Zeitung Heute : Nicht von Königs Gnaden

Der Tagesspiegel

Von Nana Brink, Dresden

Besser als der Zeitungsverkäufer in der Dresdner Innenstadt hätte man die Schlagzeile nicht verkaufen können: „Hallo, liebe Sachsen, ihr müsst ganz tapfer sein: Am 18. April wird Sachsen Republik.“ König Kurt tritt ab und der eiserne Kanzler kommt. „Liebe Sachsen, Rosinenkuchen ist alle, jetzt gibt’s Schwarzbrot.“

Georg Milbradt lacht, wenn er so etwas hört. Er lacht, aber er kommentiert es nicht. Kein falsches Wort mehr. Nur Lob über den „besten Ministerpräsidenten“, den Sachsen hatte. Bislang. Denn jetzt ist er am Zug.

Eine Ära ist zu Ende, wenn der scheidende Ministerpräsident Kurt Biedenkopf heute seine letzte Rede halten und Sachsens CDU-Chef Milbradt zu seinem Nachfolger gewählt wird. Ein an sich nüchterner parlamentarischer Vorgang, der Alte geht, der Neue kommt, hätte sich die vorzeitige Amtsübergabe nicht mit Theaterdonner angekündigt. Nichts ist mehr, wie es war in der seit 1990 mit absoluter Mehrheit regierenden Sachsenunion, die sich bis vor kurzem nur an einem Namen orientierte: Biedenkopf, Kurt, zusammen mit Ehefrau Ingrid, das strahlende Herrscherpaar.

Milbradt, der Wirtschaftsprofessor und ehemalige Stadtkämmerer von Münster setzte als Finanzminister die Visionen um, die Biedenkopf ex cathedra vor großem Publikum entwarf. Ohne schönzufärben redete er von den tatsächlichen Kosten der Einheit und schnürte den Freistaat in ein Sparkorsett. Ende 1998 konnte Milbradt verkünden: Sachsen liegt bei der Verschuldung auf dem zweitbesten Platz aller Bundesländer – nach Bayern. Er sei ein „Klasseboxer auf einer Dorfkirmes“ schrieben die Zeitungen über seine Auftritte im Landtag.

So erwarb er sich über drei Legislaturperioden eben jenen Spitznamen „Eiserner Kanzler“, doch er ist kein Kanzler von König Kurts Gnaden. Völlig überraschend feuerte Biedenkopf im Januar 2001 seinen ergebenen Minister mit den kolportierten Worten, er sei zwar ein „hochbegabter Fachmann, aber ein miserabler Politiker“. Milbradt hatte ein Sakrileg begangen: Er wollte Biedenkopf drängen, seine Nachfolge zu regeln, rechtzeitig vor den nächsten Wahlen 2004.

Parteifreunde, auch Kabinettsmitglieder, bezichtigten ihn des „versuchten Königsmordes“. So etwas kann Politikerkarrieren beenden. Kann. Die Demission des Ministers bescherte jedoch Sachsens CDU eine große Krise. Das Denkmal Biedenkopf begann zu bröckeln: Kämpfe der potenziellen Nachfolger, dazu die Mietaffäre, zu guter Letzt das peinliche Rabattgeschacher bei Ikea.

Milbradt denkt nicht mehr an diese Zeit. Sagt er. Aber sie hat ihn dünnhäutig gemacht. Sein Blick ist nicht mehr so offen, und die Stirn legt sich gern in Falten. Ein Gesicht, nicht rund und rosig wie früher, das sich plötzlich in Schlagworte fassen lassen muss. Kantig. Echt. „Das passt doch klasse“, sagt Sachsens CDU-Generalsekretär Hermann Winkler. „Das ist unser Georg.“

Und Georg hat es allen gezeigt. Ein hervorragender Analytiker war er schon immer, seit einem Jahr zeigte Milbradt seine Qualitäten als Stratege, der seine Rehabilitation in kleinen Schritten vorantrieb. Oberstes Gebot: Königstreue bis an die Schmerzgrenze des Devoten. Er parierte die Attacken des Regierungschefs gelassen, ließ sich zu keinem bitteren Wort hinreißen, und nur Eingeweihte hörten den zynischen Unterton, wenn er den Landesvater mal wieder als „Glücksfall für Sachsen“ würdigte.

Milbradt profitierte auch von einer der größten Schwächen Biedenkopfs. Anders als der zunehmend entrückte Regierungschef suchte er den Kontakt zur Basis. „Ich habe ihn ein bisschen an die Hand genommen“, sagt Generalsekretär Winkler, einer der Ungeduldigen in der Partei. Milbradt wittert seine Chance, reist von Kreisverband zu Kreisverband, kümmert sich um die vernachlässigten Parteisoldaten – mit Erfolg. Bei der Wahl zum Parteichef im September 2001 setzt er sich mit 58 Prozent klar gegen den Biedenkopf-Liebling, Agrarminister Steffen Flath, durch.

Das Comeback des Georg Milbradt ist auch die Geschichte einer Verwandlung. Binnen Monaten wird aus dem barocken Kassenwart ein asketisch wirkender Politstratege. Alle Archivbilder des CDU-Chefs müssen ausgetauscht werden, als er sich die Haare millimeterkurz schneiden lässt, ein paar Kilo abnimmt und die Anzugfarbe wechselt – Anthrazit.

Bleibt die Frage, wer nach den schon erklärten Abtritten der einstigen Wegbegleiter im Kabinett – Wirtschaftsminister Kajo Schommer und der für Soziales zuständige Hans Geisler – an deren Stelle tritt. Milbradts Mannschaft wird sich daran messen lassen müssen, wie wichtig ihm die Aussöhnung mit den Biedenkopf-Anhängern in der CDU ist. Nicht wenige warten darauf, so ein enger Parteifreund, dass der laute, „der alte Milbradt wieder hervorkommt“. Schließlich könne kein Mensch so viel Demütigung schlucken. Darauf angesprochen, lächelt Georg Milbradt wieder etwas mühsam. Natürlich gibt er darauf keine Antwort. Er bleibt bei seiner Taktik: Schweigen, bis es so weit ist.

Der heutige Tag wird noch einmal dem alten Regierungschef gehören. Stehende Ovationen, echte und falsche Tränen, ein bisschen Wehmut ob des vergehenden Glanzes - und natürlich wird Biedenkopf seinem Nachfolger Glück wünschen. Mit einem strahlenden Lächeln, das, wie seine Gegner wissen, eiskalt sein kann. Einen Vorteil hat die Missgunst des abtretenden Herrschers: Milbradt wird nun erst recht nicht so werden wollen wie er, der ihn so schlecht behandelt hat. Er muss nicht den König geben. Er kann der eiserne Kanzler bleiben. „Ihr lieben Sachsen, Rosinenkuchen ist alle, jetzt gibt es Schwarzbrot.“

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