Zeitung Heute : Nicht zu bremsen

Plötzlich sprang der Mann. Der Fahrer versuchte, den Zug anzuhalten. Erst nach sieben Kilometern kam er zum Stehen. Zweimal in seinem Berufsleben erfährt jeder Lokomotivführer durchschnittlich dieses Gefühl der Ohnmacht. Und die Fälle häufen sich. Ein halbes Jahr nach dem Tod von Robert Enke sind die Bahn-Suzide drastisch angestiegen

Angst im Lokführerhaus. Die Gleise scheinen sich im Nichts zu verlieren. Aber auf einmal könnte etwas geschehen. Foto: mauritius images
Angst im Lokführerhaus. Die Gleise scheinen sich im Nichts zu verlieren. Aber auf einmal könnte etwas geschehen. Foto: mauritius...Foto: mauritius images

Zuerst dachte er, der Mann ist betrunken. So nahe, wie der neben den Schienen ging. Günter Seidler saß im Triebwagen des ICE Frankfurt-Köln. Vor ihm liefen die Gleise zusammen, als würden sie sich irgendwo im Nichts berühren, es hatte etwas Saugendes. Der Mann kam näher. In dem Moment wusste Seidler: Der geht drüber. Es quietschte und rüttelte, Vollbremsung. Der Lokführer, der den Triebwagen steuerte, nuschelte: „Ich muss gleich dem Bistro Bescheid geben, wegen der kaputten Gläser.“ Dann sah Seidler nur noch Rot, „das war wie eine Blutdusche“.

Seidler ist Arzt, er behandelt Lokführer, die ein Trauma haben, weil sich jemand vor ihren Zug geworfen hat. Eines Tages beschloss er, er müsse in einem ICE-Triebwagen mitfahren. Um zu sehen, was seine Patienten sehen, die Bahnhöfe, die Gleise. Seidler dachte nicht daran, dass irgendetwas Außergewöhnliches passieren würde. Für ihn war das eine Recherche wie jede andere. Es dauerte nicht lange, da taumelte der Mann auf das Gleis. Und aus der Recherche war schrecklicher Ernst geworden.

Sechs Monate, nachdem in allen Medien über den Suizid des deutschen Fußballtorwarts Robert Enke berichtet wurde, weiß man, dass es zu einem „Werther-Effekt“ kam. Dass es Nachahmer gab, genau wie jene jungen Männer, die es nach der Veröffentlichung von Goethes „Leiden des jungen Werther“ 1774 dem unglücklich verliebten Romanhelden gleichtaten, daher der Name. Es soll einen drastischen Anstieg an Selbsttötungen gegeben haben; die Zahl, die kursiert: vier Mal so viele Tote allein kurz nach der Tat Mitte November 2009.

Die Deutsche Bahn kennt die genauen Daten, gibt sie aber nicht heraus. Sagt überhaupt nichts zu Bahnsuiziden. Auch nicht, dass es laut Statistischem Bundesamt in den vergangenen Jahren immer mehr geworden sind. 2007 waren es 572, im Jahr darauf 617, knapp 1,7 pro Tag. Jetzt sind es vermutlich noch wesentlich mehr. „Wir äußern uns dazu gar nicht“, mailt eine Sprecherin. Wegen des Werther-Effekts, das ist Firmenpolitik.

Die Bahn-Mitarbeiter, die reden müssen, sitzen unbemerkt von der Öffentlichkeit beim Traumatologen Günter Seidler. In einem kleinem Raum, vollgestopft mit Büchern und ein paar Stühlen, zu einem Kreis angeordnet. Überall sind Taschentücher. In Kartons, in kleinen Stapeln, einzeln. Wegen der Tränen, die in Günter Seidlers Büro fließen. Seidler leitet die Sektion Psychotraumatologie am Universitätsklinikum Heidelberg, zu ihm kommen Leute, die ein Trauma haben. Asylbewerber, Unfallopfer, Soldaten, die im Krieg waren, Frauen, die sich prostituieren müssen. Und eben Lokführer. Weil sie nicht mehr schlafen können und nicht mehr arbeiten. Weil sie „wen totgefahren haben“, sagt Günter Seidler.

Seidler, schütteres Haar, Bart, Brille, sagt gerne solche Sachen. Anfangs irritiert einen das. Irgendwann versteht man: Der Eindruck, den spritzendes Blut und zerfetzte Körper hinterlassen, wird nicht weniger schlimm dadurch, dass man ihn als „Bahnsuizid“ bezeichnet. Oder als „Personenschaden“, wie das die Bahn in ihren Durchsagen tut.

Seidler hat die Sekunden vor dem Aufprall seines ICE noch immer im Kopf. „Sie rutschen und rutschen und rutschen. Sie wissen, was passiert, und können nichts machen.“ Seidler nennt es „Ohnmachtserlebnis“. Er spricht ruhig und langsam, so, als würde er sich beim Sprechen zugucken. Die Distanz des Therapeuten, der für alles Worte finden muss. Seidler hat in seinem Leben schon viel gesehen. Er war Neurochirurg und Psychoanalytiker, eine Zeit lang ist er im Notarztwagen gefahren. Er hat in einer Klinik für psychisch kranke Rechtsbrecher gearbeitet, und nach dem Tsunami war er in Sri Lanka.

Und doch fallen Seidler die Worte schwer. Je näher er dem Aufprall kommt, desto langsamer wird seine Erzählung, wie die Einzelbilder eines Films. Als könnte er das Geschehen dadurch aufhalten. Den Mann, den rollenden Zug. Den Moment, in dem alles rot wurde „wie eine geplatzte Tomate“. Das Blut und links an der Scheibe des Triebwagens eine Hand. Sieben Kilometer brauchte der Zug, um zum Stillstand zu kommen. Die Rettungsleute mussten die gesamte Strecke abgehen, um die Leichenteile einzusammeln.

Ob er mit dem Lokführer geredet, ihm geholfen habe? Seidler schüttelt den Kopf. „Ich war an dieser Stelle nicht Arzt.“ Der Lokführer spulte indes das vorgeschriebene Programm ab. Setzte einen Notruf ab. Putzte mit einem Scheibenwischer das Blut von der Scheibe. Eine Zumutung aus der Sicht des Traumatologen. „So etwas wäre eigentlich Sache des Leichentransports.“ Abgesehen davon, dass es sofort psychologische Hilfe hätte geben müssen wie bei anderen Unglücksfällen auch. Die erste Zeit sei entscheidend, ob und wie sich eine posttraumatische Belastungsstörung entwickle, sagt Seidler. Sein Lokführer kam nicht zum Innehalten. Er musste erst mal den Zug weiterfahren, eine Dreiviertelstunde lang, bis nach Limburg. Er ließ sich vier Tage krankschreiben, dann kehrte er in den Dienst zurück.

Im Durchschnitt hat jeder Lokführer im Laufe seines Berufslebens mit zwei Suiziden zu tun, je nach Strecke. Seidlers Lokführer war Anfang 50, für ihn war es das dritte Mal. Einmal hat er eine Gruppe von Fahrradfahrern gerammt, die die Gleise überquerten, weil der Mensch die Geschwindigkeit von Zügen nicht einschätzen kann. Das saß dem Lokführer am meisten in den Knochen. Dass die Fahrradfahrer ja nicht sterben wollten.

Manchen hilft es, etwas über die Toten zu erfahren, sagt Seidler. Dass da jemand wirklich den Tod wünschte. Andere erholen sich nie. Von dem Gefühl, jemanden zu töten und dabei vollkommen machtlos zu sein. Einer von Seidlers Patienten hatte fünfzig Selbstmörder erlebt. 49 Mal hatte er sich zusammengerappelt und war weiter Triebwagen gefahren. Beim fünfzigsten Mal lief er weinend davon.

Bei zehn bis 25 Prozent der Lokführer wird es chronisch, sagt Seidler. Die Reizbarkeit, die Albträume, das Vermeidungsverhalten. Da kann auch einer wie Seidler nicht mehr helfen. Die Lokführer können nicht mehr arbeiten, manche schaffen es nicht einmal mehr, auf einen Bahnhof zu gehen. Die Gesundheit geht kaputt, die Sexualität auch. Familien brechen auseinander. Oft kommt Alkohol ins Spiel. Und dann sind da immer wieder die Bilder, ausgelöst durch ein Geräusch, durch das Ticken einer Uhr. Das spritzende Blut, die Hand am Fenster.

Seidler schließt die Tür und schaltet sein Handy ab. Er will zeigen, was man gegen die Bilder tun kann. Er fordert einen auf, die Augen zu schließen, sich zu konzentrieren. Sich einen sicheren Ort vorzustellen, ein Haus, einen Garten, vielleicht einen Platz der Kindheit. Sich ein Zeichen auszudenken, mit dem man sich in Gedanken jederzeit an diesen Ort versetzen kann. Wenn es klappt, kann man die Bilder anhalten.

Und wie behandelt man das Trauma? Mit Gesprächstherapie komme man nicht weiter, sagt Seidler. Bei einem traumatischen Ereignis arbeitet das Gehirn anders als sonst, Bilder, Geräusche und andere Dinge werden abgespeichert, aber ohne Sprache dazu. Die Folge ist „sprachloses Entsetzen“, wie das in der Psychologie heißt. Eine Therapie ist EMDR, Eye Movement Desensitization and Reprocessing. Der Patient muss bestimmte Augenbewegungen machen, die das Gehirn stimulieren und das Durcheinander synchronisieren können. Die Methode ist wissenschaftlich anerkannt, zehn bis zwanzig Sitzungen würden meist reichen. Oft beginne dabei „alles zu fließen“, sagt Seidler. Daher die Taschentücher.

Seidler würde gerne eine Erhebung bei der Bahn machen. Herausfinden, was die Lokführer sagen. Zumal die Geschichte des Traumas auch eine Geschichte der Eisenbahn ist. Als im 19. Jahrhundert die ersten Eisenbahnen fuhren, ging es auch bald um die Angst und den Schrecken, die die Eisenbahn bei denen auslöste, die durch sie verletzt worden waren. „Railway Spine“ wurde diese Krankheit genannt, eine der ersten Beschreibungen eines Traumas.

Doch die Deutsche Bahn blockt ab, weist auf besagten „Werther-Effekt“ hin und auf ein Präventionsprogramm, das es seit einigen Jahren gibt. Es gebe Leute, die die Lokführer am Unfallort betreuen, Psychologen und Betriebsärzte würden geschult, sich der Lokführer anzunehmen. Dennoch fühlen sich viele Lokführer schlecht behandelt. Ein Zugchef gibt im jüngsten „Schwarzbuch Deutsche Bahn“ zu Protokoll: „Einige müssen sich eine Kur und eine Betreuung nach den Suiziden immer noch selbst organisieren. Wer sich nicht selbst darum kümmert, ist verloren.“

Seidler sagt, der Bahn gehe es darum, dass die Lokführer so schnell wie möglich wieder arbeiten. Dabei sei es für Traumatisierte entscheidend, als Geschädigte ernst genommen zu werden. Die Lokführer bräuchten eine Form der Anerkennung, dass ihr Schicksal schwer ist. Dazu vielleicht einen Sozialarbeiter, auch für die Familien. „Doch die Lokführer, die ich gesehen habe, wurden von der Bahn fallen gelassen.“ Wie der Lokführer, dem jemand mal eine Schaufensterpuppe vor den Zug warf. Der Mann machte eine Vollbremsung, setzte das Notfallprogramm in Gang. Als Feuerwehr und Rettungssanitäter die Puppe sahen, erzählt Seidler, habe der Lokführer zum Schaden auch noch den Spott gehabt.

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