Zeitung Heute : Nicht nur für Firmen zahlt sich das elektronische Plebiszit aus - Forschungen der Uni Osnabrück

Matilda Jordanova-Duda

Dies wählen, jenes abstimmen - der mündige Bürger wird oft zur Urne gebeten. Doch es geht auch anders: Wahlen im Internet erprobt eine Forschungsgruppe an der Universität Osnabrück. Das elektronische Votum ist für viele bequemer als die Briefwahl und bei den zahlreichen Abstimmungen etwa in Firmen und Organisationen auch wirtschaftlich, so Professor Dieter Otten.

Auslandsdeutsche und Behinderte sind die Gruppen, die an einer Wahlmöglichkeit online besonders interessiert sind, meint Otten. Denn die persönliche Anwesenheit an der Urne erübrigt sich. Im Vergleich zur Briefwahl gebe es ebenfalls Vorteile: Die Bürger müssen sich nicht frühzeitig um die Anmeldung und die Unterlagen kümmern sowie ihre Wahl sechs Wochen früher als die anderen treffen - zu einem Zeitpunkt, zu dem die Willensbildung oft noch nicht abgeschlossen ist.

Die Internet-Wahl erhöht die Mobilität der Beteiligten und beschleunigt erheblich die Auswertung der Ergebnisse. Bleibt die Frage nach dem sicheren Votum. Für politische Wahlen sei die digitale Signatur die Voraussetzung, so Otten. Für firmen- und organisationsinterne Wahlen - beispielsweise von Betriebsräten - in geschlossenen Netzen reichten weniger komplizierte Verfahren aus. Wichtig sei allerdings, dass der Wahlserver räumlich und institutionell abgetrennt sei, um Manipulationen zu verhindern. Deshalb will die Hochschule nicht nur die geeignete Software, sondern auch einen geschützten Wahlserver bereitstellen.

Beim Feldversuch - die Wahlen zum Sozialen Parlament im Mai zusammen mit der Technischen Krankenkasse - wurde auf die höchste Sicherheitsstufe verzichtet. Jedes wahlberechtigte TK-Mitglied mit Internet-Anschluss konnte sich auf der Homepage der Krankenkasse zum Wahlspiel anmelden. Nachdem die TK die Wahlberechtigung geprüft hatte, wurden die Unterlagen per E-Mail geschickt und Transaktions-Nummern verteilt. Wahlbrief und Stimmzettel erschienen auf dem Bildschirm des Spielers, der seine Stimme per Mausklick abgeben konnte. Den rechtsgültigen Stimmzettel musste er allerdings in den Briefkasten werfen.

Die Hard- und Software zur Durchführung von Internet-Wahlen werde einen großen Absatzmarkt finden, glauben die Osnabrücker Wissenschaftler. Plebiszite und Urabstimmungen nehmen ständig zu, die Ansprüche an die Perfektion und die Geschwindigkeit der Auszählung ebenfalls. Nicht nur Unternehmen oder Staaten führen Wahlen durch, sondern auch Kirchen, Gewerkschaften, Parteien, Verbände, Kommunen und viele mehr.

Ein weiterer Vorteil sind die Kosten der E-Wahl. Die technische Organisation von Wahlen herkömmlicher Art ist sehr teuer: Im Durchschnitt liegen die Kosten bei 12 DM pro Stimme, und bei der Briefwahl gar bei 15 DM. Die E-Wahl soll den Vorgang um mindestens 50 Prozent verbilligen. Völlig ersetzen kann sie die klassische Wahl jedoch nicht.

Die TK wurde für den Feldversuch ausgewählt, weil besonders viele ihrer Mitglieder das Internet nutzen. Mehr als 1000 TK-Mitglieder haben im Internet gewählt, zog die Kasse Bilanz. Überraschenderweise deckten sich die Online-Ergebnisse mit denen der Briefwahl bis auf wenige Prozentpunkte.

Das Projekt soll bis zum Jahr 2000 laufen. Demnächst wird auf diese Weise der Personalrat beim Statistischen Landesamt Brandenburg und das Studentenparlament in Osnabrück gewählt. Das bundesweite Forschungsprojekt "Internetwahlen" wird vom Bundeswirtschaftsministerium mit insgesamt 1,4 Millionen. DM gefördert.

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