Zeitung Heute : „Nicht rumzappeln!“

Sie stehen am Spielfeldrand und achten darauf, dass die Kicker immer einen Ball zum Spielen haben: die Balljungen und -mädchen bei der WM. Was nach einer lockeren Nachmittagsbeschäftigung aussieht, ist in Wirklichkeit ein Ganztagsjob und streng reglementiert. Eisernes Gebot: ruhig bleiben und den Ball in Brusthöhe einwerfen.

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Ein Morgen in Frankfurt, es ist der Tag der Vorrundenpartie zwischen England und Paraguay. Bereits sieben Stunden vor dem Anpfiff treffen sich die Ballkinder. Alle werden von ihren Eltern gebracht. Das Sportheim im Stadtteil Unterliederbach ist mit Girlanden aus kleinen Fahnen geschmückt. Allein und in großer Ausführung hängt die deutsche Flagge an der Tür. Der Wirt zeigt dem kleinen Tobias das Buffet. Es ist viertel nach sieben.

Die Anmeldung gerät textillastig, jedes Kind bekommt zwei Sporttaschen überreicht. In der roten Tasche befinden sich Schuhe, eine Hose, eine Kappe, eine Einweg-Kamera. In der schwarzen Tasche liegen zwei T-Shirts. Kurz vor Spielbeginn wird die Fifa mitteilen, ob die Kinder das graue oder das orangefarbene anziehen sollen. Die meisten der Kleinen sind überwältigt, als ihnen die Taschen über den Tisch zugeschoben werden.

Nach dem Frühstück fahren sie 20 Minuten mit dem Bus zum Stadion. Nur noch sechs Stunden, bis 50 000 Menschen die Ränge füllen werden. Es wird geprobt. „Es muss alles perfekt sitzen“, wird Tobias und den anderen Jugendlichen eingeschärft. Sein Platz ist hinter dem Tor. Den Rasen darf er nicht betreten. Bälle dürfen nur zugeworfen werden, wenn der Spieler Blickkontakt aufnimmt. Ansonsten gilt: nicht an der Außenlinie rumzappeln und unparteiisch sein.

Als die Spieler auf dem Rasen auftauchen, um sich warm zu machen, wird die Geduld der Ballkinder auf eine harte Probe gestellt. Keine Autogramme, keine Fotos. Die Einweg-Kamera musste nach der Probe weggelegt werden. Schließlich werden die Nationalhymnen gespielt. „Was ich da gefühlt habe, kann ich nicht beschreiben“, sagt Tobias, ganz alter Hase.

Nach dem Anpfiff scheinen plötzlich andere Wünsche als Autogramme oder Fotos Wirklichkeit werden zu können. Sie haben sich schließlich alle ausgemalt, wie es wohl auf dem Spielfeld werden würde.

„Ich möchte Beckham den Ball zuwerfen. Er legt ihn sich für einen Freistoß zurecht, schießt und macht das Tor.“ Davon träumt die 15-jährige Michelle. Ihr Traum geht nicht wirklich in Erfüllung. Beckham trifft zwar, aber mit Hilfe des paraguayischen Kapitäns, Michelle ist nicht involviert. In der 40. Minute allerdings wird es ein wenig kitschig. „Beckham kam angerannt. Er schaute mir in die Augen, und ich warf ihm den Ball zu.“ Genau auf Brusthöhe, wie zuvor zigmal einstudiert. Noch drei weitere Male kommt der Spielball in ihre Hände. „Becks sieht noch besser aus als auf den ganzen Postern, die bei mir im Zimmer hängen.“ Kurz vor der Halbzeit passiert einem der Ballkinder ein Fauxpas. Plötzlich sind zwei Bälle im Spiel. „Ärger haben wir aber nicht bekommen. Das passiert halt“, erklärt Michelle.

In der Pause muss sie sich erholen und kniet sich auf den Rasen. Niemand schimpft. Es folgen weitere 45 Minuten, „in denen ich mit England gezittert habe“, sagt Michelle. Dann pfeift der Schiedsrichter das Spiel ab. „Ich konnte es gar nicht fassen. Ich wollte noch bleiben.“ Aber da ist das Reglement eisern. Zusammen mit den anderen Balljungen- und mädchen muss sie sich am Spielertunnel treffen. Die Mitarbeiter der Fifa sammeln die Bälle ein, sie werden später zugunsten der SOS-Kinderdörfer versteigert. Vom Treffpunkt geht es zurück zum Bus und wieder nach Unterliederbach.

„Ich sehe, ihr habt alle ein Lächeln auf den Lippen“, sagt ein Mann vom Organisationsteam, es klingt fast ein bisschen selbstgefällig. Verschwitzt und müde stehen die Kinder vor ihm, aber in der Tat sind sie zufrieden. Vor allem Michelle – dank David Beckham.

Katja Mentz

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