Zeitung Heute : Nicht willkommen

Die USA verweigern Gespräche mit Teheran: Was Irans Präsident Ahmadinedschad im Irak vorhat

Ruth Ciesinger

US-Truppen haben fünf iranische Diplomaten im Irak verhaftet, weil sie aufständische Schiiten unterstützt haben sollen. Welchen Einfluss hat der Iran im Irak?


Dass der Iran die Situation im Irak beeinflusst, bestreitet die Führung in Teheran gar nicht, im Gegenteil. Wenn Bagdad darum bitte, werde man den Einfluss auf die irakischen Schiiten nutzen, die Gewalt im Nachbarland einzudämmen, versprach Ende November Irans Revolutionsführer Chamenei Iraks Präsidenten Talabani. Aus amerikanischer Perspektive geschieht in der Praxis aber das Gegenteil: Der Report der Kommission unter Ex-Außenminister James Baker, der Vierteljahresbericht des Pentagon zum Irak oder nicht zuletzt Präsident George W. Bush werfen dem Iran vor, schiitische Milizen im Irak zu trainieren und ihnen Waffen zu liefern.

Wie seriös manche Berichte sind, ist schwer abzuschätzen. Bisher wurden keine Fälle bekannt, in denen dem Iran konkret die Planung von Anschlägen nachgewiesen worden ist. Meldungen über Sprengzünder, die sowohl von der Hisbollah als auch im Irak verwendet worden sind, helfen da auch nicht viel weiter – da sich herausstellte, das diese auch von ganz anderen Organisationen in anderen Ländern eingesetzt wurden. Klar ist aber, dass die neue politische Elite des Iraks wie im Iran schiitisch ist und allein schon deshalb alte und enge Verbindungen bestehen. Der Iran, der für sich eine Vormachtrolle in der Region beansprucht, ist – auch aufgrund der Erfahrungen aus dem Iran-Irak-Krieg – sehr interessiert an einem freundlich gesinnten, schiitisch dominierten Nachbarn. Und während der Diktatur von Saddam Hussein baten viele Iraker in Teheran um Exil.

Zum Beispiel der Geistliche Abdelasis al Hakim, der Vorsitzende der größten schiitischen Partei, dem „Obersten Rat für die Islamische Revolution im Irak“ (Sciri). Hakim lebte vor der US-Invasion im Iran und soll nach wie vor enge Beziehungen dorthin haben. Zu Sciri wiederum gehört die Miliz der Badr-Brigaden, die ähnlich wie die „Mehdi-Armee“ des radikalen Schiitenführers Muktada al Sadr Anschläge gegen Sunniten vorgeworfen werden. Allerdings traf al Hakim selbst vor wenigen Wochen den US-Präsidenten zu direkten Gesprächen in Washington. Dabei forderte er, dass die amerikanischen Soldaten das Land noch nicht verlassen, sondern die Iraker mehr beim Kampf gegen Terroristen und Aufständische unterstützen sollten. Während al Hakim sich also als Mittler betätigt und vielleicht auch eine gewisse Distanz zu Teheran entwickelt hat, gelten al Sadr und dessen Miliz als eines der größten Sicherheitsrisiken für die Stabilität des Irak. Seine „Mehdi-Armee“ erhält derzeit wohl vor allem aus dem Iran Unterstützung.

Regierungschef Nuri al Maliki wiederum, der anders als sein Vorgänger Ibrahim al Dschaafari seine Exiljahre nicht im Iran sondern in Syrien verbracht hat, soll sich inzwischen mehr al Sadrs Milizen verpflichtet fühlen als dem US-Präsidenten, in keinem Fall aber will er als Marionette der Amerikaner dastehen. Und er demonstriert regelmäßig, dass seine Regierung großes Interesse an guten

Beziehungen zu allen Nachbarn

hat – inklusive dem Iran und Syrien.

Allerdings sind im Irak mehr Staaten als der Iran entscheidend – ganz abgesehen von den Akteuren im Land selbst. Die Baker-Hamilton-Kommission hat deshalb vorgeschlagen, mit allen Nachbarn, also neben Saudi-Arabien, Jordanien, Kuwait sowie der Türkei auch mit dem Iran und Syrien eine diplomatische Initiative zu starten. Für sie alle ist ein Irak, der im Bürgerkrieg versinkt oder zu einem zweiten Afghanistan wird, eine Horrorvision; gerade auch Syrien und die Türkei haben wenig Interesse an einem Auseinanderbrechen des Landes, da ihnen dann ein eigenes Kurdenproblem drohen würde. Und in fast allen Staaten leben inzwischen tausende irakische Flüchtlinge, allein in Syrien sollen jeden Tag 2000 weitere ankommen, schreibt das Pentagon, in Jordanien sind es geschätzte 1000. Doch anstatt alle Länder an einen Tisch zu bringen, verfolgt der amerikanische Präsident derzeit die entgegengesetzte Strategie – vor allem was den Iran betrifft.

Washington „zieht die Daumenschrauben an“, sagt Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Bereits im Dezember waren iranische Diplomaten in Bagdad kurzfristig verhaftet worden, fünf Iraner wurden vergangene Woche im nordirakischen Erbil festgesetzt – was auch in Bagdad auf Missfallen stieß. Wenn zudem ein US-Sicherheitsberater ankündigt, man werde iranische Helfer der Aufständischen im Irak auch über die Grenze verfolgen, ist das ein ziemlich scharfer Ton, der so auch in den europäischen Hauptstädten zur Kenntnis genommen wird. Allerdings gehen deutsche Beobachter davon aus, dass dies zwar eine verschärfte Drohkulisse bedeutet, aber noch keinen Strategiewechsel der Amerikaner gegenüber dem Iran, geschweige denn eine drohende Attacke auf das Land.

Sie verweisen vielmehr darauf, dass sich in Teheran inzwischen auch Konservative gegen die Atompolitik von Präsident Ahmadinedschad wenden, und warnen davor, dass diese Bewegung durch zu viel Druck von außen wieder gestoppt werden könnte. Denn wenn sich im Atomkonflikt mit dem Iran nichts bewegt, ist es auch umso schwerer, dass sich der Westen in der Irakfrage mit Teheran verständigt.

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