Zeitung Heute : Nichts geht ohne Beat

Rhythmus ist das Geheimnis der elektronischen Tanzmusik

Mark J. Butler

Am Abend des 27. Mai 2001 ist das Electronic Music Festival von Detroit in vollem Gange. In der Nähe des Ufers tanzen die Menschen dicht gedrängt zu Rhythmen, die DJ Stacey Pullen auflegt. Die Szenerie ist voller Kontraste: Auf der einen Seite fließt der Detroit River sanft vorüber; auf der anderen erheben sich die Stahl- und Glaszylinder der General-Motors-Zentrale in den Himmel. Auf einer unbarmherzigen Betonfläche schütteln verschwitzte Körper ihre losen Glieder. Die Präsenz von Technologie ist beinahe niederschmetternd. Die Musik platzt aus großen Lautsprechertürmen, traditionelle Instrumente sind nirgendwo zu sehen. Stattdessen wählt der DJ Sounds aus einer Reihe von Vinylscheiben aus, die er unablässig an zwei Plattenspielern und einem Mischpult bearbeitet. Und doch ist der menschliche Faktor überall gegenwärtig. Sichtbar in der Freude, die sich wie ein Schriftzug über Pullens Gesicht legt, in dem spontanen und plötzlichen Einfallsreichtum der tanzenden Menge und im Funk der Basslinien, die aus der Mitte der scheinbar sich endlos generierenden Maschinenbeats entspringen.

Die Menge selbst ist auch voller Unterschiede. Teenager der Innenstadt mischen sich unter Kinder aus den Vororten des gesamten Mittleren Westens. Eine junge Raverin im Rollstuhl, deren Arme von den Handgelenken bis zur Schulter mit Plastikperlen umwickelt sind, wirbelt neben einer Gruppe von schwulen Männern herum. Eine Afro-Amerikanerin mittleren Alters in einem Jogginganzug folgt aufmerksam und reglos der Musik, die Augen geschlossen, derweil eine Reisegruppe aus Amsterdam die Szene betritt. Leute jeder Couleur und in allen Lebenslagen sind hierher gekommen, um dieser Musik zu gehören und als Gruppe auf sie zu reagieren. Der Beat ist nicht nur ein akustisches Ereignis, er ist zu sehen in den Bewegungen der Menge, zu fühlen in ihren Körpern.

Manchmal schneidet Pullen die Basstrommel heraus. Die Menge schwingt herum, gespannt auf die Rückkehr des tiefen Bum-Bum-Bum-Takts wartend. Aber Pullen zögert – er lässt einen Takt verstreichen, danach noch einen. Er spielt mit der Vorfreude, am Mischpult verzerrt er die verbliebenen Sounds. Während sich die Energie aufbaut, taxiert er die Reaktion. Eine dritter Chorus geht vorüber, ein vierter, dann, mit dem ansatzlosen Zucken seines Handgelenks, lässt er den Beat in seiner ganzen kraftvollen Herrlichkeit wieder da sein. Die Menge reißt ihre Fäuste in die Luft, schreit auf vor Freude und tanzt noch energischer als zuvor.

Trotz der allgegenwärtigen Technologie hat Pullen alles unter Kontrolle. Die Musik, die er macht, ist dicht – Schicht für Schicht ist ihre Percussivität durchsetzt mit repetetiven Synthesizer-Figuren und zerstückelten Basslinien. Pullen verändert das Gefüge ständig, indem er Figuren an seinem Mischpult in den Vordergrund hebt und wieder ausblendet. Obwohl die Textur dicht und undurchdringlich erscheint, offenbart jede Schicht einen markanten Sound, einen Faden, den man durch das musikalische Gewebe verfolgen kann. Manche Muster gleichen einander, während andere frei und ungebunden relozieren. Bestimmte Klänge zu verschieben, bedeutet, andere in den Vordergrund zu heben. Merkwürdigerweise bricht der Strom niemals ab. Geschlagene zwei Stunden führt Pullen sein Publikum von einer musikalischen Landschaft zur nächsten. Ungeachtet der Tatsache, dass er seinen Auftritt aus einzelnen Platten zusammensetzt, gestaltet er ihn als musikalische Reise. Statt unterschiedliche Kompositionen nach einander abzuspielen, hören wir einen einzigen Klangteppich, der sich ständig transformiert.

Als verbindendem Motiv dient dieser musikalischen Struktur vor allem Rhythmus. Er ist überall: in den Bewegungen der Tänzer, in den sich ständig verschiebenden Mustern, die aus den Boxen schallen, und in der Art und Weise, mit der Pullen die Platten wechselt und miteinander kombiniert. Am offensichtlichsten fungiert die Basstrommel als rhythmischer Impulsgeber. Laut und beharrlich stanzt sie immer dasselbe Viertelnoten-Muster aus nahezu allen Phasen des DJ-Sets. Pullen variiert das Tempo kaum. In mancher Hinsicht ist der Beat die Musik selbst. Fans beschreiben die Musik denn auch oft als „Beats“, und angesichts solcher Auftritte ist offenkundig, dass der Beat die Musik als Tanzmusik definiert. Sobald Pullen ihn herausnimmt, verändert sich der Bewegungsdrang des Publikums dramatisch. Einige Leute hören sofort auf zu tanzen. Andere machen weiter, wenn auch zögernd, als würden sie nur auf die Rückkehr des „Beats“ warten. In manchen solcher Übergänge gibt es nicht den geringsten Grund, warum die Menge nicht einfach weitertanzt, denn die Restklänge hören nicht auf, einen gleichmäßigen Puls zu erzeugen. Doch ohne den emblematischen Beat beginnt der tanzende Kollektivkörper auseinander zu fallen. Der Beat gibt ihm Gestalt, weshalb ihn zu unterdrücken und wieder zu reinstallieren das Machtvollste ist, was ein DJ tun kann.

Gleichzeitig tritt hinter dem Beat eine erstaunlich heterogene rhythmische Vielfalt hervor. Meistens ist das rhythmische Muster jedes Sounds innerhalb der Matrix einzigartig. Es erzeugt eine besondere Erwartungshaltung sowohl individuell als auch in Kombination mit anderen. Die Muster sind für sich genommen ziemlich simpel, was erlaubt, sie auf ganz unterschiedliche Weise zu interpretieren. Musiker scheinen diese Möglichkeit zu genießen, Sounds in unterschiedliche Kontexte einzubetten und zuweilen für dramatische Uminterpretationen zu nutzen. Sie setzen Technologie ein, um eine neuartige rhythmische Erfahrung zu machen.

Zum Beispiel loten sie die Spannung zwischen mechanisch erzeugten Mustern und solchen aus, die einem eher „natürlichen“ Profil entsprechen. Oder sie stellen Verknüpfungen zwischen Ebenen her, die sich unaufhörlich wiederholen, ohne sich auszugleichen.Rhythmus ist also die raison d'être der elektronischen Tanzmusik – eines ihrer prominentesten und interessantesten Merkmale und die Kraft, die die Massen dazu animiert, sich in Bewegung zu setzen und in Verzückung zu geraten. Mark J. Butler

Der Text ist ein Auszug aus seinem Buch Unlocking the Groove: Rhythm, Meter and Musical Design in Electronic Dance Music. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Kai Müller.

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