Zeitung Heute : Niemand ist mein Vater

Sein Film „Der Totmacher“ war ein großer Erfolg. Dennoch gilt der Regisseur Romuald Karmakar vielen als verkanntes Genie. Er hat französisch-iranische Eltern, wuchs in Athen auf. Jetzt ist er mit zwei Filmen auf der Berlinale – wieder erforscht er darin das deutsche Wesen.

Christiane Peitz

Hitler. Das war seine erste Rolle. Es war nicht leicht, Mitte der 80er in München ein Punk zu sein. Die Berliner hatten „Die Tödliche Doris“, Düsseldorf konnte mit der „Anarchistischen Gummizelle“ aufwarten. Die Münchner nahm keiner ernst. Also wollte die Underground-Szene rund um das „Werkstattkino“ wilder sein als die anderen. Also spielte Romuald Karmakar Adolf Hitler, 1985, in seinem ersten Super 8-Film „Eine Freundschaft in Deutschland“. Hitler geht als Trambahnfahrer verkleidet zum Fasching und lässt sich von einer Frau ins Gesicht urinieren. Alle waren begeistert. „Das war“, sagt Karmakar und lacht, „der Geschmack, mit dem wir losgingen, um das deutsche Kino aufzumischen.“ Heute liegt ihm das Provozieren nicht mehr so.

Karmakar als Punk? Man kann es sich kaum vorstellen. In diesen Tagen kursiert auf der Berlinale die Geschichte, wie er sich aus dem Eröffnungsfilm herausgestohlen hat, über Claudia Schiffer beim Foto-Shooting stolperte und sich bereitwillig mitfotografieren ließ. Sieht gut aus, der Mann, könnte als amerikanischer Serienheld durchgehen.

Der 39-jährige Regisseur, Autodidakt, Außenseiter, Kinopurist und -berserker mit Wohnsitz in Berlin, lacht schon wieder. Seriendarsteller? Nein danke. Sonst hat er mit anderen Zuschreibungen zu kämpfen. Manche halten ihn für ein verkanntes Genie, dessen Drehbuchanträge zu Unrecht ständig abgelehnt werden. Andere finden, er werde überschätzt: Karmakar sei ein guter Dokumentarist, aber außer dem „Totmacher“ mit Götz George habe er noch keinen großen Spielfilm gedreht. Wobei der Vorwurf des Kryptofaschismus und der Tätersympathie, der ihm etwa wegen seines Söldner-Dokumentarfilms „Warheads“ gemacht wurde, inzwischen leiser geworden ist.

Ganz so verkannt ist er auch wieder nicht: Gleich zwei Karmakar-Filme laufen diese Woche auf der Berlinale. Im Wettbewerb ist heute „Die Nacht singt ihre Lieder“ zu sehen, seine Verfilmung des gleichnamigen Jon-Fosse-Theaterstücks mit Frank Giering und Anne Ratte-Polle: die minimalistisch strenge Psychostudie einer erkalteten Ehe. Karmakar mochte die Präzision der Fosse-Dialoge. Und am Freitag zeigt das Panorama Karmakars 140-Minuten-Dokumentation „Land der Vernichtung“, auch das eine Studie: Vorarbeit für sein bislang aufwändigstes Spielfilm-Projekt über die Verbrechen des Hamburger Polizeibataillons 101 und dessen Rolle bei der Ermordung der polnischen Juden 1942 und 1943.

Wir treffen uns im Hotel Adlon und reden zwei Stunden. Ich will wissen, warum der in Wiesbaden geborene Sohn einer französischen Mutter, der den Namen seines indischen Stiefvaters trägt, später in Athen zur deutschen Schule ging und in München Abitur machte, bevor er in Wittlich seinen französischen Militärdienst absolvierte – warum sich jemand mit einer so internationalen Biografie für das Deutsche interessiert wie kein anderer Regisseur seiner Generation.

Gut, seine erste größere Super-8-Dokumentation, „Coup de Boule“, handelt von Franzosen. Man sieht darin, wie sich die Wehrdienstpflichtigen in Wittlich die Köpfe an ihren Spinden blutig schlagen. Das brachte Karmakar noch während seiner Armeezeit die erste Berlinale-Teilnahme und ein Disziplinarverfahren ein: Er musste unterschreiben, dass das Köpfe-Blutig-Schlagen nicht Teil der Ausbildung ist. Aber schon sein Söldnerfilm „Warheads“ rückt neben einem Briten einen ehemaligen deutschen Fremdenlegionär ins Zentrum. Dann, 1995, „Der Totmacher“: die Geschichte des Hannoveraner Serienmörders Fritz Haarmann, Wort für Wort nach den psychiatrischen Protokollen gedreht. „Manila“(1999) ergründet den hässlichen Deutschen; im „Himmler-Projekt“ (2000) liest der Schauspieler Manfred Zapatka die „Posener Rede“ von Heinrich Himmler: drei Stunden ebenfalls nichts als Wortlaut – ein grausig nüchternes Dokument der Barbarei.

Und nun das Polen-Projekt. 12 000 Blätter Strafakten der Hamburger Staatsanwaltschaft hat Karmakar durchgeackert und war im Sommer zwei Wochen in Südostpolen, in Majdanek, Treblinka, Sobibor und Belzec. „Land der Vernichtung“ dokumentiert diese Reise.

Seltsam: Kaum ein Deutscher beschäftigt sich gern mit seiner deutschen Identität, den Nazis, den Tätern. Warum also eignet sich Karmakar all das freiwillig an? Die Lektüre der Tausenden von Aktenblättern, die während der Prozesse gegen das Polizeibataillon in den 60er Jahren entstanden, ist schließlich kein Spaß, sondern die irrwitzige Fleißarbeit eines Filmemachers, der bekannt ist für seine Disziplin. Schon wieder was Deutsches: diese Tüchtigkeit, dieses Gründliche.

Nein, eine kurze Antwort kann der Filmemacher nicht auf die Frage nach dem Deutschen geben. Aber er weist sie auch nicht erbost zurück, erzählt stattdessen freundlich, ernsthaft, detailversessen, penibel. Während der Adlon-Pianist im Hintergrund mit süßen Melodien aufwartet, berichtet er von den Büchern der Historiker seiner Generation. Von Ulrich Herbert zum Beispiel. Von Christopher R. Brownings „Ganz gewöhnliche Männer“ und Goldhagens „Willige Vollstrecker“. Karmakar ist ein besessener Sachbuch-Leser. Er erzählt auch von den NS-Filmen, die es schon gibt, „Holocaust“ und Guido Knopp, „Shoah“, „Schindlers Liste“ und „Rosenstraße“. Von den Leerstellen darin. Ihn lässt die Frage nicht los, wie es jemandem möglich ist, an einem Tag mit den Polizeikollegen 1500 jüdische Dorfbewohner zu erschießen.

In Polen hat er versucht, die Vernichtungsorte mit der Mini-DV-Kamera zu erfassen. Wie filmt man die Dimension der Vernichtung? Karmakar will es begreifen, sinnlich, physisch. Er ist zu Fuß gegangen, um die Massengräber von Belzec herum, hat die Schritte gezählt. Deshalb ist „Land der Vernichtung“ 140 Minuten lang. Wenn er die Längsseite des Lagers von Majdanek abläuft und die Szene nicht schneidet, dauert das eben.

Wie er daraus einen Spielfilm machen wird, so richtig mit Uniformen, Erschießungen und Gerichtsprozess in den Sechzigern, mit Staatsanwälten und Gräueln und Bildertabus, weiß er noch nicht genau. Bisher hat er eher Kammerspiele gedreht, im Studio, an ein, zwei Schauplätzen. Eine Film-Armee hat er bislang nicht befehligt. Aber Karmakar möchte es wissen, spricht von Herausforderung und Verantwortung, nennt den Arbeitstitel, ein Polizistenzitat, und spricht dabei jedes Komma aus: „Ich habe mich Komma und das war mir möglich Komma bemüht Komma nur die Kinder zu erschießen.“

Im Hintergrund setzt wieder der Klavierspieler ein. Alles so unwirklich hier. Karmakar: „Es ist einfacher, ein Antifaschist zu sein, als sich mit dem Nationalsozialismus auseinander zu setzen.“ Es sei in Europa unser zentrales Thema. Und warum liegt all seinen Filmen eine Lektüre zu Grunde, Akten, Reden, ein Theaterstück? Warum diese Spracherkundungen? Alexander Kluge, seinem Mentor, ist das auch aufgefallen, meint Karmakar und zögert. „Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich kein – Deutscher bin.“ Und blendet zurück in die deutsche Schule nach Athen.

Es waren die 70er, eine hochpolitische Zeit. Im deutschen Herbst stand Militärpolizei auf dem Dach und im Schulhof. Die Karmakars hatten iranische und libanesische Bekannte, die wegen Khomeini und dem Bürgerkrieg nach Griechenland flüchteten. Eine polnische Schulfreundin verschwand über Nacht, wegen Jaruzelski. „Es war die Weltpolitik im Mikrokosmos“, erinnert sich Karmakar. Mit 15 sah er im Goethe-Institut neben Achternbusch und Fassbinder auch Syberbergs „Hitler“-Film. Die Vorstellung wurde wegen einer Bombendrohung abgebrochen: Die griechischen Antifas dachten, die Deutschen sympathisierten wieder mit dem Nationalsozialismus.

Der junge Karmakar begriff von all dem nicht viel. Trotzdem war er gemeinsam mit seinen Klassenkameraden als Quasi-Deutscher im Ausland besonders mit seiner Identität konfrontiert. Im fremden Land gewinnt das Eigene mehr Bedeutung. Als er jedoch als Sänger im Punkkonzert auftrat, verstand seine Mutter ihn endgültig nicht mehr. Der 17-Jährige ging nach München und lernte dort von den Undergroundfilmern, dass Kino nicht nur Händchenhalten mit Mädchen bedeutet. Und er traf Hartmut Gehrken wieder, den Goethe-Chef aus Athen, dessen Kulturprogramme in der Ära der geistig-moralischen Wende in Ungnade gefallen waren. Später wurde Enno Patalas, Leiter des Filmmuseums, auf ihn aufmerksam, und Alexander Kluge ist inzwischen so etwas wie sein visuelles Gedächtnis.

Vaterfiguren? Ersatzautoritäten? Nein, sagt Karmakar. „Mein Vater ist niemand.“ Mit 18 erfuhr er, dass sein leiblicher Vater Iraner ist. Er kennt ihn nicht. Seit seine Haare grau werden, sprechen ihn gelegentlich Perser an, ob er auch einer sei. Und dem iranischen Kino fühlt er sich nahe, dieser Präzision, dem Arbeiten ohne digitale Effekte. „Ich komme über das Kino in das Land meines Vaters hinein.“ Das freut ihn. Schließlich ist er ein Familientier: Den Punk hat ihm seine Mutter längst verziehen, zur Berlinale reist auch das Ehepaar Karmakar an.

Irgendwann will er den iranischen Vater besuchen, das spart er sich auf. Bis dahin ist Romuald Karmakar dieser Regisseur mit französischem Pass und leicht bayrischem Akzent, der mit iranischer Strenge Filme über das Land der deutschen Sprache dreht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben