Zeitung Heute : Nicht nur in Gottes Hand

Sterbehilfe ist in Deutschland verboten – die aktive. Wer weiß schon mit letzter Gewissheit, wann ein Leben zu Ende sein soll? Die Qualen sollen verringert werden, so viel ist sicher. Und dazu ist genau festgelegt, wie viel der Arzt unterlassen darf.

Adelheid Müller-Lissner

STERBEHILFE – WAS IST ERLAUBT?

Das Leben hängt immer am seidenen Faden. Doch hing es noch nie so sehr an menschlichen Entscheidungen und hochtechnisierten Apparaten wie heute. In Frankreich kam eine Mutter ins Gefängnis, weil sie das Leben ihres nach einem Unfall schwerstbehinderten Sohnes auf dessen Wunsch hin mit einem Schlafmittel beenden wollte. Die Ärzte hatten dies abgelehnt. In Hannover steht eine Ärztin unter Verdacht, ihren Krebspatienten Schmerzmittel gegeben haben, ohne sie über eine möglicherweise lebensverkürzende Wirkung aufzuklären.

An den Begriffen aktive und passive Sterbehilfe führt hier kein Weg vorbei. Aktive Sterbehilfe versuchte die Mutter aus Lille, als sie ihrem Sohn ein Barbiturat in die Sondennahrung gab. Die aktive Sterbehilfe steht in Deutschland nach StGB § 216 als „Tötung auf Verlangen“ unter Strafe. Anders ist es mit der so genannten passiven Sterbehilfe: Ein Arzt kann eine Lebensverkürzung als Nebenwirkung in Kauf nehmen, wenn sein Hauptziel zum Beispiel die Behandlung starker Schmerzen ist. So können hohe Dosen des Opiats Morphin die Atmung eines schwer kranken Krebspatienten dämpfen. Sie werden aber verordnet, um Schmerzen zu lindern. Besser ist es deshalb vielleicht, von „indirekter" Sterbehilfe zu sprechen. Mit der lebensverkürzenden Nebenwirkung ist außerdem nicht immer zu rechnen. „In vielen Fällen wirkt eine angemessene Schmerztherapie mit Opiaten sogar lebensverlängernd“, sagt der Intensivmediziner Christoph Stein von der Charité Campus Benjamin Franklin. Allerdings müssen die behandelnden Ärzte ihre Patienten über die Wirkungen und Nebenwirkungen der Therapie aufklären. Bei bewusstlosen oder nicht einwilligungsfähigen Kranken sind die Angehörigen oder vom Gericht bestellten Betreuer die Ansprechpartner.

Was Ärzte in Deutschland beachten sollten, hat ihre Standesorganisation, die Bundesärztekammer, zuletzt im Jahr 1998 in Form von „Grundsätzen“ festgelegt. Darin heißt es: „Die Verpflichtung zur Lebenserhaltung besteht nicht unter allen Umständen. Es gibt Situationen, in denen sonst angemessene Diagnostik und Therapieverfahren nicht indiziert sind, sondern Begrenzung geboten sein kann.“ Die Behandlung hört nicht auf, sie bekommt eine andere Zielsetzung. Menschenwürdige Unterbringung, Zuwendung, Schmerzlinderung, die Verhinderung von Atemnot und Übelkeit bleiben die Basis.

Die Bundesärztekammer unterscheidet zwischen drei Gruppen: Bei Menschen, die schon im Sterben liegen, hat der Arzt die Pflicht, „so zu helfen, dass sie in Würde zu sterben vermögen“. Wenn dabei die Linderung des Leidens im Vordergrund steht, darf eine „möglicherweise unvermeidbare Lebensverkürzung hingenommen werden“. Bei Patienten, deren Krankheit tödlich ist, die aber noch nicht im Sterben liegen, kann das Behandlungsziel sich ändern: Wenn eine Therapie nur Leiden verlängert, können lindernde Maßnahmen an ihre Stelle treten. Das gilt zum Beispiel für einige Krebspatienten. Zur dritten Gruppe gehören Patienten, die „nicht zwangläufig in absehbarer Zeit sterben“, aber anhaltend bewusstlos sind, etwa Patienten im Wachkoma, von denen es derzeit 100000 in Deutschland gibt. Eine lebenserhaltende Therapie ist geboten. Später sei es unter Umständen gerechtfertigt, auf den Einsatz technischer Hilfsmittel zu verzichten.

Ausdrücklich heißt es außerdem: „Alle Entscheidungen müssen dem Willen des Patienten entsprechen.“ Das gilt auch für den Fall, dass ein Kranker die Beendigung lebenserhaltender Maßnahmen wünscht. Anhaltspunkte sollen notfalls im Gespräch mit Angehörigen gewonnen werden. Patientenverfügungen sind zwar verbindlich, sie lassen sich aber leider oft nicht auf die konkrete Situation anwenden. „Wir kommen hier in Grenzbereiche, die selbst durch Gesetzesvorschriften nicht klar geregelt werden können“, meint Intensivmediziner Stein.

Die Frage nach der künstlichen Ernährung ist besonders heikel. Das „Stillen von Hunger und Durst“ gehört nach den Grundsätzen zur Basisbetreuung. Sterbende jedoch empfinden oft weder Hunger noch Durst. In diesem Fall werden die Angehörigen gefragt, ob sie dem Legen einer Ernährungssonde zustimmen – eine schwere Gewissensfrage.

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