Zeitung Heute : Niederlande: Die heilige Madonna, umschwirrt von Schmetterlingen

Birgit Sara Fabianek

"Bitte nicht erschrecken", begrüßt Peter Bodelier aus dem niederländischen Lemiers Neugierige, die einen Blick in die "Catharinakapel" werfen wollen. Ein guter Rat. Doch er verpufft, sobald das Licht im Innenraum der ältesten Saalkirche des Landes aus dem 12. Jahrhundert aufflammt. Wilde Farben springen den Betrachter an. Figuren tanzen über Wände und Decken, Köpfe mit riesigen Augen schieben sich übereinander, Blut fließt, Wasser strömt. Schmetterlinge leuchten, Vögel, Fische, Blumen taumeln umeinander und ein einsamer Raumfahrer scheint kopfüber von der Decke zu stürzen.

"Was ist denn hier passiert?", wollen viele Besucher nach dem ersten Schock von Bodelier wissen. Manche fragen irritiert, ob entfesselte Graffiti-Sprayer die kleine Kirche mit einem Busbahnhof verwechselt haben. Andere mutmaßen, der Künstler habe im Fieberwahn seinen Schaffensdrang ausgelebt, oder ein Kindergarten habe sich hier unbeaufsichtigt ausgetobt. Einige reagieren ironisch und fragen nach dem Diskjockey oder erkundigen sich süffisant, wann die Zirkusvorstellung beginnt.

Seit zwölf Jahren erzählt der 72-jährige Bodelier interessierten Besuchern die Geschichte der Catharina-Kapelle und interpretiert die knalligen Wandmalereien von Hans Truijen, dessen kraftvolle Pinselführung an Kinderzeichnungen erinnert. Truijen, limburgischer Maler und Glaskünstler, ist Mitglied der "Cobraisten", die einen "primitiven Expressionismus" vertreten.

Der Geschichte der romanischen Kirche zu folgen, falle den Leuten leichter, räumt Bodelier ein. Die einzige noch erhaltene Saalkirche der Niederlande soll der Legende nach ursprünglich eine Jagdkapelle Karls des Großen (747-814) gewesen sein. Verträumt liegt die Kirche an dem krummen Pfad, auf dem früher die Heere von Köln nach Maastricht gezogen sind. Bis nach Aachen sind es nur ein paar Schritte über den Senserbach. Der niedrige Bau fällt zwischen den umliegenden Wohnhäusern kaum auf. Nur wer genauer hinsieht, erkennt den rechteckigen Chorraum vorneweg, die kleinen romanischen Fenster und das eingesunkene spitze Holztürmchen hinten auf dem Dach.

Als das Gebäude 1977 restauriert wird, erhält Hans Truijen den Auftrag, den Innenraum der kleinen Kirche neu auszumalen. Als er das Tonnengewölbe sieht, bei dem Decke und Wände nahtlos ineinander übergehen, steht seine Idee fest. Er will zeigen, wie sich Himmel und Erde miteinander verbinden, malt seine Deutung der Schöpfungsgeschichte und des Lebens von Jesus im Stil des "primitiven Expressionismus".

Um die abgelegene Kapelle aus ihrem tiefen Schlaf zu reißen, passt Truijen seine Symbolik von Geburt, Leiden und Auferstehung nicht der Architektur und der Historie an. Vielmehr verwandelt er den Innenraum in ein Totalgemälde, wie er in einem Kunstband zur Entstehungsgeschichte erzählt.

Aus der Vielzahl von Bildern drängeln sich nach und nach einzelne Szenen nach vorn. Maria, wie sie den Messias in einem Strom aus Blut und Fruchtwasser zur Welt bringt, das bei Truijen zum Wasser des Lebens wird und sich über die gesamte Wandfläche ergießt. Ein blinder Mensch, der auf einer dunklen Wolke mit gierigem roten Mund steht, von Bodelier als "Tier der Angst" interpretiert, von Johannes mit dem Wasser der Taufe geheilt.

Die Madonna an der Stirnseite, die inmitten von Blumen und Schmetterlingen den Drachen des Weltuntergangs bezwingt, wird vom Astronauten Neill Armstrong unterstützt. Der pflanzt hinter ihrem Rücken eine Fahne auf die Mondsichel zu ihren Füßen - Ausdruck von Truijens Glauben an den Fortschritt der Menschheit Ende der 70er Jahre.

"Jesus Christus, was für eine coole Kirche!", schreibt ein Besucher ins Gästebuch. Die meisten äußern Verständnis, nachdem Bodelier ihnen die Bilder erklärt hat. "Die Farben sind wie Musik, wie eine Kantate von Bach", schwärmt jemand in einem neueren Eintrag. "Es ist schön, aber sehr fremd", schreibt ein Italiener aus Carrara. Dass sich die Besucher über die Malereien nach wie vor nicht einig sind, findet Bodelier in Ordnung. "Über Totes regt man sich nicht auf", sagt er: "Die Catharina-Kapelle lebt."

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