Nicola Sturgeon wird zur schottischen Nationalheldin : Zum Wahlsieg per Twitter

Die Schottische Nationalpartei (SNP) hat bei der Wahl zum britischen Unterhaus kräftig zugelegt und wird künftig mit 56 Abgeordneten vertreten sein. Parteichefin Nicola Sturgeon ist die Mutter des Erfolges.

Nicola Sturgeon, Vorsitzende der Schottischen Nationalpartei (SNP), jubelt mit Parteifreunden bei der Verkündung des Wahlergebnisses.
Nicola Sturgeon, Vorsitzende der Schottischen Nationalpartei (SNP), jubelt mit Parteifreunden bei der Verkündung des...Foto: Russell Cheyne/Reuters

Schottlands First Lady Nicola Sturgeon flog am Freitagabend von Edinburgh nach London, wo sie an Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der deutschen Kapitulation teilnahm. Staatsmännisch gedachte sie der Weltkriegshelden, die ihr Leben für die Freiheit des Vereinigten Königreichs gaben. Aber im Rücken hatte sie eine neue Armee, die Schottlands Zukunft nun über die der britischen Staatenunion stellt: 56 SNP-Abgeordnete, die als drittgrößte Fraktion ins Unterhaus einziehen.

Ob die 44-jährige Sturgeon eher eine Führerin ist, die mit geschickter Taktik die Wiedergeburt der schottischen Nation vorantreibt, oder nur eine Gallionsfigur, die von einem historischen Prozess emporgehoben wird, sei dahingestellt. Jedenfalls ist sie in den Monaten, in denen sie den bisherigen Chef der schottischen Nationalisten, Alex Salmond, abgelöst hat, eine Nationalheldin geworden. Salmond stand für Kampf, List und Taktik im Kampf der Schotten für die Unabhängigkeit. Sturgeon verkörpert Jugend, Optimismus und die Realität des Neubeginns.

Ihr Wahlkampf bestand eigentlich nur aus einem Satz, den sie, in Twitter-gerechter Kürze, unaufhörlich in die Welt sandte. „Wählt SNP, damit die Stimme Schottlands laut gehört wird“. Der europäische Twitter-Vizepräsident Bruce Daisley war voll des Lobes , wie Sturgeon als erste in Europa den Wahlkampf vom Handy aus führte. Twitter, „Selfies“ und das Versprechen, mehr Geld auszugeben, genügten.

Der Umschwung der schottischen Wähler zur SNP ist mit normalen Maßstäben kaum zu messen: 30 Prozent mehr wählten SNP als bei der letzten Unterhauswahl 2010. Der Stimmenanteil der SNP liegt mit 50 Prozent deutlich höher als beim Schottlandreferendum im September, auch wenn wohl nicht alle, die SNP wählten, Schottlands Unabhängigkeit wollen.

Nun verschickt Sturgeon eine neue Botschaft vom Handy: „Die Tory-Regierung in Westminster muss auf Schottland hören“. Das Wahlergebnis hat einen Graben durch Großbritannien gezogen: Schottland ist ein See von SNP-Gelb, England ein Meer von Tory-Blau. SNP-Spitzenpolitiker können Camerons neuer Regierung die Legitimität in Schottland absprechen.

So beginnt nun der eigentliche Kampf um das Vereinigte Königreich. Cameron muss schnell Weichen stellen, um einen Bruch zu verhindern. Sein Angebot dürfte „Full Fiscal Autonomie“ heißen, volle Steuer- und Haushaltshoheit für Schottland, vielleicht als Teil einer britischen Föderation. Das heißt aber: Die Schotten müssten ihr Haushaltsdefizit, das viel größer ist als das der Engländer, künftig selbst tragen. Manche Ökonomen sind nicht so sicher, ob die Lady weiß, worauf sie sich da einlassen würde. Sie raten ihr, statt des Handys lieber den Rechenschieber zu benutzen.

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