Zeitung Heute : Nichts für Stubenhocker

Bauer sein ist wieder „in“ — dennoch herrscht in der Branche immer noch ein Mangel an Fachkräften

Carina Groh

Die Lage auf dem grünen Ausbildungsmarkt ist ein bisschen so wie damals in der Schule: Die Jungs spielten gerne im Dreck und die Mädchen interessierten sich eher für Pferde als für Jungs. Ähnlich schaut es heute aus, wenn man sich die Aufteilung nach Geschlecht auf die 14 Ausbildungsberufe im Agrarbereich ansieht.

Für den Beruf des Pferdewirts werden die meisten Bewerbungen von jungen Mädchen geschrieben. Gezählt wurden im vergangenen Jahr rund 2200 Bewerbungen, rund 1800 davon kamen von jungen Mädchen. Der Beruf des Landwirts ist dagegen immer noch eine Männerdomäne. 3200 junge Männer haben 2005 ihre Abschlussprüfung bestanden. Das sind fast alle, die drei Jahre zuvor die Ausbildung zum Landwirt angefangen hatten.

Insgesamt ist die Anzahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im laufenden Ausbildungsjahr in den grünen Berufen bundesweit um sieben Prozent gestiegen. Die Vorstellung, als Bauer ohne Urlaub einsam und verlassen auf dem Land zu wohnen, hat ausgedient. Der Klimawandel, Lebensmittelskandale und der Öko-Boom haben zu einem Image-Wandel der Branche geführt. Bauer sein ist wieder „in“.

In den vergangenen Jahren sind die grünen Berufsbilder immer vielfältiger geworden. „Es sind moderne und kreative Berufe entstanden“, sagt Agnes Scharl vom Bauernverband. „Neben Produktion und Technik werden betriebswirtschaftliche Qualifikationen und Dienstleistungskompetenz vermittelt.“ Das sei besonders wichtig, weil die Betriebe wachsen und aus Kostengründen immer öfter darauf angewiesen sind, bestimmte Aufgaben an externes Dienstleistungspersonal abzugeben.

Mit dem Wandel der Berufsbilder sind gleichzeitig aber auch die Anforderungen an die jungen Bewerber gestiegen. Wer sich zum Beispiel zur Fachkraft für Agrarservice ausbilden lassen möchte, sollte mindestens einen Hauptschulabschluss haben. Gerade für den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln ist es wichtig, dass man mit Zahlen umgehen kann. Und mit Computern, denn die Fachkräfte für Agrarservice setzen Elektronik und spezielle Software ein, die nicht selten Englischkenntnisse voraussetzt. Was passieren kann, wenn man seine Fähigkeiten überschätzt, weiß Martin Lambers, Bildungsexperte vom Deutschen Bauernverband in Berlin: „Wenn jemand die Klimaanlage im Kuhstall um 20 Grad wärmer einstellt, entsteht ein Schaden im sechsstelligen Bereich.“

Obwohl die Zahl der Ausbildungsverträge steigt, herrscht in der Branche derweil immer noch ein Mangel an Fach- und Führungskräften. „Gut ausgebildete und motivierte junge Leute werden händeringend gesucht“, beklagt Lambers. Denn seit Jahren sinkt die Zahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft.

Einen Grund dafür kennt Carina Gräschke vom Berliner Bund der Deutschen Landjugend. „Man muss die demografische Entwicklung und die Abwanderung vom Land in die Stadt berücksichtigen“. Denn während die Städte wachsen und wachsen, verringert sich die Zahl der Menschen in ländlichen Räumen. „Viele der Betriebsleiter hören in den nächsten Jahren aus Altersgründen auf und der Nachwuchs fehlt“, so Gräschke.

Dabei bieten grüne Berufe mit ihren zahlreichen Weiterbildungs- und Spezialisierungsmöglichkeiten den Jugendlichen gute Perspektiven. „Viele Azubis hängen nach der Ausbildung noch ein Studium dran“, berichtet Agnes Scharl. Junge Leute, die das geschafft haben, dürfen mit guten Berufsaussichten rechnen.

Bis es aber soweit ist, sollten alle Jugendlichen, die sich für einen „grünen Beruf“ interessieren, ein Praktikum im jeweiligen Wunschberuf zu machen, rät Martin Lambers. „Viele jungen Leute brechen leider nach einem Jahr die Ausbildung wieder ab, weil sie merken, dass man nicht den ganzen Tag Ponys reitet“, beklagt der Experte, wenn er auf die Situation bei den Pferdewirtinnen angesprochen wird.

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