Zeitung Heute : Niederösterreich: Hoffnung aufs Paradies

Siegfried Krause

"Österreich - Klösterreich", einen so mundgerechten Slogan konnten sich die Tourismus-Werber unmöglich entgehen lassen. Dazu noch ein Heiliges Jahr, und das Thema für Österreich-Reisen aller Art ist gestellt. - Warum auch nicht? Die Alpenrepublik hat im Überfluss von den geweihten Festungen christlicher Hochkultur. In Niederösterreich zwischen Wien und Linz gibt es besonders viele davon, links und rechts der Donau aufgereiht, zum Beispiel Stift Melk (vielleicht die bekannteste Klosteranlage überhaupt), Dürnstein, Göttweig oder ein Stück weiter im Landesinneren: Zwettl, Altenburg, Geras, die Basilika Sonntagberg, Seitenstetten und Ardagger. Das sind so ein paar Beispiele.

Kaum ist der Koffer ausgepackt, da marschieren wir schon aufwärts (es geht meistens aufwärts im Klösterreich) zum Stift Melk, jenem gewaltigen Barockbau, der sich auf einer Anhöhe so fotogen über die Donau erhebt. Niemand wundert sich, dass die Niederösterreichische Landesausstellung 2000 hier aufgebaut worden ist. Der Titel sagt es: "Die Suche nach dem verlorenen Paradies. Europäische Kultur im Spiegel der Klöster." Gemeint ist also das biblische Paradies samt Schöpfungsgeschichte und Sündenfall, wie es Maler, Komponisten und Dichter immer wieder festgehalten haben.

Solche Arbeiten werden auf 3000 Quadratmetern Ausstellungsfläche in 395 Exponaten (zum Glück nicht noch mehr) gezeigt: Dante, Brueghel, Maulbertsch, Rodin, Chagall, Rudolf Hausner, daneben Messgewänder, Tapisserien und andere Attribute klösterlichen Lebens, auch von anderen Religionen und Mythologien. Aus dem Kirchenschatz der heimischen Benediktiner ist das weltberühmte Kremser Kreuz an die Öffentlichkeit gelangt: Ein großer Kreuzpartikel, dessen Fassung als Hauptwerk der Goldschmiedekunst des 14. Jahrhunderts gilt.

Die wichtigsten christlichen Orden werden vorgestellt in ihren höchst verschiedenartigen Aufgaben auf dieser Welt - ob Bettler oder Lehrer, ob Askese, Armen-Fürsorge oder Krankenbetreuung - und in ihrer gemeinsamen Hoffnung auf das Paradies. Liegt dieser glückliche Ort allein jenseits des Lebens? Liegt es auch im Gärtchen hinterm Zaun? Zunächst aber bedrängen uns Arbeit, Krankheit, Schmerz und Tod als Folgen des bekannten Sündenfalls. Wie gehen heutige Mönche damit um? Dafür zumindest hätte man sich Beispiele gewünscht. Wer der Thematik im Einzelnen nachgehen will, sollte viel Zeit und außerdem 340 Schilling (fast 50 Mark) für den 600 Seiten dicken Katalog mitbringen. Ohne ihn bleibt vieles unverständlich und in Erinnerung vielleicht kaum mehr als der Heurige, den man sich nach dem Besuch leistet. Immerhin: Die Klosterbibliothek und der Blick vom Altan aus aufs Donau-Tal sind Eindrücke, von denen man lange zehren kann.

Wer beim Gebet dem (astronomischen) Himmel besonders nahe sein möchte, kann zum Sonntagberg hinauf wandern, wie es die Pilger tun, die den reichlich 700 Meter hohen Berg der heiligsten Dreifaltigkeit bei Seitenstetten erklimmen. Als Kaiser Franz-Joseph lebte und Österreich noch mit Ungarn ging, war die gotische Basilika mit der wunderschönen Aussicht einer der meistbesuchten Wallfahrtsorte jener Zeit. Heute gibt es hier oben ein "Hospiz" für gehobene Ansprüche. Die Seelsorge betreut allein Pater Gregor von den Seitenstetter Benediktinern. Der Wind indes pfeift wie eh und je oft so heftig um den freien Berg, dass sich nicht jeder Besucher auf den Beinen halten kann.

Unten in der Benediktinerabtei geht es ruhiger zu. Erholung winkt dem müden Reisenden im Klostergarten, für den Seitenstetten geradezu berühmt ist. Die halb verfallene Anlage ist in drei Jahren nach den alten Plänen zu neuem Leben erweckt worden. Zur richtigen Jahreszeit können sich die Besucher an 20 verschiedenartigen Pfingstrosen, an mehr als 100 Rosensorten oder an den alten Bäumen erfreuen, ehe sie zur Kirche vordringen, im Stiftsgebäude monumentale Deckengemälde von Paul Troger bewundern oder eine der größten Gemäldegalerien Österreichs erleben. Eine Sonderausstellung (bis 26. Oktober) macht mit dem Werk des "Kremser Schmidt" bekannt.

Durstige Touristen sollten wissen, dass sie sich im so genannten Mostviertel befinden, in dem die Birnen nicht nur im Mai einen weißen Blütenteppich übers Land legen, sondern jederzeit auch in gekelterter Form zum Verkosten einladen.

Wer noch einen älteren Reiseführer vom österreichischen Waldviertel im Bücherschrank hat und sich daraus vorab über die Benediktinerabtei Altenburg informiert, wird bei der Ankunft staunen: Ausgrabungen haben in den letzten Jahren aus dem bis dahin "nur" wegen seiner Kunstschätze berühmten Kloster ("Barockperle des Waldviertels") eine einzigartige Fundstätte der Archäologie gemacht.

Ein neues altes Kloster ist in und unter dem alten neuen Bau entstanden, seitdem die im 17. Jahrhundert verschüttete gotische Anlage freigelegt wurde: Kreuzgang, Wohn- und Arbeitsräume der Mönche. Das macht Furore, lockt Touristen an und schafft den Mönchen zusätzliche Einnahmen, die sie gut brauchen können. Das altbewährte Barock-Angebot wird nicht geschmälert. Seine Höhepunkte sind die Prunkstiege mit Troger-Gemälden, die schöne Bibliothek und der Prunksaal, in dem im Sommer auch Theater gespielt wird, und die mit grotesken Szenen ausgemalte Krypta.

Im Klosterladen lädt uns Pater Albert, der junge Prior, zu einem Glas Wein ein. Durch die offenen Fenster klingt der Gesang der Altenburger Sängerknaben. Es herrscht, das merkt man schnell, junges Leben im alten Klösterreich.

Über Klostertouren und -aufenthalte gibt es Informationen bei der Niederösterreich-Werbung, Fischhof 3/3, A-1010 Wien; Telefonnummer: 00 43 / 1 / 536 10 62 00, Telefaxnummer: 00 43 / 1 / 536 10 60 60.

Der Verein Klösterreich bietet organisierte Reisen, Radtouren und Wanderungen an, zum Beispiel dreitägige Weinreisen zu den Stiftsweingütern, Wochenreisen zu botanischen Sehenswürdigkeiten der Klöster sowie Touren zu den Waldviertler Stiften.

Auskunft: ITA, Prof.-Kaserer-Weg 333, A-3491 Straß; Telefon: 00 43 / 273 55 53 50.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben