Zeitung Heute : Nichts ist unmöglich - Vier Berater diskutieren Erfolgstrategien für den Beruf

Regina C. Henkel

Der Volksmund sagt "Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied" - aber die Statistik der Bundesanstalt für Arbeit listet rund vier Millionen Arbeitslose auf. Wie viele Menschen unglücklich in ihrem Job sind, kann man nur ahnen. Gleichwohl: Die Sehnsucht nach Beruf als Berufung und der Wunsch nach Zufriedenheit im Arbeitsleben sind groß. Immer häufiger werden professionelle Berater um Rat gefragt, wie dem individuellen Berufsglück auf die Sprünge zu helfen ist. Ihre Zunft wird größer, die Angebote in Form von Beratungen, Seminaren, Workshops und Büchern werden nachgefragt wie nie zuvor. Der Tagesspiegel hat vier professionelle Karriere-Berater zum "Talk überm Alex" eingeladen und gefragt: Kann man Karriere planen - oder hängt beruflicher Erfolg auch von glücklichen Umständen und Gelegenheiten ab? Und: Wozu braucht man eigentlich Berater?

Sicher ist zumindest eins: Automatisch passiert heutzutage so gut wie gar nichts mehr. Unisono sagen alle vier Karriere-Experten, dass beruflicher Einstieg, Aufstieg oder auch der Wechsel in einen anderen, attraktiveren Job, eine gewisse Planung voraussetzt. "Jede Planung ist besser, als das eigene Leben dem Zufall zu überlassen", sagt Uta Glaubitz, Buchautorin und Berufsfindungsberaterin in Berlin. Die 33-jährige studierte Philosophin, die Workshops nach der Open Space-Methode anbietet, glaubt weder an Glück noch an Regisseur Zufall. Sie schätzt, dass "80 bis 90 Prozent der Berufstätigen mit ihrer Erwerbsbiographie unzufrieden sind" und sich deshalb "ganz dringend Gedanken machen sollten: Was macht Dir wirklich Spaß? Was bedeutet Dir etwas? Wofür stehst Du freiwillig morgens auf?" Erst mit dieser Analyse sind nach Überzeugung von Glaubitz die Voraussetzungen geschaffen, sich eine Tätigkeit zu suchen, "die den eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten entspricht und damit individuell passt."

Karl-Jürgen Rajar, Leiter des Büros Führungskräfte der Wirtschaft (BFW) , hat Zweifel an solch einer fast grenzenlosen Freiheit. In den beiden BFW-Büros im hessischen Frankfurt und in Berlin, die der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit unterstellt sind, werden Führungskräfte aus dem Top-Management betreut. "In solchen Positionen", sagt der 53-jährige studierte Maschinenbauingenieur, "entscheiden außer Fachwissen viele Zufälle, Gelegenheiten und Chancen über den beruflichen Werdegang". Mit gezielter Vorbereitung, unter anderem auch mit Unterstützung der BFW-Mitarbeiter, könne man erkennen, was man will und wo Chancen bestehen. "Ob sich diese aber auch eröffnen, darüber entscheiden andere - beispielsweise der Aufsichtsrat oder die Anteilseigner." Für BFW-Chef Rajar steht fest: "Bei uns geht es nicht um die Korrektur von Unzufriedenheit, sondern darum, Möglichkeiten zu erkennen und Führungskräfte in Positionen zu vermitteln, in denen sie erfolgreiche Arbeit leisten."

Eher skeptisch ist auch die Gütersloher Karriereberaterin Elke Schumacher, wenn es um Erwerbsarbeit oder Beruf als Glücksschmiede geht. Die 53-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin bietet bereits seit 1985 Personalcoaching an und ist sicher, dass Karriere "ohne inneren Kompass, besser noch Fahrplan, nicht funktioniert". Wer den nicht habe, sei gut beraten, sich Unterstützung zu suchen. Dass die Unzufriedenheit im Beruf bei 80 bis 90 Prozent der Berufstätigen liege, wie Uta Glaubitz überzeugt ist, bezweifelt die Ostwestfälin: "Wer einen Hammer hat, sieht plötzlich überall Nägel".

Ob Karriereberatung wirklich nötig ist? Jürgen Hesse, Geschäftsführer der Berliner Telefonseelsorge und Ko-Herausgeber von inzwischen fast 70 Bewerbungs-Ratgebern, weist darauf hin: "Bei Unternehmensberatern stellt auch niemand die Existenzberechtigung in Frage. Karriere-Berater sind Experten, bei denen man sich Anregungen holt." Alles werde komplizierter - auch die Arbeitswelt, argumentiert der 48-jährige Psychologe und Geschäftsführer der Berliner Telefon-Seelsorge. In jeder Situation eine gute Figur abzugeben, stehe auf keinem Ausbildungsplan. Hesse: "Wir leben in einer Dienstleistungsgesellschaft. Früher sind die Kinder so auf die Welt gekommen, dann gab es Hebammen. Seitdem ist die Säuglingssterblichkeit zurück gegangen. So ähnlich kann man auch den Job des Karriereberaters sehen."

Dieses Selbstverständnis unterschreibt auch Karl-Jürgen Rajar. Der Karriere-Berater im staatlichen Auftrag: "Wir analysieren, welche Potenziale ein Bewerber mitbringt und versuchen Ziele herauszuarbeiten, die realistisch sind." Letztlich jedoch, so räumt der amtliche Berufsberater Rajar ein, "entscheidet der berufliche Hintergrund nur zu 30 , höchstens 40 Prozent. Gleich wichtig wie das Fachwissen sind Persönlichkeit und Chemie". Manchmal sei in den ersten fünf Minuten schon alles entschieden und "diese Entscheidung wird dann über Stunden versucht zu begründen."

Dass Personalentscheidungen "zutiefst irrationaler Natur sind", sagt auch Jürgen Hesse. Bewusstes, vor allem aber unbewusstes Ausstrahlen von Persönlichkeit ist nach Einschätzung des Bestseller-Autors weitaus wichtiger als jedes Zeugnis. Hesse: "Wenn man die Spielregeln und das Drehbuch des Arbeitsmarktes studiert, analysiert und reflektiert hat, ist das schon mehr als der halbe Weg zum beruflichen Erfolg". Seine Rolle als Berater vergleicht der Psychologe mit dem eines Entwicklungshelfers nach dem Motto Hilfe zur Selbsthilfe: "Unser Job ist es, die Leute mit den richtigen Fragen auf neue Ideen zu bringen. Wir helfen bei der Erkenntnis, was jemand besonders gut kann".

Genau so sieht es auch Elke Schumacher, die sich als "Stärken-Scout" bezeichnet, diese Rolle aber ebenfalls nicht überfrachten will. Die Gütersloher Karriereexpertin, zu deren Beratungs-Konzept Kontinuität und deshalb auch eine Telefon-Hotline gehört, hält bei allem Fachwissen und jeder noch so ausgefeilten Karrierestrategie fest: "Je verschwommener der Arbeitsmarkt und je netzwerkiger die Unternehmenslandschaft werden, desto wichtiger wird Verlässlichkeit als Qualität des Mitarbeiters." Sie zitiert Jost Stollmann, der als IT-Unternehmer und Fast-Wirtschaftsminister die Losung ausgab: "Vertrauen ist die Währung der Zukunft".

Nach Schumachers Verständnis hat der IT-Unternehmer damit auch das Vertrauen in sich selbst gemeint. Nicht anders sehen es auch die drei anderen Experten des ersten Karriere-Talks überm Alex. Jürgen Hesse, stellvertretend für alle: "In unserer Arbeitswelt ist es wichtig, dass man Optimismus ausstrahlt und frischen Mut zeigt. Preußische Tugenden wie Zuverlässigkeit und Einsatzbereitschaft sind gefragt. Wer sich nicht traut, ist schlecht dran. Wichtig ist, dass man sich auf den Weg macht." Und Elke Schumacher ergänzt mit einem Zitat frei nach Management-Papst Edward de Bono: "Finde heraus, was Du kannst und suche jemanden, der Dich dafür bezahlt."

Berufsfindungsberaterin Glaubitz würde da niemals widersprechen. Gleichwohl bleibt sie bei ihrer These von der grundsätzlichen Eigenverantwortung. Statt passiv auf den Markt zu reagieren appelliert die Berufsfindungsberaterin an den eigenen Ideenreichtum. Schließlich beginnen viele Karrieren mit einer neuen Idee. Glaubitz: "Es geht nicht darum zu fragen, was gibt es in der Welt, sondern die Frage muss heißen: Was gibt es alles in mir?"

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