Zeitung Heute : Niemals geht man so ganz

Jürgen Klinsmann hat den deutschen Fußball umgekrempelt – jetzt kann der DFB kaum auf ihn verzichten

Robert Ide

Trotz der Halbfinalniederlage gibt es viel Lob für das Auftreten der DFB-Auswahl und die Arbeit von Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Wie wahrscheinlich ist es, dass Klinsmann weiterhin Bundestrainer bleibt?


Ob Jürgen Klinsmann weiter Bundestrainer bleibt, weiß nur einer: Jürgen Klinsmann. Die Funktionäre beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), bei dem Klinsmann noch bis zum 30. Juli angestellt ist, warten ähnlich gespannt auf seine Entscheidung wie Millionen Fans im Land. Nach dem knappen Scheitern im Halbfinale und dem allseitigen Lob für die attraktive Spielweise spricht vieles für einen Verbleib Klinsmanns bei der Nationalmannschaft. „Ich glaube, der Trainer wird weitermachen“, sagt Kapitän Michael Ballack.

Klinsmann will sich erst nach Turnierende mit seiner Zukunft beschäftigen. „Ich werde mich nächste Woche mit meiner Frau zusammensetzen, dann werden wir eine Entscheidung treffen“, sagt er. „Ich muss erst einmal alles sacken lassen. Es ist in den letzten zwei Jahren viel passiert, auch bei mir.“ Der Beratung im Familienrat dürfte für Klinsmann eine hohe Bedeutung zukommen. „Ich weiß, dass ihm sein Lebensstil in Amerika wichtig ist“, sagt der scheidende DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, der Klinsmann immer gegen Kritik in Schutz genommen hat. Sollte Klinsmann bleiben, muss sich der Verband weiter mit dessen Wohnort in Kalifornien arrangieren. Ob die Heimflüge bezahlt werden, dürfte aber neu verhandelt werden. Vorsichtshalber warnt Mayer-Vorfelder das neue Präsidium davor, Klinsmann „Knüppel zwischen die Beine zu werfen“.

Vor der WM hatte es im Verband auch Widerstand gegen die Abberufung altgedienter DFB-Angestellter durch Klinsmann gegeben. Als Klinsmann den Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters als Sportdirektor installieren wollte, beförderten die Funktionäre den Fußballer Matthias Sammer auf diesen Posten. Diese Niederlage hat Klinsmann, der „den ganzen Laden“ DFB auseinander nehmen wollte, nicht vergessen. Wichtiger sind dem Trainer aber die Dinge, die rund um die Mannschaft geschehen. Hier hat er seine Vertrauensleute installiert, die Spieler sind von seinem Training begeistert. Sie sind froh, dass er ihnen Selbstvertrauen vorlebt. Sie haben davon profitiert, dass er die Bereiche Fitness, Gegnerbeobachtung und psychologische Betreuung in die Hände von Fachleuten legte.

Klinsmanns Arbeitgeber kann es sich kaum leisten, mögliche Verhandlungen scheitern zu lassen. Schatzmeister Heinrich Schmidhuber hat allerdings angekündigt, „dass man sich nach der WM über alles unterhalten muss“ – auch finanziell. Für die Verhandlungen zuständig ist Teammanager Oliver Bierhoff. Sein Vertrag wurde bereits bis 2010 verlängert. „Das Projekt Nationalmannschaft sollte nicht personenabhängig sein“, sagt Bierhoff. „Aber Jürgen Klinsmann lebt die Begeisterung, die dieses Projekt ausmacht.“ Den Zeitrahmen gibt das nächste Länderspiel vor. Wenn es am 16. August in Gelsenkirchen gegen die Schweden geht, muss klar sein, wer auf der Bank sitzt.

„Bierhoff wird nun die Kontakte zu Klinsmann halten“, sagte Theo Zwanziger, der ab September alleiniger DFB-Präsident sein wird, im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Ich werde alles tun, um ihn zu halten.“ Dennoch mahnt Zwanziger, dass der Verband möglicherweise nicht jeden Wunsch erfüllt. „Natürlich werden wir alle Dinge auf ihre Sinnhaftigkeit prüfen. Nach der WM muss man alles in einen normalen Rahmen zurückbringen.“

Ihren Optimismus, dass Klinsmann bleibt, ziehen die Funktionäre daraus, dass der Trainer die junge Mannschaft entwickeln will. „Wenn man solch eine Begeisterung weckt, entsteht auch eine Verpflichtung, das weiterzuführen“, sagt Mayer-Vorfelder. Klinsmann möchte, dass die jüngeren Mannschaften bis in die U 15 die offensive Spielweise übernehmen und dass Trainingslehre und Trainerausbildung einheitlicher werden. Dies ist nun Sammers Aufgabe. Im Fall aller Fälle würde er als Bundestrainer-Ersatz bereitstehen.

Nach Informationen aus Verbandskreisen gibt es in der DFB-Spitze eine Prioritätenliste für die Trainerfrage. Erste Priorität ist es, Klinsmann zu halten. Sollte dies nicht klappen, will der Verband möglichst bald einen neuen Coach präsentieren. Die peinliche Posse um die Trainerfindungskommission nach dem Rücktritt von Rudi Völler soll sich nicht wiederholen. Scheitert auch Plan B, soll ein Trainer für eine Übergangszeit von einigen Monaten einspringen. Dies könnte Sammer sein oder U 21-Coach Dieter Eilts. Offiziell möchte zurzeit niemand über Namen sprechen. Zwanziger sagt nur: „Selbst wenn Jürgen Klinsmann nicht mehr Bundestrainer sein sollte, wird in Deutschland weiter Fußball gespielt.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben