn er heute von diesem furchtlosen Soldaten erzählt, der sofort an die Front wollte, dann spricht er leise, räuspert sich, das soll die Tränen zurückhalten. Wirklich, er war kein Nazi, aber mit seinen 17 Jahren eben ein Reinprodukt der nationalsozialistischen Diktatur, sagt er. „Als Hitler an die Macht kam, war ich in der Grundschule. In der Schule und in der Hitlerjugend hieß es immer wieder: Ehre, Stolz und die Verteidigung des Vaterlandes für den Führer. Ich habe alles geschluckt.“ Dafür hat Horst Schwarzkopf auch mit seinen 77 Jahren heute immer noch nicht verdaut, dass er betrogen wurde.

Funker Schwarzkopf kommt also an die Front. Am 23.Juni 1944 erreicht er sie in der Nähe von Caen. Denn die Kämpfe in der Normandie waren mit dem 6. Juni ja keineswegs zu Ende. Zur Feindaufklärung wird er gemeinsam mit einem 40-jährigen Offizier losgeschickt, einem „Alten“ also, und einem weiteren Soldaten, der genauso unerfahren ist wie er selbst. „Als ich über Funk mit dem Hinterland Kontakt aufnahm“, erzählt Schwarzkopf, „müssen die Amerikaner etwas davon mitbekommen haben und feuerten. Unser Offizier hat das Geräusch gehört, zerrte uns auf den Boden und stieß uns in ein Loch ein paar Schritte entfernt. Einige Sekunden später gab es eine Explosion an der Stelle, wo wir zuvor gestanden hatten.“ Aber auch das, sagt Schwarzkopf, war noch nicht das Schlimmste.

Die Offensive „Goodwood“ im Juli, einige Kilometer entfernt von Schwarzkopf erlebt sie auch der Offizier Hans Joachim Oslage. Er hat sich eingegraben: „In solchen Momenten bekommt man eine animalische Angst“, sagt er. „Man hat nicht einmal die Zeit, an den Schrecken des Krieges zu denken.“

Die Moral der Wehrmachtssoldaten lässt in den nächsten Wochen unter dem Feuer der Alliierten schnell nach. Hans Joachim Oslage sagt, er habe nicht lange gebraucht, um zu begreifen, dass die Deutschen nicht mehr gewinnen würden. Vielleicht lag es daran, dass er damals mit 22 Jahren schon Fronterfahrung in Russland hatte. Er ist kaum in der Normandie angekommen, als er auf einer Aufklärungsmission in einem Wäldchen gemeinsam mit einem Kameraden die feindlichen Schüsse hörte. „Wir haben uns angeschaut und gedacht: ,Sie sind viel stärker als wir.’ Sie hatten gutes Material, das konnte man hören. Das war sehr demoralisierend.“

Auch Horst Schwarzkopf beginnt zu diesem Zeitpunkt zu zweifeln: „Ich sagte mir: Verdammt, was machen sie in Berlin? Wann entschließen sie sich endlich, uns Flugzeuge zu schicken?“

Das Schlimmste kommt noch, hat Horst Schwarzkopf gesagt. Es war das Ende, die Einkesselung der Stadt Falaise durch die alliierten Truppen am 20. August 1944. 50000 deutsche Soldaten geraten dabei in Gefangenschaft, 10000 verlieren hier ihr Leben. Auch wenn Horst Schwarzkopf die Geschichte schon Dutzende Male erzählt hat, jetzt kommen die Tränen doch. „Ich wusste nicht, wo ich war, und ich hatte natürlich auch keine Karte. Ich stolperte über die Toten. Ich habe einen Kameraden auf Knien gesehen, mit offenem Bauch. Er flehte mich an: ,Bitte, töte mich!’ Ich habe nicht abgedrückt.“ Er sah sich ergebende Deutsche durch den Rauch, und die Amerikaner brüllten: „Come here!“ Er schlich sich in ein Flussbett, lief nach Osten, und plötzlich ist alles ruhiger geworden. Niemand war mehr zu sehen. Er ging in ein Bauernhaus hinein, es war verlassen. Auf dem Tisch hat er eine Schüssel mit Milch gesehen. Der Rahm schwamm an der Oberfläche. Er hat alles ausgetrunken, mit dem Gefühl zu leben. „Das war der schönste Augenblick meines Lebens“, sagt Horst Schwarzkopf.

Im Januar 1945 wird er am Bein verletzt, wenige Wochen später kehrt er zu seinen Eltern nach Berlin zurück. Er erfährt von Hitlers Selbstmord und sieht die ersten Bilder der Konzentrationslager. Damit er an nichts denken musste, erzählt er, ging er zwei Monate lang jeden Abend mit einer Freundin tanzen. In der DDR will er anschließend nicht Parteimitglied werden. Nur ein einziges Mal in seinem Leben, am 4.November 1989 auf dem Alexanderplatz, nimmt er an einer Demonstration teil. Er ist 62 Jahre.

Die Autorin arbeitet für die französische Tageszeitung „La Croix“. Den Text übersetzte Albrecht Meier.

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