Zeitung Heute : Nichts als Dank

Stell dir vor, du willst dich versöhnen und keiner guckt hin. Joschka Fischer findet auf seiner USA-Reise wenig Gesprächspartner. Der deutsche Außenminister zieht alle Register der Diplomatie. Aber der amerikanische bleibt trotzdem ziemlich kühl.

Bernd Ulrich[Washington]

Danke für den herzlichen Empfang.“ Das sagt Joschka Fischer immer, wenn er irgendwo auf der Welt mit seinem jeweiligen Amtsbruder vor die Presse tritt. Doch selten war es falscher als am Mittwochabend vor dem State Department in Washington. Es war kalt und regnete – wie von Bush bestellt – Bindfäden. Der deutsche Außenminister stand neben dem um einen Kopf größeren Colin Powell und sagte: „Thank you for the warm welcome.“ Warm? Joschka Fischer hat keinen einzigen Termin im Weißen Haus bekommen, keinen mit einem Senator, und auch Kongressabgeordnete waren keine zugegen. „Dabei hätten wir uns über jeden gefreut“, wie Fischer später sarkastisch anmerkt. Nur Colin Powell, der schon im letzten Irak-Krieg als zögerlicher Krieger galt, der auch heute wieder nicht so ganz entschlossen ist, militärisch gegen Saddam vorzugehen, jedenfalls nicht so überaus entschlossen wie das Weiße Haus – nur er, der Fast-schon-Europäer, hatte Zeit, er, der nicht so recht zählt.

Dabei war es nicht etwa so, dass Fischers Besuch in den USA keine Beachtung gefunden hätte. Nein, die „Washington Post“ gab sich sogar richtig Mühe, Salz in die deutschen Wunden zu streuen und druckte zur Begrüßung einen langen Beitrag von Henry Kissinger. Der ehemalige US-Außenminister bescheinigt den Deutschen einen profunden Anti-Amerikanismus und bezichtigt die Generation Fischer und Schröder, die Lehren der Vergangenheit zu vergessen. Ausgerechnet Kissinger. Er ist so etwas wie der Tanzlehrer der deutschen Außenpolitik. Fischer hat viel von ihm gelernt, auch Angela Merkel sucht neuerdings seinen Rat. Und jetzt das.

Vielleicht entschließt sich Fischer deshalb bei seiner kurzen Pressekonferenz mit Powell, einen 90 Sekunden langen Abriss der deutschen Dankbarkeit herunterzurasseln: Befreiung von den Nazis, Unterstützung im Kalten Krieg, insbesondere für Berlin, und dann die Wiedervereinigung erst möglich gemacht. Danke, danke, danke. Es ist schon peinlich, dass das nötig ist.

Aber das ist es. Stell dir vor, du willst dich versöhnen, und keiner guckt hin. Außer einem, Colin Powell. Und auch der betont den Irak-Streit zwischen den Partnern mehr, als dass er ihn mildert. In immer neuen Worten spricht er über das, was nicht klappt: Störungen, Turbulenzen, Widersprüche und „rough spots“. Es wird dann in der deutschen Delegation lange diskutiert, wie sich das wohl übersetzen ließe. Heikle Punkte schlagen die Diplomaten vor. Wunde Stellen, beschließen die Journalisten.

Wie wund, das zeigt die letzte Antwort des US-Außenministers. Gefragt, ob er seinem Präsidenten empfehlen würde, den Bundeskanzler zu empfangen, stutzt er kurz, um dann abzutauchen: Man sehe sich doch demnächst beim Nato-Gipfel in Prag, dann könne man ja, am Rande, wenn man wolle. In der Tat, die deutsch-amerikanischen Beziehungen bewegen sich zurzeit sehr am Rande von etwas.

Tun sie das?, fragt Joschka Fischer etwas später in der deutschen Residenz, umringt von 80 deutschen Journalisten. Die meisten von ihnen sind Washington-Korrespondenten und müssen sich auch privat einiges anhören, seit Gerhard Schröder Ende August den Irak zum Wahlkampfthema gemacht hat. Jetzt möchten sie von ihrem Außenminister gern Erklärungen hören, mit denen man bei amerikanischen Abendessen bestehen kann. Für Fischer ist es jetzt biologisch ungefähr zwei Uhr nachts. Und er hat ein bisschen was hinter sich. Einen mörderischen Wahlkampf, aufreibende Koalitionsverhandlungen, einen kompletten Fehlstart von Rot-Grün II, den er mit zu verantworten hat, und dann noch diese unmögliche Mission zu den unfreundlichen Freunden nach Washington. Er kann hier nichts gewinnen, außer vielleicht die Presse dafür, dass sie nicht von einem kompletten Fehlschlag spricht. Tief über den Teller gebeugt sucht Fischer nach Argumenten.

Keine Augenzeugen

Nein, das Verhältnis sei gar nicht gestört. Ach so, dann war die Reise also überflüssig. Natürlich nicht. Immerhin haben die beiden Amtsbrüder Powell und Fischer 40 Minuten – oder waren es sogar 45? – unter vier Augen geredet. Der Amerikaner wollte keine Mitarbeiter dabeihaben, weil, so mutmaßt man hoffend im deutschen Lager, er vermeiden wollte, dass alles gleich an das Weiße Haus weiter gequatscht werde. Denn Washington ist in Sachen Klatsch und Tratsch auch nicht größer als Berlin.

Und worüber hat man geredet? Das ist natürlich geheim. Und wenn das Thema selbst geheim ist, dann wird offiziell immer behauptet, man habe über alles geredet, die „ganze Spannbreite von Themen“ (Powell). Wenn man den verdeckten Erläuterungen des deutschen Außenministers genauer zuhört, dann soll man doch den Eindruck bekommen, als habe man über die UN-Resolution geredet. Das allein wäre allerdings ein Erfolg, weil die Deutschen durch ihr striktes Nein zu jedweder, auch zu einer von der UN getragenen militärischen Intervention, nicht nur den pazifistischsten Pol im Spiel eingenommen, sondern sich ganz aus dem Spiel gebracht haben. Und jetzt dürfen sie, darf zumindest der noch am ehesten gelittene Fischer wieder darüber mitreden, ob es eine oder zwei Resolutionen gibt, einen Automatismus zum Krieg oder nicht?

Es wird Abend in Washington, im Kopf des Ministers graut schon der Morgen. Nicht einmal die guten schlechten Nachrichten aus der Heimat über die kollabierende FDP können ihn noch dauerhaft ermuntern. Nun stellen sich die Erinnerungen ein. Vor gut einem Jahr saß Joschka Fischer an gleicher Stelle, in der kühl-eleganten Residenz des heute so gepeinigten deutschen Botschafters Wolfgang Ischinger. Damals zeichnete der Außenminister wenige Tage nach dem 11.September vier Journalisten mit weit ausholenden Bewegungen das neue Design der Weltpolitik. Im Überflug ging es von Afghanistan über den Iran nach Pakistan, zwischendurch ins Kosovo, Afrika nicht vergessen und den asiatischen Islam erst recht nicht. Was Fischer da laut dachte, hörte sich an wie eine Weltrettungsvision mit den Mitteln der Diplomatie, des Helfens und des Dialogs. Die Journalisten dachten damals, dass der Realo Fischer den 11.September geistig vielleicht noch nicht ganz verkraftet habe und dazu neige zu spinnen. Sie hatten Recht und Unrecht zugleich. Denn, was Fischer da vortrug, war nur die ins europäische gewendete Variante einer amerikanischen, ziemlich militärisch gefärbten Weltrettungsvision. Die hatte er sich kurz zuvor vom stellvertretenden Verteidigungsminister Paul Wolfowitz anhören müssen. Heute weiß man, worauf das alles fußte. Am Tag nach dem 11.September fragte George Bush seinen CIA-Direktor George Tenet, wie viele Staaten nun für die USA zum Problem geworden seien. Der antwortete kühl: 60. Gut, gab Bush zurück, dann lösen wir diese Probleme, eines nach dem anderen.

Der einzige Trost

Das ist Fischers Albtraum seit einem Jahr, dass die USA die Welt nach ihren Vorstellungen neu zusammensetzen wollen. Nicht nur wegen eines abgeschmackten Wahlkampfkalküls, sondern auch darum wendet er sich gegen den Irak-Krieg, in der Sache eher noch rigoroser als Gerhard Schröder, im Ton dafür: danke, danke, danke.

Logisch gibt es also keinen richtigen Grund zur Versöhnung, auch nicht zwischen den Amerikanern und dem Amerika-freundlichen Fischer. Kein Trost außer den beiden süßen Crêpes auf dem Teller des Ministers. Aber vielleicht liegt noch ein wenig Trost darin, dass Diplomatie die Kunst ist, Hoffnung wider alle Logik zu erzeugen und Lösungen zu fingieren, wo es gar keine gibt. Nicht zuletzt kann man hoffen, dass das Leben weitergeht, unerbittlich auf das jeweilige Jetzt orientiert: Am 1.Januar wird Deutschland Mitglied im Sicherheitsrat, am 1.Februar sogar sein Vorsitzender. Dann sieht die Welt anders aus, Deutschland kann sich nicht mehr wegducken, und die Amerikaner müssen wieder hingucken.

Doch bevor das so weit ist, fliegt der deutsche Außenminister nach New York, zu Kofi Annan. Und das an Halloween: Fratzen, Schreie, böse Scherze. Thank you for the warm welcome.

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