Zeitung Heute : Niederländische Wunderkammer

Über holländische Mode weiß man hierzulande wenig. Die Ausstellung „Basic Instincts“ dürfte das ändern

KREATIVE GEGENSÄTZE
KREATIVE GEGENSÄTZE

Im Ausland glaubt man häufig, unsere bekanntesten Modedesigner Viktor & Rolf kämen aus Deutschland“. Das sagte Ben Knapen, der niederländische Minister für europäische Angelegenheiten und internationale Zusammenarbeit, anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Basic Instincts“ in der Berliner Villa Elisabeth in der Invalidenstraße 3. Dort werden noch bis zum 31. Juli Kleider, Möbel, Objekte und Architekturmodelle niederländischer Designer präsentiert.

Der Minister spricht ein grundsätzliches Problem an: Viel weiß man im Ausland tatsächlich nicht über die Modeschöpfer seines Landes. Es fehlt an einem starken Zentrum wie Antwerpen oder Paris, das eine starke Tradition besitzt und sofort klare Assoziationen auslöst.

Amsterdam ist zwar eine höchst kreative Metropole – aber eben nicht in erster Linie eine Modestadt. Denkt man im Zusammenhang mit Amsterdam an Kleidung, dann am ehesten an Jeans, etwa an das niederländische Vorzeigelabel G-Star. Aber Couture? Nicht wirklich. Darin sind sich Amsterdam und Berlin ziemlich ähnlich: Nicht umsonst gelten sie als Welthauptstädte der Denim-Kultur.

So ist es auch passend, dass die erste Station von „Basic Instincts“ Berlin ist. Hier begeben sich die niederländischen Kreativen auf vertrautes Terrain. Der interdisziplinäre Ansatz, das Experimentelle, Spielerische und Unprätentiöse, Eigenschaften, die die ganze Ausstellung wie auch die einzelnen Exponate prägen, sind Attribute, die auch auf Berlin zutreffen.

Denen begegnet der Besucher sofort, wenn er die Villa Elisabeth betritt. Dann steht er direkt vor einer der sechs raumgreifenden Installationen, die der dänische Modedesigner Henrik Vibskov für die Ausstellung entworfen hat. Diese sogenannten „Landschaften“ prägen die einzelnen Sektionen, in denen die Objekte nach gestalterischen Grundideen geordnet sind. Für den Bereich „Un-Designed“ stellte Vibskov eine Abfolge immer kleiner werdender unbehandelter Holzrahmen in die Eingangshalle, die wie ein archaischer Triumphbogen den Blick auf die im Zentrum aufgehängten Kleider von Monique van Heist lenken. Diese passen perfekt zum Thema des Raumes, unglamourösen Objekten, die vom rauen, realen Alltag inspiriert sind. Denn van Heists 2009 ins Leben gerufenes Projekt „hellofashion“ bricht mit den üblichen Konventionen der Mode. Ihre schlichten, ostentativ bescheidenen Entwürfe präsentiert sie nicht im Saisonrhythmus, vielmehr ergänzt sie nach und nach einen kontinuierlich wachsenden Fundus.

Die Individualität, der reflektierte bis – wie im Falle van Heists – kritische Umgang mit Konventionen ist das einzig verbindende Element zwischen den in der Ausstellung vertretenen Modedesignern. Ähnlich wie Monique van Heist, Jahrgang 1972, zählen auch Niels Klavers und Astrid van Engele mit ihrem Label Klavers van Engelen zu den Etablierten. Ausgehend von geometrischen Grundmustern entwerfen sie inzwischen weich fallende, feminine Kleider in klaren Farben und Formen. Mit ihrer subtilen, aber unkomplizierten Mode bilden sie im Rahmen der Ausstellung einen klaren Gegenpol zu den Entwürfen van Heists.

Und dann ist da Iris van Herpen, die junge Avantgardistin aus Arnheim, die kürzlich sogar zu den Haute-Couture-Schauen nach Paris eingeladen wurde. Sie verbindet hohe Handwerkskunst mit modernen Techniken, etwa 3D-Druck-Verfahren, die normalerweise vor allem in der Medizintechnik verwendet werden, um nach digitalen Vorlagen mit höchster Präzision dreidimensionale Objekte zu fertigen. In der Ausstellung ist die Designerin mit zwei Werken vertreten. So ergibt sich die seltene Möglichkeit, die immens komplexen Kleider aus nächster Nähe zu betrachten.

Aber die Mode steht nicht im Mittelpunkt der Ausstellung, die gezeigten Kleider fügen sich gleichrangig in den Reigen der Disziplinen ein. Schließlich soll „Basic Instincts“ das gesamte Panorama niederländischer Kreativität und nicht in erster Linie Kleidung präsentieren.

Und das natürlich mit Hintergedanken: Deutschland ist der wichtigste Exportmarkt für die niederländische Kreativindustrie. Neben Ben Knapen gab sich auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann zur Eröffnung die Ehre, was die politische Bedeutung des Projekts, das von der niederländischen Designplattform Premsela initiiert wurde, unterstreicht.

Wie eine Leistungsschau wirkt die Ausstellung aber nicht. Dazu ist sie zu liebevoll gestaltet. Ihr ist anzusehen, dass sie als „Abenteuer“ mit ungewissem Ausgang begann, wie es José Klapp, zusammen mit ihrem Kollegen Sandor Lubbe vom Stilmagazin „Zoo“ Creative Director des Projekts, beschreibt. „Basic Instincts“ wurde nicht generalstabsmäßig durchgeplant, sondern von einem internationalen Team Schritt für Schritt entwickelt. Die Verantwortlichen haben zwar alle mit Mode und Design zu tun, aber unterschiedliche Perspektiven auf das Thema. Neben dem niederländischen Duo vom Zoo-Magazin waren der Italiener Luca Marchetti und Emanuele Quinz, die in Paris die Agentur Mosign führen, als Kuratoren beteiligt. Und das Ausstellungsdesign wurde eben dem Dänen Vibskov übertragen, dernicht nur Modedesigner ist, sondern in den vergangenen Jahren an einer Vielzahl unterschiedlicher Projekte mit Künstlern und Musikern beteiligt war. Er war prädestiniert dafür, gerade an dieser Ausstellung mitzuwirken,

Für „Basic Instincts“ gestaltete er zurückhaltende Räume, die sich sensibel in die Zimmer und Säle der Villa Elisabeth mit ihrem leicht verblichenen Charme einfügen. Entstanden ist eine wahre Wunderkammer – eine Sammlung schöner und skurriler Objekte ohne Hierarchien.

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