Zeitung Heute : Nick Leeson: Pleiten, Pech und Promille

Hendrik Bebber

Angesichts der 300 Millionen Mark Schulden des Angeklagten sah das Gericht von einer Geldstrafe ab: Mit zweieinhalb Jahren Führerscheinentzug und 120 Stunden gemeinnütziger Arbeit büßt Nick Leeson jetzt dafür, dass er im April nach einer Party im Pub betrunken mit seinem weißen Jaguar durch London raste. Geradezu ein Klacks gegen die vier Jahre, die er in dem berüchtigten Changi-Gefängnis von Singapur abgesessen hatte.

Jaguar? Wer sich an die Leeson-Story erinnert, an die Dreimilliarden-Pleite der Barings-Bank, die der "Goldjunge" Nick vor sechs Jahren verursachte, der fragt sich, woher Leeson jetzt das Geld für einen Luxuswagen hat. Man erinnert sich: Barings in London war damals 233 Jahre alt, ihr Mann in Singapur gerade 28, als er die älteste und vornehmste Privatbank Englands ruinierte. Nick Leeson machte durch Fehlspekulationen an den ostasiatischen Devisenbörsen Milliardenverluste, die er so gut verschleierte, dass es die Bank zunächst nicht merkte. Erst nach Kursabstürzen in Tokio schrillten in London die Alarmglocken. Doch da war es schon zu spät: Die Bank von England und ein Konsortium britischer Geldinstitute sahen keine Möglichkeit mehr, das Flaggschiff der City zu retten. Die Barings Bank, zu deren Kunden auch die Queen mit einer Einlage von 140 Millionen Mark zählt, musste Konkurs anmelden. Eddie George, der Gouverneur der Bank von England, nannte die Katastrophe den "Schurkenstreich eines Einzelgängers". Nick Leeson wurde wegen illegaler Börsengeschäfte verurteilt.

Doch er bewahrte sich seinen Instinkt für Geldgeschäfte auch in der Haft. Er brüstete sich vor seinen Mitgefangenen, dass nach seiner Entlassung ein "Sack Gold" auf ihn warte, und gab ihnen gegen Honorar Anlagetipps. Noch im Gefängnis brachte er seine Memoiren "Das Milliarden-Spiel - Wie ich die Barings-Bank ruinierte" heraus, die vor zwei Jahren verfilmt wurden. Die britischen Boulevard-Zeitungen wetteiferten um Exklusiv-Interviews, als er wegen Darmkrebs zwei Jahre vor der Zeit aus der Haft entlassen wurde. Die Krankheit und die Scheidung von seiner Frau machten ihn zum heroischen Versager - und steigerten seine Popularität in England.

Den Konkursverwaltern der Barings Bank blieb wenig anderes übrig, als dazu gute Miene zu machen. Darin sahen sie die einzige Möglichkeit, wenigstens einen Teil des Geldes wiederzubekommen, das Leeson durch Fehlspekulationen und seinen luxuriösen Lebensstil verpulvert hatte. So wurde mit Leeson vereinbart, dass er nur 40 Prozent seiner Einkünfte zur Deckung seiner Schulden an sie abführen muss. Leesons neuer Karriere als Vermarkter der Barings-Story stand nichts mehr im Wege. Er wurde zum erfolgreichen Vortragsreisenden.

Seinen ersten großen Auftritt hatte er 1999 standesgemäß im Gebäude der historischen Amsterdamer Börse. Für die "Audienz mit Nick Leeson" zahlten die Veranstalter ihm ein üppiges Honorar von 180 000 Mark. Entspannt und gut gelaunt plauderte der in Verruf geratene Dealer vor Kollegen, Bankern und Geschäftsleuten über "mein Leben und meine Fehler". Der Erfolg war so groß, dass er sich seitdem nicht mehr vor Einladungen retten kann. "Mein Eintrittsgeld hat sich voll gelohnt", sagte der Finanzberater Nigel Demsey zufrieden nach der "Audienz" in Bristol. "Ich habe äußerst nützliche Tipps bekommen, wie man faule Geschäfte riechen kann."

Von Leesons notorischem Ruf profitierte auch die schwedische "Matteus Fondkommission", die ihn zum Star ihrer Fernsehwerbung machte. Die Anlagefirma engagierte Leeson, um ihre Kunden vor der Gefahr von Hochrisikogeschäften ohne seriöse Beratung zu warnen. "Es ist leichter, als man denkt, alles über Nacht zu verlieren. Ich muss es wissen", sagt Leeson ironisch lächelnd in die Kamera. Die 100 000 Mark, die er dafür einstrich, decken freilich kaum die monatlichen Zinsen seiner Schulden.

Braungebrannt von einer Vortragsreise durch Südafrika zurückgekehrt, eröffnete Leeson in Irland die größte Internet-Wettfirma. "Paddypower.com bietet großen Spaß für die Kunden", preist der Mann, der wie keiner die Grenzen zwischen Finanzgeschäften und Glücksspielen verwischte, das Unternehmen an.

Zu Leesons Ehrenrettung muss allerdings gesagt werden, dass er einen Großteil seiner ihm verbliebenen Einnahmen an wohltätige Stiftungen für die Krebshilfe abführt. Dennoch bleibt ihm genügend übrig, um seinen gewohnten Lebensstil weiterzuführen. Doch ein bisschen sieht es so aus, als würde ihn die Vorliebe für Partys und schnelle Autos wieder aus dem Gleis werfen. Kürzlich wurde er in einem Nachtclub von Blackpool bei einem handgreiflichen Streit von Glassplittern verletzt. Und bei der Verhandlung wegen Alkohols am Steuer warnte ihn das Magistratsgericht in Watford jetzt, dass er unweigerlich wieder im Gefängnis landen werde, wenn er sich noch einmal bei einer Trunkenheitsfahrt erwischen lasse.

Nick Leeson zeigte sich daraufhin ganz reumütig und hat angekündigt, dass er nun ein solideres Leben führen wird: Er wolle sich nun auf sein Psychologiestudium konzentrieren, das er letztes Jahr an der Universität von Middlesex begonnen hat. Vielleicht schreibt er seine Abschlussarbeit über die Psychologie der "Goldjungen" in der Londoner City, jene professionellen Hasardeure, denen er einst das große Vorbild war.

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