Zeitung Heute : Nichts wirklich Neues: die alternative Tageszeitung steckt in der Krise, weil ihr die Leser wegbrechen

Harald Martenstein

Jeder denkt gerne an die Streiche der Schulzeit, und alle Journalisten lieben die taz. Eine Pressekonferenz der taz? Da geht man hin, Ehrensache. Denn kaum ein Blatt empfindet die tageszeitung als Konkurrenz: Ein gutes Zeichen ist das nicht. Die tageszeitung"startet jetzt also eine lustige Werbekampagne und führt Schwerpunktseiten mit Hintergrundberichten ein - sehr schön, aber wenn das eine Sensation ist, müssten die anderen Berliner Zeitungen zur Zeit alle drei Tage eine Pressekonferenz veranstalten. Zu den anderen käme dann aber niemand.

Die interessante Nachricht erfuhr man eher beiläufig. Es geht der taz schlecht. Wie schlecht, will man nicht sagen. Die Geier, die seit Jahren über dem Projekt kreisen, fliegen jedenfalls wieder ein paar Zentimeter tiefer, sogar das Unwort von der "Rettungskampagne" fiel. Noch eine Rettungskampagne, in der die Leser um Hilfe angefleht werden: die wievielte? Einstweilen wagt niemand, sich das vorzustellen. Aber die Auflage ist gesunken, sie liegt wieder unter 60 000. Auch das klingt nicht gut. Die Krise der taz hat viele Ursachen. Das einst so homogene Milieu der Leser zerfällt, die einen sind in die Regionen von Handelsblatt und Wirtschaftswoche aufgestiegen, die anderen leben von Sozialhilfe.

Die Zeitung hat halsstarrig auf ihrer Unabhängigkeit beharrt, statt sich rechtzeitig eine solide Finanzbasis zu besorgen. Und die anderen Zeitungen, die Konkurrenten, sind lockerer und unkonventioneller geworden, nicht selten mit Hilfe ehemaliger taz-Journalisten. Die Pressekonferenz mit Chefredakteurin Bascha Mika und den Geschäftsführern fand auf einem Schiff statt. Ein Kabarettist trat auf, der sich als Pressesprecher vorstellte und die angeblich neue taz vorstellte, knallbunt und mit einer nackten Frau auf dem Titel. "Wir müssen ein natürliches Verhältnis zur Sexualität finden! Es muss einfach nuttiger werden!" Das war natürlich ein Scherz.

Ein anderer, ebenso realistischer Vorschlag kam aus den Reihen der teilnehmenden Journalisten: Wenn in der Presse Ablösesummen für Redakteure eingeführt werden, ähnlich wie im Fußball, könnte es der taz schon bald hervorragend gehen.

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