Zeitung Heute : Nicht nur eine Frage der Finanzen

Roland Koch

Die Zeit der Tellerwäscher ist vorbei, Informatiker sind angesagt - zumindest wenn es darum geht, zum Millionär zu werden. Der Markt, auf dem zurzeit die Erfolgsstorys geschrieben werden, ist der der neuen Medien, der Informationstechnologien und künftig auch der der Biotechnologie. Hier gründen heute bereits Schüler oder Studenten Unternehmen, setzen pfiffige Ideen in lukrative Firmen um. Deren Aktien werden oft schon nach kurzer Zeit an den Börsen gehandelt und bringen ihren Inhabern Ruhm und Ehre auf dem so genannten Neuen Markt - und überdies manchmal sogar die erste Million. Allen anderen bringen sie Arbeitsplätze - momentan sogar so viele, dass der Bedarf an Mitarbeitern in den Boombranchen noch nicht einmal gedeckt werden kann. Sie bringen Steuereinnahmen und den Strukturwandel, mit dem Deutschland auch künftig an der Spitze der Industrienationen mitmischen will.

Allein die Gründer, die wollen noch nicht so recht wie sie sollen. An den deutschen Unis etwa herrscht noch immer ein recht flaues Gründerklima. Gerade mal jeder zehnte Hochschulabsolvent wagt beispielsweise in Berlin den Schritt in die Selbstständigkeit. Und das, wo gerade hier die Klientel fürs Unternehmertum liegt: Allein in der Hauptstadt gibt es drei Universitäten, sieben Fachhochschulen und vier künstlerische Hochschulen mit mehr als 130.000 Studenten - jungen, kreativen Menschen mit zukunftsträchtigem Know-how. Dieses Potenzial dahinsiechen zu lassen, wäre sicher eine wirtschaftspolitische Sünde zumal es selbst wiederum ein Markt für Berater und Bildungsinstitute ist, die versprechen, Unternehmungswilligen das passende Gründungswissen beizubringen.

Aber hier dürfte der Hase bereits im Pfeffer liegen. Ein Unternehmen zu gründen, lernt man nicht an einem Wochenende. Das wird vielen Teilnehmern solcher Veranstaltungen schlagartig bewusst, wenn sie sich mit den Vor- und Nachteilen unterschiedlicher Unternehmensformen oder steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten auseinander setzen müssen. Allein die Erstellung eines banktauglichen Businessplans kann sich über Monate hinziehen.

Immerhin gibt es auch Angebote, die Gründer zumindest über die schwierigen Anfangsmonate hinweg betreuen: An Arbeitslose richtet sich beispielsweise das Existenzgründerbüro der Arbeitsämter. Für Studenten hat bereits der ehemalige Wirtschaftssenator Pieroth das Existenzgründer-Institut ins Leben gerufen. Die neueste Idee der durch private Sponsoren finanzierten Einrichtung, die E-Foren (Entrepreneurship-Foren), setzt an einem anderen Punkt an: Die Foren sind Veranstaltungen, auf denen junge, wachstumsorientierte Unternehmensgründer (High-Potentials) mit professionellen Partnern zusammengebracht werden sollen, die ihrerseits das Startkapital beschaffen oder das Management organisieren. In Netzwerken bringen die Beteiligten ihre Kompetenzen ein und machen ein Unternehmen schneller marktfähig.

Auch die Zahl der Kapitalgeber, die in der Hoffnung auf spätere renditeträchtige Beteiligungen, bereit sind, Risikogeld (Venture Capital) in junge Firmen zu stecken, wächst ständig. Unternehmensberatungen sichern sich ihre zahlungskräftige Kundschaft von morgen, über Gründerzentren können fachliches Know-how ausgetauscht und Kooperationspartner gefunden werden. Vielleicht ist dieses Konglomerat ein Teil der Zauberformel, die den Gründergeist auch in Zukunft am Leben hält. Denn welcher Jungunternehmer kann in Betriebswirtschaft genauso gut sein wie im Programmieren eines Internetauftritts, kann gleichzeitig die letzten Tücken des Personalrechts kennen und dabei kreativ die Weichen für die Zukunft seiner Firma stellen?

Sind damit aber schon die Schwierigkeiten eines jungen Gründers, der seine Ideen in die Tat umsetzen will, erledigt? Er muss sich durch Bürokratie und den Förderdschungel kämpfen, in Bankverhandlungen überzeugen, in den ersten Jahren aller Wahrscheinlichkeit nach auf Urlaub verzichten und mit einer 60-Stunden-Woche rechnen. Er muss das Risiko eingehen, nicht selten seine finanzielle Existenz schon am Beginn seines Berufslebens aufs Spiel zu setzen. Vor allem aber ist er in Deutschland noch immer gesellschaftlich gebrandmarkt, wenn er mit der Realisierung seiner Ideen scheitert. Er ist dann der Pleitier, der Versager, der Möchtegern.

Aber erst wenn wir lernen, die Erfahrungen, die auch eine nicht geglückte Unternehmung bringen kann, als eine positive anzuerkennen, wird sich das Klima einstellen, in dem Ideen schnell und zahlreich auf den Markt gebracht werden. Denn wer an das Kapital in den Köpfen von heute will, darf nicht in überkommenen Denkmustern von gestern steckenbleiben.Die Deutschen Existenzgründertage 2000 finden vom 19. bis 21. Mai in den Messehallen unter dem Berliner Funkturm statt. Eingang ist der Kleine Stern an der Masurenallee / Ecke Messedamm. Geöffnet ist jeweils von 10 bis 18 Uhr. Die Tageskarte kostet 20 Mark. Weitere Infos finden Interessierte unter www.deutsche-existenz-gruendertage.de .

Im Tagesspiegel erscheinen am 19. Mai Sonderseiten zu den Existenzgründertagen. Die Beiträge stellen die aktuellen Trends vor, zeigen Hintergründe auf und geben Tipps rund um das Thema.

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