Zeitung Heute : Nichts Konkretes

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Die Bilanz hat auch Wochen nach dem Attentat nichts von ihrem Schrecken verloren. Bei der Explosion eines Gastransporters auf Djerba am 11. April waren 19 Menschen getötet worden darunter 14 deutsche Touristen. Aber jetzt herrscht eine fast merkwürdige Unaufgeregtheit in Deutschland vor weiteren Terrorakten. Dabei liegen die Hintergründe der Tat in dem tunesischen Ferienparadies weiterhin im Dunkeln. Zwar kann heute als sicher gelten, dass das Terrornetzwerk von Osama bin Laden für den Anschlag auf die Synagoge La Ghriba verantwortlich ist. Aber die geographische Distanz zu Tunesien lässt auch eine mentale entstehen. Die tatsächliche Bedrohung für deutsche Staatsbürger – gar auf deutschem Boden – erscheint gering. Eine grobe Fehleinschätzung?

Zu diesem Urteil muss man zumindest kommen, wenn man den Worten von Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) Glauben schenken mag. Fischer warnt vor einer unverändert starken Bedrohung durch den internationalen Terrorismus auch für Deutschland.

Sicherheitshinweise entschärft

„Das Problem ist nicht gelöst. Die Gefahr des internationalen Terrorismus ist mitnichten beendet oder auch nur zurückgedrängt“, sagte Außenminister Fischer der „Welt am Sonntag". Eine Entwarnung sei daher noch nicht in Sicht.

Auswirkungen haben solche Einschätzungen zumindest auf den Reisemarkt. Der deutsche Tourist wird vorsichtiger – und bleibt im Zweifelsfall lieber daheim. Allein der Reise- und Touristikkonzern Preussag beklagt für den wichtigsten Markt Deutschland Umsatzrückgänge von 14,2 Prozent. Da tröstet es auch wenig, dass die gesamte Branche rund 16 Prozent verloren hat. Das Attentat auf der tunesischen Ferieninsel Djerba habe den Erholungsprozess in Deutschland gebremst, sagte der Vorstandsvorsitzende der Preussag AG, Michael Frenzel zur derzeitigen Situation.

Dennoch: Das Auswärtige Amt hat seine Sicherheitshinweise für Tunesien entschärft. Im aktualisierten Hinweis heißt es: „Konkrete Hinweise auf weitere Anschläge und damit eine erhöhte Gefährdung deutscher Touristen in Tunesien liegen derzeit nicht vor.“ Die Ermittlungen zu dem Anschlag vor einer Synagoge dauerten an. Die tunesische Regierung unternehme erhebliche Anstrengungen, um Touristen vor Sicherheitsrisiken und insbesondere vor terroristischen Anschlägen zu schützen. Weiterhin rät das Auswärtige Amt Tunesien-Urlaubern aus Sicherheitsgründen zu erhöhter Aufmerksamkeit besonders in größeren Menschenansammlungen, Demonstrationen sowie bei touristischen Anziehungspunkten und religiösen Kultstätten. Gewarnt wird erneut auch vor „spontanen Protestdemonstrationen und Unmutsäußerungen der Bevölkerung“ angesichts der aktuellen Situation im Nahen Osten.

„Nicht zuständig“

Und die Ermittlungen zu Djerba? Da stochern alle weiter im Nebel. Zwar hat ein ranghohes Mitglied des Terrornetzwerks Al Qaida einer arabischen Zeitung erklärt, seine Bewegung sei für den Anschlag auf die Synagoge verantwortlich. Auch würden künftige Aktionen erneut unter Beweis stellen, dass „wir eine standfeste Organisation sind und Operationen der Al Qaida nicht auf ein bestimmtes geographisches Gebiet begrenzt sind“, wird Abdul Azeem Muhajer von dem Blatt zitiert. Er und seine Gruppe stünden nach wie vor in der Pflicht, die amerikanischen Feinde und deren Verbündete zu bekämpfen.

Die deutschen Behörden haben ihre Arbeit vor Ort indes aber eingestellt. Nicht zuletzt deswegen, weil die Operation „Spurenbeseitigung“ der tunesischen Administration offenbar ein großer Erfolg gewesen ist. Das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden hat seine Ermittler, die vor Ort nach verwertbaren und glaubwürdigen Informationen forschten, wieder abgezogen, bestätigte ein BKA-Sprecher. „Wir warten nun auf die Untersuchungsakten der tunesischen Behörden.“ Und Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) lässt auf Anfrage mitteilen, er sei in dieser Angelegenheit „nicht mehr zuständig". Lutz Haverkamp

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