Zeitung Heute : Nichts gegen sein Prinzip

Thomas Middelhoff ist jung, erfolgreich, und er wollte den Bertelsmann-Konzern weltweit zur Nummer eins machen. Nun ist er gefeuert. Vielleicht weil er einen vergessen hatte: den Gründer, den „Gottvater“, den alten Patriarchen im Hintergrund – Reinhard Mohn.

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Von Ulrike Simon

Es war Anfang Juli, vor genau fünf Jahren. Mark Wössner, der langjährige Vorstandsvorsitzende von Bertelsmann, hatte einen kleinen Kreis von Journalisten zu sich nach Hause zum Abendessen eingeladen. Im Wohnzimmer, unterm Tisch, lagen seine Katze Bijou und sein Schäferhund Lumpi. Mark Wössner hatte diesen Rahmen gewählt, um seinen Nachfolger vorzustellen, den damals 44-jährigen Thomas Middelhoff. Das hatte Stil und war ganz nach Art von Bertelsmann: Es strahlte den Charme von selbstbewusster Unscheinbarkeit aus. Damals hieß Bertelsmann intern nur „das Haus“. Keine Rede von Konzern, von Weltklasse, das war selbstverständlich, damit wurde nicht geprahlt. Bertelsmann, dieses aus einem Buchclub hervorgegangene Unternehmen, war eine seriöse Firma, in der Nachkriegszeit aufgebaut von Reinhard Mohn, einem preußischen Patriarchen mit Prinzipien, voller Bescheidenheit. Wer ihn begreifen will, muss wissen: Das Unternehmen steht für ihn an erster Stelle. Das gilt auch für seine Frau Liz Mohn, die vor einem Jahr in den Aufsichtsrat eingetreten ist.

Thomas Middelhoff übernahm den Konzern im Oktober 1998, trat als erstes eine Kulturrevolution los und machte sich zu deren Anführer. Das Traditionsunternehmen, dem das Image anhing, nicht nur ein gewinnbringendes Medienhaus, sondern eine gemeinnützige Firma zu sein mit dem Auftrag, die Gesellschaft auf dem rechten Weg zu halten, dieses Unternehmen wollte Middelhoff wie eine Start-Up-Firma führen. Als einer der Ersten entdeckte der „Amerikaner mit deutschem Pass“ den Charme der boomenden Multimedia-Branche. Die Mitarbeiter bekamen PCs geschenkt, schriftlich wurden sie angewiesen, untereinander keine akademischen Titel mehr zu verwenden, die Firmensprache sollte fortan Englisch sein. Vor allem sollte Bertelsmann nicht mehr das unbekannte Unternehmen auf der grünen Wiese sein, unter dessen sich in Amerika niemand etwas vorstellen kann.

Middelhoff posierte als erster Deutscher auf dem Titel des „Time Magazine“, Middelhoff versuchte, den auf 24 Stunden begrenzten Tag zu überlisten, indem er mit der Concorde um die Welt düste und so dank Zeitverschiebung einige Arbeitsstunden dazugewann. Er verpasste Bertelsmann eine neue Identität, ein neues Logo. Bertelsmann sollte in allen Geschäftssparten die „Number One“ sein. Dazu passte die Adresse des New Yorker Firmensitzes am Times Square, dazu passte die prominente Adresse Unter den Linden 1, dem Sitz der Kommandantur in der neuen Welthauptstadt Berlin. Und er, Middelhoff, wollte die Number One des Weltmarktführers sein. Das Unternehmen, sagte er, spricht mit nur einer Stimme: mit seiner.

In Wirklichkeit bestimmt nur einer bei Bertelsmann, und das ist nicht Middelhoff, sondern Reinhard Mohn, ein asketischer 81-Jähriger, der einmal gesagt hat: „Der eine trinkt gern Bier, der andere liegt gern in der Sonne, ich denke halt gern.“ Unterstützung fand er in seiner Gattin Liz, für die „ein oberflächliches Jet-Set-Leben ohne Arbeit“ ebenfalls „nie in Frage gekommen“ wäre. Stattdessen lebt sie nach dem Motto: „Jeden Tag eine gute Tat.“ Sie befasst sich in der Bertelsmann Stiftung mit den Themen Wirtschaft, Bildung, Medien und Kultur.

Middelhoff genoss das Scheinwerferlicht, fühlte sich ganz oben. Vielleicht fühlte er sich ein bisschen zu sehr als Sieger. Fernsehen, Internet, Musik, Show, das waren die Sterne, die er greifen wollte. Leichte Ware, ganz anders als diese Bleiwelt aus Buchclub, Druckereien, niveauvollen oder zumindest schönen Zeitschriften, mit der Bertelsmann und Töchterunternehmen groß wurden.

Middelhoff war auf Geldvermehrung fixiert, und er war erfolgreich – dank des kartellrechtlich unausweichlichen Verkaufs der AOL-Beteiligung, der Jahr für Jahr Raten über hunderte von Millionen Euro einbrachte. Middelhoff fühlte sich unbesiegbar, wollte noch mehr. Vielleicht unterschätzte er dabei die Rolle des zerbrechlich wirkenden Mohn, der 2000 einen leichten Schlaganfall erlitten hatte. Dabei ist er die Stimme des Unternehmens, und wenn er auch stets im Hintergrund agierte: Von dort aus hat er die Strippen nie losgelassen. Seine Rechte hat er sich auf Lebenszeit vertraglich gesichert.

Leistung fordert Mohn, aber immer auch Verantwortung für das Tun. Was er darunter versteht, hat er in zahlreichen, knochentrockenen Büchern und Aufsätzen aufgeschrieben. Er sagt zum Beispiel, dass das Recht zur Führung nicht durch Kapitalbesitz per se gelte, sondern nur gegen Nachweis der Befähigung. Werteerziehung ist ihm wichtig, Gemeinschaftsfähigkeit. Darauf begründet er seine Arbeit und sein Leben. Wer in Mohns Unternehmen arbeitet, respektiert Mohns Denken. Zu arbeiten, nur um Profit zu mehren, das ist nicht Mohns Sache. Auch Größe ist ihm nicht wichtig. Gemeinwohl schon.

Unternehmensentwicklung und Informationsverarbeitung hießen Middelhoffs Aufgabenbereiche, als er vor acht Jahren in den Vorstand berufen wurde. Er war 1998 der erste jener 40-jährigen jungen Wilden, die heute an der Spitze der Verlage stehen. Manchen war er ein Vorbild. Middelhoff verkündete einen Rekordgewinn nach dem anderen. Doch er erfand keine Konzepte. Er kaufte. Und verkaufte. Ob Bertelsmann denn nun eine Bank sei, wurde Middelhoff auf der Expo 2000 gefragt, mit einem Medienunternehmen habe das alles doch wenig zu tun. Vor der Ära Middelhoff hatte Bertelsmann seine Jahresbilanzen in der Gütersloher Stadthalle vorgestellt. Middelhoff dagegen baute auf dem Expo-Gelände einen Planeten, den „Planet M“. Drunter ging’s nicht.

Vielleicht ist Middelhoff ein später Verlierer der New-Economy-Generation. Durchgesetzt haben sich nun seine Gegner, die alten Ökonomen: Allen voran Aufsichtsratschef Gerd Schulte-Hillen, der Jahr für Jahr Millionen nach Gütersloh überwies, die er bei der Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr mit Zeitschriften erwirtschaftete. Und an der Spitze sitzt der leise Gunter Thielen, der Mann, der für die Druckereien zuständig war. Sie sind beide Vertraute von Reinhard Mohn. Middelhoff galt bei Mohn als Talent. Doch der Enkel hat das Vertrauen verspielt. Er tat nicht gut daran, sich mit Mohns Vertrauten anzulegen und im Rausch des Profits zu vergessen, dass über ihm einer sitzt, den seine Angestellten „Gottvater“ nennen.

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