Zeitung Heute : „Nietzsche hat Gott zu früh begraben“

Soziologen untersuchen den Wandel von der institutionellen zur privaten Religiosität

Patricia Pätzold
Von allem etwas. Moderne Religiösität ist nicht unbedingt auf eine Weltanschauung begrenzt. Man sucht sich das Beste aus dem vielfältigen Angebot heraus und bastelt sich seine eigene Religion zurecht. Foto: vario images
Von allem etwas. Moderne Religiösität ist nicht unbedingt auf eine Weltanschauung begrenzt. Man sucht sich das Beste aus dem...Foto: Image Source / vario images

Eine „weiße Frau mit einem Kind auf ihrem Arm“ hätten sie im Wald gesehen, erzählten die Freundinnen Katharina, Susanne und Margaretha. Im Juli 1876 hatte man die Dame, die den achtjährigen Mädchen erschienen war, schnell als die heilige Jungfrau Maria enttarnt. Bald wurden erste wundersame Heilungen in dem 1600-Seelen-Dorf Marpingen im saarländischen Härtelwald vermeldet. Der Flecken wurde zu einem der bekanntesten Wallfahrtsorte Deutschlands, zu einem „deutschen Lourdes“. Die Jesusmutter blieb Marpingen treu – und ging mit der Zeit. Als sie sich 120 Jahre später, 1999, abermals dort zeigte, inszenierte sie ihre Erscheinung als modernes Event. Sie ließ drei auserwählte „Seherinnen“ ihre Botschaften live in ein Mikrofon sprechen, um 30 000 Pilger vor Ort teilhaben zu lassen.

„Nietzsche hat Gott zu früh begraben“, sagt der TU-Soziologe Hubert Knoblauch. „Religiöse Erfahrungen finden heute allerdings nicht mehr allein an heiligen Orten wie der Kirche statt. Sie sind Teil unserer Alltagskultur geworden.“ Knoblauch hat untersucht, wie sich Religiosität in der Gesellschaft verändert hat und fragt nach den Ursachen für deren Wiederaufschwung in den letzten Jahrzehnten. „Die meisten erkennen ihre Erlebnisse nicht unbedingt als religiöse Erfahrungen.“

Tausende folgten zum Beispiel dem deutschen Entertainer Hape Kerkeling und der amerikanischen Schauspielerin Shirley MacLaine auf dem Jakobsweg bei ihren mehrwöchigen Fußmärschen ins nordspanische Santiago de Compostela. Beide berichteten in ihren Büchern über innere Einkehr, spirituelle Erkenntnisse, sogar Erinnerungen an Reinkarnationen. Abertausende beschäftigen sich mit Engeln, mit Meditation und altem chinesischem Wissen wie Feng Shui, mit buddhistisch oder okkultistisch inspirierten Praktiken zur Heilung von Körper und Seele.

Sie suchen nicht nach der übergeordneten Instanz Gott, sondern nach dem Göttlichen in sich selbst, nach einer neuen Seinserfahrung. Auf institutionelle Führung, wie sie die Kirche Jahrhunderte lang beanspruchte, verzichten sie. „Die alten Grenzen der kirchlichen Religiosität innerhalb herkömmlicher Glaubensgemeinschaften sind weitgehend aufgelöst“, sagt Knoblauch. „Es zeigt sich ein enormes Spektrum religiöser, populärer und esoterischer Spiritualität, also individueller Erfahrungen der Transzendenz.“ Sakrales tritt Profanem gegenüber.

Die Säkularisierung, der Niedergang der Religion, schien seit den 1960er-Jahren in den modernen Gesellschaften nicht mehr aufzuhalten zu sein. Doch gegen Ende des Jahrhunderts erlebte sie eine wundersame Renaissance. Die „New Age“-Bewegung und deren esoterische Kulte breiteten sich aus. Bislang hatten sie als Teil der popkulturellen Avantgarde beziehungsweise der oppositionellen Jugendkultur gegolten. Säkulare Alternativen zur traditionellen Religion wie Kommunismus und Kapitalismus gerieten in den 80er- und 90er-Jahren außerdem in Misskredit und leisteten damit der populären Spiritualität weiteren Vorschub.

Besonders in den USA blühten neben dem „New Age“ evangelikale Bewegungen auf und eine Diskussion um die christliche Leitkultur brach sich Bahn. Ereignisse wie die Wahl von Papst Benedikt XVI. oder der Weltjugendtag in Köln wurden aufwendig medial inszeniert. La-Ola-Wellen begleiteten den Gottesdienst, sakrale Klingeltöne, Papststicker oder T-Shirt-Aufdrucke wie „Mach et, Ratze!“ waren omnipräsent, Gregorianische Gesänge schafften es gar in die Hitparaden. Damit erweise sich eine modernisierte Religiosität als neue Macht im 21. Jahrhundert, stellt Knoblauch fest. Sie träte dabei aus dem privaten Raum heraus: „Diese ,populäre’ Religion ist der sichtbarste kulturelle Ausdruck der neuen Spiritualität“, sagt er. „Und für diese fehlen interessanterweise fest umrissene Grenzen zwischen dem Kirchlichen und dem Außerkirchlichen, zwischen dem Religiösen und dem Nicht-Religiösen.“

Auch die Inhalte religiösen Handelns haben sich verändert. „Der religiöse Kosmos verlagert sich zunehmend hin zu Fragen des privaten Lebens, zum persönlichen Glück, zur subjektiven Erfahrung und zum gesunden Körper“, hat der Soziologe in den vergangenen 20 Jahren in seinen Forschungen festgestellt. Seine Beobachtungen hat er in seinem Buch „Populäre Religion. Auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft“ zusammengefasst und mit Erkenntnissen von Kollegen aus Psychologie, Medizin und Theologie untermauert.

Das Internet erleichtere die Individualsierung. „Der Einzelne kann sich aus den traditionellen sozialen Verbänden auskoppeln, seine eigene Kirche bilden und seinen eigenen Gott verehren. Er orientiert sich an einem internationalen ,Markt der Weltanschauungen’ und bildet ein ,Patchwork’, das er sich nach seinem Bedürfnis zusammenstellt.“

Themen wie die körperliche Erfahrung, das sexuelle Verhalten, die Erweiterung des Bewusstseins, Selbstverwirklichung, das persönliche Glück werden in therapeutischen Kulthandlungen bearbeitet: von der Psychoanalyse über (Heil-)Meditationen oder Ayurveda und Akupunktur bis zu den verschiedensten Formen körperlich-spiritueller Erfahrungen wie Yoga, Qi Gong oder Tai Chi. „Mit einer individuellen Rekomposition einzelner Elemente verschiedener spiritueller Strömungen wird die Religion sozusagen neu erfunden.“

Zu einer neuen Erscheinungsform des Religiösen gehört auch der Wandel im Umgang mit dem Tod. „Lange Zeit galt er als Tabu in unserer Gesellschaft, wurde regelrecht verdrängt“, sagt Knoblauch. „Noch bis in die 1970er-Jahre hinein schien der Tod aus dem öffentlichen Raum zu verschwinden.“ Gestorben wurde im Krankenhaus, der Tod war ein Problem der Privatsphäre. Doch seit wenigen Jahrzehnten scheint der Tod wieder gesellschaftsfähig zu werden, als würde eine regelrechte „ars moriendi“ geschaffen, eine „Kunst des Sterbens“.

Die Hospizbewegung breitete sich aus, die Palliativmedizin veränderte sich entscheidend ebenso wie die Bestattungsrituale. Der Tod werde nicht nur enttabuisiert, sondern seine Bedeutung auch der Interpretation durch die Kirche entrissen. Zum Beispiel glaubt rund die Hälfte aller Deutschen laut einer Emnid-Umfrage von 1997 wieder an ein Leben nach dem Tode. Doch: „Die kirchliche Trennung von Sakralem und Profanem findet nicht mehr statt. Das betrifft auch die Anschauungen darüber, was nach dem Tod kommt“, stellt Knoblauch fest.

Vor seinen spirituellen Erfahrungen auf dem Jakobsweg bestritt Hape Kerkeling übrigens, religiös zu sein. Doch dann erfand auch er seine eigene Religion. Er sei „Buddhist mit christlichem Überbau“.

Hubert Knoblauchs Buch „Populäre Religion. Auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft“ ist erschienen im Campus Verlag, Frankfurt (2009), 24,95 Euro.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!