Zeitung Heute : Nie mehr in die Röhre gucken

Wie gut sind die Hightech-Bildschirme? Zur Internationalen Funkausstellung bieten immer mehr Hersteller luxuriöses Heimkino à la Hollywood

Peter Dehn

FLACHER, SCHNELLER, MOBILER: DIE NEUEN FERNSEHGERÄTE

Seit der Premiere des „Fernkinos“ auf der 5. Berliner Funkausstellung 1928 wurde die Braunsche Röhre zum Synonym für das Fernsehen. Zum 75. Jubiläum der Internationalen Funkausstellung (IFA) geht eine Technik-Ära dem Ende entgegen. „Die IFA wird die Messe der flachen Fernseher“, sagt Helmut Engel, Europa-Chef von Sharp.

Auf vielen Wegen wurde versucht, das Fernseherlebnis schöner zu machen: Stereoton, Videotext und Farbe kennzeichnen den Ausstattungs-Standard. Und das Bild wurde größer: Am Beginn der Farbfernseh-Ära galten Bildröhren mit 59 Zentimeter Diagonale und 4:3 Bild-Seiten-Verhältnis als Nonplusultra. Heute setzen mehr als 80 Zentimeter den Standard bei den aktuellen 16:9-Geräten. Dem weiteren „Wachstum“ der Bildröhre sind freilich Grenzen gesetzt.

Das Fernsehbild basiert auf 576 Nutzzeilen. Je größer die Röhre, desto unschärfer das Bild, denn die Zeilenzahl bleibt gleich. Diesen Mangel sollen bildverbessernde Techniken beheben, vom „Klassiker“, der analogen Verdoppelung der Bilddarstellungsrate auf 100 Hertz, bis zu den vielfältigen aktuellen digitalen Schaltungen. Doch das Volumen der Großröhren droht jegliches Schrankmaß zu sprengen. Und ihr hohes Gewicht setzt der Bildröhre Grenzen.

Zwar wurden nach Angaben der Gesellschaft für Unterhaltungselektronik (gfu) 2002 an die 16 Millionen Röhrenfernseher in Deutschland verkauft. Doch der Trend zum Heimkino mit supergroßem TV-Bild treibt andere Entwicklungen voran. Sharp, Marktführer bei LCD-Displays, und Partner Loewe schicken die Bildröhre in Pension: Die Kronacher wollen ab 2004 nur noch LCD-Geräte produzieren. Die Japaner kündigen das Aus der Traditionstechnik für 2005 auf ihrem Inlandsmarkt und für 2007 in Europa an.

Europaweit stieg der Absatz der flachen und leichten Fernseher mit LCD-Bildgebern von 2001 auf 2002 um mehr als 560 Prozent, bei Plasma-Geräten gibt es einen Anstieg der Verkaufszahlen um 288 Prozent. Mit zusammen knapp 100 000 verkauften Geräten ist das heute noch ein Randmarkt, der aber den Röhren-Riesen den Rang abläuft. Die neuen, flachen Displays, wie ein Bild an die Wand zu hängen, werden zum lifestyligen Designelement im Wohnzimmer.

Während eine elektronische „Kanone“ drei Elektronenstrahlen zeilenweise über die mit phosphoriszierendem Material beschichtete Röhrenfront lenkt und so das Bild erzeugt, werden bei den Displays einzelne Leuchtelemente punktweise angesteuert. Diese Elemente sind bei den Plasmaschirmen selbstleuchtend; bei den LCD’s ist eine Hintergrundbeleuchtung notwendig. Das kann bei Plasmageräten den wegen der Irreparabilität gefürchteten „Einbrenneffekt“ verursachen. Ein länger unverändert dargestelltes Bild ist dann dauerhaft zu sehen. Hilfreich sind da animierte Bildschirmschoner – wie am Computer.

Für das Beinahe-Kinoerlebnis mit einem Plasmaschirm und einem Bild von einem Meter Diagonale muss man mit Preisen um 4000 Euro rechnen. Mit 150 Zentimetern haben die Plasma-TVs die Spitze in Sachen Größe und Preis (weit über 10 000 Euro) erreicht. Günstiger kommen die kleineren LCD-Modelle daher.

Dass die „Flachmänner“ den Röhren nicht nachstehen, zeigt eine Bewertung der Zeitschrift „Video“: Danach firmiert der Plasma-Fernseher „42 PF 9965“ von Philips mit 106 Zentimetern Bilddiagonale und dank bildverbessernder Techniken vor der Röhrenkonkurrenz als „Bester Fernseher aller Zeiten“ (Preis: 7000 Euro, kleinere Modelle ab 4500 Euro).

Den Gewichtsvorteil der Fernsehdisplays macht sich Sharp zunutze. Der „Aquos LC15-L1E Mobile“ mit 38 Zentimetern Bilddiagonale erhielt einen Handgriff und Lithium-Ionen-Akkus für drei Stunden Arbeitszeit und kann unabhängig vom Stromanschluss in der Wohnung oder im Garten genutzt werden. Die Übertragung von Bild und Ton zum Monitor erfolgt im dem für drahtlose Netzwerke (W-LAN) vorgesehenen Frequenzbereich (Preis: etwa 1800 Euro).

So erfolgreich wie LCD und Plasma sind Rückprojektions-Fernseher nicht. Das mag am bisweilen unscharfen Bild liegen, das von zwei großen Objektiven über Spiegel auf die Projektionsfläche gebracht wird. Auch da verspricht die digitale Technik Abhilfe. Loewe nutzt für den „Articos 55“ ein „Digital Mirror Device“ (DMD) aus der Projektionstechnik als Bildgeber. Eine Million schwenkbarer Mikrospiegel erzeugen das Bild. Trotz der Bildschirmdiagonale von 150 Zentimetern ist nicht mehr Wandabstand als für manch 16:9-Röhrengerät mit halbem Diagonalmaß erforderlich (Preis: 7000 Euro).

Zum digitalen Bild kommt der digitale Empfang. Sony stellt seinem MHP-geeigneten Sat-Fernseher Wega „KD32-NS100“ ein Modell für den DVB-T-Empfang zur Seite. Ein weiterer „80er“ kommt als TX- 32DTX30C von Panasonic. Sharp will ein Trio von LCD-Fernsehern für das „Überall Fernsehen“ präsentieren.

Fazit: Wer sich jetzt noch nicht für seinen Fernseher der Zukunft entscheiden kann, hat dazu Ende August Gelegenheit. Dann kann er all diese Geräte bei der IFA selbst in Augenschein nehmen.

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