Zeitung Heute : Nichts für schwache Nerven

Die richtige Strategie und eine gehörige Portion Fachwissen entscheiden über den erfolgreichen Handel mit Derivaten

Tobias Symanski

Derivate sind nichts für schwache Nerven. Keiner weiß das besser als die Banken, denn sie entwickeln ständig neue Formen dieser hoch spekulativen Anlagemöglichkeiten. Doch erst nach der Aufklärung über die zahlreichen Verlustrisiken lassen sie ihre Kunden im Derivatehandel mitmischen. Dazu sind die Kreditinstitute laut Börsengesetz auch verpflichtet. Danach muss sich der Anleger im Dschungel der Fachbegriffe jedoch allein behaupten. Und er merkt schnell: Die Funktionsweise von Swaps, Turbos, Futures oder Knock-Out-Warrants ist eine Wissenschaft für sich.

Wer sich in diesem Dickicht behaupten will, sollte die Funktionsweise von Derivaten verstanden haben. Denn nur mit Wissen und Disziplin schützt man sich vor Fehlern, die hohe Verluste zur Folge haben können. Klar machen sollte man sich: Bei Derivaten werden Zuwächse nicht einfach so geschaffen wie bei Aktien, die zulegen, wenn das Unternehmen erfolgreich wirtschaftet. Bei Derivaten steht jedem Euro Gewinn bei dem einen Anleger ein Euro Verlust bei einem anderen gegenüber. Damit ist das Geschäft mit Derivaten ein Nullsummenspiel: Vermögen wandert von einer Tasche in die andere, ähnlich wie bei einer Wette.

Doch was sind Derivate eigentlich? Der Begriff „Derivate“ wird heute sehr inflationär verwendet und umfasst eine große Anzahl von Finanzprodukten mit unterschiedlich hohen Risiken. Schnell kommen neue Anlage-Ideen auf den Markt, die sich wie Modetrends entwickeln. Deswegen werden Derivate auch als „Finanzinnovationen“ bezeichnet. Es handelt sich hierbei nicht um eigenständige Anlageinstrumente wie Aktien oder Staatsanleihen, sondern um Erfindungen der Finanzwelt und damit um künstlich geschaffene Finanzmarktgeschäfte.

Derivate stehen jedoch nicht frei im Raum, sondern werden von existierenden Handelsgütern abgeleitet (derivativ: durch Ableitung entstanden). Es gibt Derivate auf Aktien, Anleihen, Indizes, Rohstoffe, Währungen und vieles mehr. Die Entwicklung von Derivaten ist deshalb immer verknüpft mit der Entwicklung des jeweiligen Basiswertes.

Und gerade das macht den Einsatz von Derivaten so interessant. Fallen Aktienkurse, Börsenindizes oder Rohstoffpreise, bescheren sie dem Anleger Verluste. Mit Derivaten hingegen kann auch in schlechten Börsenzeiten Geld verdient werden. Ein weiterer Vorteil ist die Höhe des Kapitaleinsatzes. Der Kauf von Derivaten bindet nur einen Bruchteil des Geldes, der für den Erwerb von Basiswerten erforderlich wäre. Dieses Phänomen wird als Hebeleffekt bezeichnet.

Die Funktionsweise von Derivaten kann am einfachsten am Beispiel von Optionen erklärt werden, die sich auch bei Privatanlegern großer Beliebtheit erfreuen. Der Begriff Option entstammt dem lateinischen „optio“. Dies bedeutet so viel wie „das Recht, zu wünschen“. Die Idee der Option ist im Prinzip ganz einfach: Sie bezahlen heute einen bestimmten Betrag (Optionspreis) und erhalten hierfür das Recht, zu einem späteren Zeitpunkt beispielsweise Aktien, eine bestimmte Menge einer Währung oder ähnliches kaufen (Kaufoption oder Call) oder verkaufen zu dürfen (Verkaufsoption oder Put). Für den Käufer der Option besteht also die Möglichkeit, jedoch nicht die Pflicht, das Geschäft auch tatsächlich abzuwickeln.

Die Crux an der Sache: Das Geschäft ist zeitlich befristet. Wird die Option im Rahmen der Laufzeit nicht ausgeübt, verfällt sie und ist damit wertlos. Verloren ist dann der Preis, den man für die Option bezahlt hatte sowie die an der Börse üblichen Abwicklungskosten. Wird die Option dagegen ausgeübt, dann kann dies auf zwei verschiedene Arten stattfinden: Bei amerikanischen Optionen ist die Ausübung jederzeit während der Laufzeit möglich, bei europäischen ist die Ausübung nur am letzten Tag der Laufzeit, am so genannten Verfallstermin, möglich. Unabhängig vom Namen werden beide Options-Typen weltweit angeboten.

Weit verbreitet ist der Handel mit Optionsscheinen auf Aktien, die beispielsweise über die Stuttgarter Börse (Euwax) oder die Frankfurter Börse (Eurex) gekauft und verkauft werden können. Aber wieso sollte man nun etwas dafür bezahlen, dass man später Aktien kaufen dard? Anleger könnten diese doch auch direkt an der Börse erwerben. Das ist natürlich richtig. Das Besondere beim Optionsschein ist aber, dass der Anleger bereits heute weiß, zu welchem Kurs er die Aktie in Zukunft kaufen kann. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten zu spekulieren.

Ein Beispiel: Der Anleger rechnet mit einer starken Kurssteigerung einer bestimmten Aktie. Er kauft einen Optionsschein, mit dem er das Wertpapier zu einem späteren Zeitpunkt für den beim Erwerb gültigen Kurs von 20 Euro kaufen kann (Call). Geht die Rechnung auf, dann liegt der Kurs der Aktie deutlich über 20 Euro, dennoch bekommt der Anleger das Wertpapier immer noch für 20 Euro. Ein Geschäft mit Gewinn.

Zur Ausübung der Option, also der Lieferung der Aktien, wird es in der Regel jedoch nicht kommen. Es findet ein Barausgleich statt: Der Differenzbetrag zwischen dem vorher vereinbarten Aktienpreis und dem aktuellen Marktwert wird ermittelt und dann von der Bank, die den Optionsschein herausgegeben hat (Emittent), ausgezahlt.

Das Risiko mindern

Wie sinnvoll der Einsatz von Derivaten gerade für Privatanleger sein kann, zeigt die Investition in eine Verkaufsoption (Put) auf Aktien. In unsicheren Zeiten an der Börse können so drohende Kursverluste abgefangen beziehungsweise auch bei fallenden Aktienkursen Gewinne eingefahren werden. Ein Put-Optionsschein wirkt wie ein Versicherungsvertrag: Fällt die Aktie, kann der Anleger die Option ausüben und den Anteilsschein zum vereinbarten Basispreis verkaufen. Befindet sich die Aktie dagegen im Aufwärtstrend, macht es Sinn, die Option rechtzeitig abzustoßen oder verfallen zu lassen. Das Optionsgeschäft verursacht Verluste, die von den Aktienkursgewinnen jedoch abgedämpft werden. Das zeigt: Ein risikoreiches Optionsgeschäft kann das Gesamtrisiko im Depot verringern.

Ein Zahlenbeispiel: Ein Anleger hat eine Aktie im Wert von 100 Euro in seinem Depot und rechnet mit fallenden Kursen. Deswegen kaufen er einen Put-Optionsschein auf diese Aktie für 50 Euro. Er gibt ihm das Recht zum Verkauf der Aktie zu genau 150 Euro. Nehmen wir an, der Aktienkurs gibt um 20 Prozent auf 80 Euro nach. Dadurch erhöht sich das Optionsrecht in seinem Wert von 50 auf 70 Euro. Denn die Aktie könnte für aktuell 80 Euro über die Börse bezogen und unmittelbar für 150 Euro durch Ausübung des Optionsrechtes wieder verkauft werden. Auf den eingesetzten Optionsscheinpreis von 50 Euro entspricht dies also einer Rendite von 40 Prozent, und das obwohl der Aktienkurs nur um 20 Prozent gefallen ist. Nicht nur, dass durch den Kursrückgang der Aktie kein Verlust gemacht wurde; der Gewinn fällt auch prozentual noch stärker aus als der Kursverlust der Aktie. Mit Hilfe eines Puts kann also überproportional von den Kursverlusten des zugrunde liegenden Basiswertes profitiert werden. Das ist der Hebeleffekt von Derivaten.

Vor dem Handel gut informieren

So schön das Rechenbeispiel auch ist. An der Börse erklären sich Optionsscheine nicht auf diese einfache Weise. Dort begegnen Anlegern noch weitere Fachbegriffe, die sie verstehen müssen, um erfolgreich mit Derivaten zu handeln. Deswegen sollten sich Anleger gute Literatur besorgen und im Internet recherchieren: Unter www.derivatecheck.de finden sich Erläuterungen zu Derivaten und ein Börsenlexikon mit wichtigen Begriffen. Auf www.onvista.de sind börsengehandelte Optionsscheine und Informationen über den Emittenten zu haben.

Derivate im Depot erfordern viel Disziplin. Anleger sollten regelmäßig ihre Positionen überprüfen. Denn während Aktien stets die Chance haben, sich nach Kursrückschlägen zu erholen, sind Optionen vom Laufzeitende bedroht: Ein vergessener Verkauf kann zum Totalverlust führen. Gehandelt werden sollte nach einer im Voraus festgelegten Strategie. Beispiel: Bei Verlust von 15 bis 20 Prozent sollte der Schein verkauft werden, Gewinne lassen Anleger laufen. Wer nicht jeden Tag Zeit hat, seine Papiere zu beobachten, setzt sich gleich beim Kauf ein Stop-Limit, das Verluste nach unten begrenzt. Und vergessen sollten Anleger nicht: Der Hebeleffekt von Derivaten erhöht nicht nur die Gewinnchancen, sondern verstärkt auch die Verlustrisiken um ein Vielfaches.

Weitere Informationen:

www.derivatecheck.de, www.onvista.de

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