Zeitung Heute : Nicht weit von den überlaufenen Touristenzentren versteckt sich das ursprüngliche, idyllische Bali

Jörn Klare

Unermüdlich - seit Stunden schon - spielt das Gamelanorchester im selben Rhythmus. Die Sonne hat ihren höchsten Stand erreicht und im Vorhof der Tempelanlage haben sich einige tausend festlich gekleidete Menschen aus den umliegenden Dörfern versammelt. Ausnahmslos haben sie langen, farbenfrohen Stoff - den Sarong - um die Hüften geschlungen. Die Frauen tragen dazu transparente Spitzenblusen, unter denen sie stolz Mieder und Büstenhalter zeigen, die Männer einfache weiße Hemden und Jacken. Die Stimmung ist entspannt. Ein paar Kinder lassen einen Drachen steigen. Es wird geredet, gelacht und getrunken.

Der Pura Samuan Tiga in Bedulu ist eine der großen Tempelanlagen Balis und stammt aus dem 11. Jahrhundert. Der "Tempel der Dreieinigkeit" ist Brahma, Hindu und Vishnu, den drei obersten Hindu-Gottheiten gewidmet, die von zirka 95 Prozent der balinesischen Bevölkerung verehrt werden. Heute zum Vollmond wird der Odalan, der "Tempelgeburtstag" gefeiert.

Wieder verlässt eine Gruppe alter, würdiger Frauen den inneren, heiligsten Bereich der Tempelanlage, der vom großräumigen Vorhof nicht eingesehen werden kann. Mit weit ausholenden, tänzelnden Schritten umkreisen die weißgekleideten Priesterinnen das unübersichtliche Gelände, um etwa zwanzig Minuten später wieder an ihren Ausgangspunkt zurückzukehren. Mit dieser Zeremonie sollen die Dämonen vertrieben und der Raum gereinigt werden.

Bali, eine von Indonesiens fast 14 000 Inseln, vulkanischen Ursprungs und etwa doppelt so groß wie Luxemburg, wird in den Prospekten der Tourismusbranche als "exotisches Urlaubsparadies" gepriesen. Doch wer in den konsumgeprägten Touristenzentren in der Nähe der Hauptstadt Denpasar landet, fühlt sich meist eher ins Fegefeuer versetzt. Dabei liegt das andere, das ursprüngliche Bali gar nicht weit von den Postkartenstränden der Küste entfernt.

Für den Transport ins etwa 30 Kilometer entfernte Marga entscheide ich mich für ein Bemo. Das ist ein einfacher Transporter, in der Größe eines VW-Busses, der auf einer festgelegten Route so viele Menschen, Tiere und Waren transportiert wie nur hineinpassen. Diesmal etwa 20 Personen. Die Lage ist nur schwer zu überblicken. Eigentlich hatte ich umgerechnet 40 Pfennige für einen zweiten Platz bezahlt. Doch das interessiert niemanden. Der Fahrer ist von meinem Platz aus nicht mehr zu sehen, und meine heiter drängenden Mitreisenden freuen sich, meine direkte Bekanntschaft zu machen.

Das kleine, beschauliche Marga ist eine unspektakuläre, funktioniernde Dorfgemeinschaft, ein Ort, wie viele andere, abseits der Touristenströme. Zur Begrüßung erklärt I Gusti Raka Panji Tisna seinen Namen. Der verrät alles über seine Kaste - die der Händler -, seine Herkunft - aus dem Osten Balis - und das wievielte Kind er in seiner Familie ist - das dritte. Im Grunde gibt es in Bali vier verschiedene Vornamen. Das muss reichen. Bei einem fünften Kind wird einfach wieder von vorn begonnen. Das Kastensystem hat viel von seiner Bedeutung verloren, zumal es hier nur vier verschiedene Gruppierungen gibt und nicht 3000 wie in Indien.

Panji ist 36, studierte in den USA und kehrte nach dem Tod seiner Eltern vor drei Jahren auf den Hof seiner Familie zurück. Dieser ist wie alle anderen im Dorf von einer hohen Mauer umgeben. Stolz erklärt Panji seinen Besitz. "Wenn du durch dieses Tor trittst, stößt du auf eine zweite Mauer, die das Heim von der Straße abtrennt. Das ist wegen der bösen Geister, denn die können keine Kurven gehen." Was mit einer kleinen Dämonenfalle beginnt, setzt sich in der ganzen Anlage fort. Balinesische Architektur ist eine Form von gebauter Religion.

"Balinesische Höfe teilen sich in drei Bereiche. Das ist wie bei einem menschlichen Körper. Es gibt einen Kopf, den Rumpf und die Füße. Der Kopf, der religiöse Teil, liegt in unseren Fall im Nordosten. Dort geht die Sonne auf und dort liegen die heiligen Berge. Also befindet sich da der Familientempel. Wer diesen Bereich verlässt, stößt auf den Hauptteil des Hofes. Der Tempel, also der Kopf, ist für die Götter, und der Körper dient den menschlichen Aktivitäten. Im Norden wird geschlafen und ziemlich in der Mitte, nach Osten hin, ist das Zeremonienhaus. Dort werden alle Rituale abgehalten, die mit dem Lebenszyklus der Menschen hier zusammenhängen. Die Küche liegt in diesem Teil Balis immer im Süden. Das hängt mit dem Feuergott zusammen, dem südlichen Hüter der Insel."

Dazu kommt, dass das als heilig geltende Wasser von den nördlichen Bergen heranfließt und den Hof im Süden wieder verlässt. Dort muss die Küche liegen, die genauso wie die angrenzenden Bäder als unrein gilt.

Auf einem Spaziergang durch das Dorf begegnen wir Pak Wayan Sedia einem Cousin Panjis. Er sitzt vor seinem Haus und hält seinen Lieblingshahn fast zärtlich im Arm. Morgen ist Kampftag und Pak lässt sich schon heute bewundern. Seit 1982 sind Hahnenkämpfe verboten und nur dann erlaubt, wenn sie zu einem Tempelfest oder zu einer anderen Zeremonie gehören. Eine ziemlich überflüssige Regelung, gibt es doch auf Bali zirka 20 000 Tempel von denen jeder mindestens einmal im Jahr Geburtstag hat. Das Blut der Hähne soll die Dämonen beruhigen. Die beteiligten Männer bringt es eher zur Raserei. Ein Hahnenkampf ohne Wetten ist unvorstellbar, und mancher verliert dabei sprichwörtlich "Haus und Hof".

Draußen auf den Feldern ist eine Gruppe von Frauen mit der Ernte beschäftigt. Alle Arbeiten werden mit den Händen erledigt. Mit der großen Sichel wird der Reis geschnitten, dann wird das Korn mit der Hand über einem Korb ausgeschlagen. Der kräftige Wind trennt die Spreu vom Reis. Zwei alte Frauen durchkämmen noch einmal die Reste. Schließlich wird die Ernte in große Säcke zu je 25 Kilogramm abgepackt, und dann auf dem Kopf ins Dorf getragen.

Reis spielt die unumstrittene Hauptrolle in Balis Landwirtschaft. Vorwiegend wird er im Nassanbau angepflanzt. Das heißt, der Reis wächst zunächst auf Feldern, auf denen künstlich aufgestautes Wasser steht. Erst wenn die von Hand gesetzten Schösslinge eine gewisse Reife erreicht haben, lässt man das Wasser ab. Nach der Einführung neuer Reissorten in den 70er Jahren haben sich die jeweiligen Erträge verdoppelt, und zudem kann bis zu dreimal im Jahr geerntet werden. Der Reis hat Bali geprägt, das Land und die Menschen. Das ausgeklügelte Bewässerungssystem für die meist in Terrassenform angelegten Reisfelder stammt aus dem 6. Jahrhundert. Diese Terrassen dominieren die Landschaft in weiten Teilen Balis, was die Insel an vielen Stellen, wie eine riesige Skulptur - ein großes Stück Landschaftskunst - wirken lässt.

Die Organisation liegt in den Händen einer über 1000 Jahre alten Genossenschaft, der Subakh. Ihr Chef der alle fünf Jahre gewählt wird, organisiert, wann Zeremonien stattfinden, wann gesät wird, welches Feld wann Wasser bekommt und an welchen Tagen geerntet wird. Vor einigen Jahren hatten staatliche Stellen den gut 1200 Genossenschaften einen einheitlichen Saatrhythmus vorgeschrieben. Erst nachdem sich die Ernte halbierte, durften die Subakhs wieder allein entscheiden. Im Grunde aber ist Dewi Sri, die Reisgöttin, zuständig. Die wirkt mit ihrem langen Hals, der schmalen Taille, den vollen Brüsten und den langen geschwungenen Augenbrauen nicht nur äußerst sexy, sondern auch ziemlich jähzornig. Mit einer Fülle von kleinen und großen Zeremonien will man möglichen Unmut gar nicht erst aufkommen lassen.

Überhaupt gehören rituelle Opfer zum Alltag Balis. Täglich und überall, bei nahezu allen Gelegenheiten wird meist mit kleinen, kunstvollen Blumengestecken um den Segen der Götter gebeten. Dazu kommen die großen Zeremonien im Lebenslauf eines jeden Balinesen. Ob es darum geht, dass Neugeborene erst nach 105 Tagen die Erde berühren dürfen - vorher gelten sie als unrein und könnten die Erde beleidigen -, oder darum die Eckzähne der Heranwachsenden abzufeilen, weil sie als Symbol der animalischen Kräfte gelten. Der Respekt gegenüber den Göttern, der Natur und den Mitmenschen ist in Bali allgegenwärtig.TIPPS FÜR BALI

Anreise: Flüge mit British Airways ab 1500 Mark in die Hauptstadt Denpasar; Lufthansa etwa 2400 Mark. Sonderpreise in Reisebüros erfragen. Die Flugzeit beträgt rund 19 Stunden.

Einreise: Für einen Aufenthalt bis zu 60 Tagen benötigen Touristen aus Deutschland kein Visum.

Gesundheit: Impfungen sind derzeit nicht vorgeschrieben. Es wird jedoch empfohlen, den Tetanus- und Polio-Schutz aufzufrischen.

Unterkunft: Die Hotels sind fast durchweg in landestypischer Architektur gebaut und eingerichtet. Wer einen Einblick in die reizvolle Kultur Balis haben möchte, reist nach Ubud. Das Angebot ist überall groß und reicht von den kleinen Familienpensionen, die schon ab zehn Mark ein Quartier bieten bis hin zur Edelanlage für einige hundert Dollar die Nacht.

Veranstalter: Pauschalangebote gibt es von fast allen bekannten Reiseveranstaltern ab 2100 Mark (Neckermann) für 14 Tage inklusive Flug.

Ein sehr umfangreiches Bali-Programm bietet der Berliner Spezialist Geoplan. Für Individualreisende steht eine große Auswahl an Strandhotels zur Verfügung. Angeboten werden auch mehrtägige organisierte Erlebnistouren mit Führer und Chauffeur oder auf eigene Faust, eine Wanderung oder ein Kochkurs mit Einblick in die indonesische Küche. Auskunft: Geoplan, Steglitzer Damm 96"b, 12169 Berlin; Telefon: 795 40 21.

Bali in Reise-Bausteinen, als Rundreise oder als Ausgangshafen einer Kreuzfahrt bieten auch East Asia Tours, Kurfürstendamm 206, 10719 Berlin; Telefon

885 22 44 und Windrose Fernreisen, Neue Grün-

straße 28, 10179 Berlin; Telefon: 201 72 10.

Auskunft: Indonesisches Fremdenverkehrsamt, Wiesenhüttenstraße 17, 60329 Frankfurt am Main; Telefon: 069 / 23 36 77.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

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