Zeitung Heute : Nimm zur Sicherheit die Taschenlampe mit!

Von Esther Kogelboom

-

In meinem bisherigen Leben bin ich ganz gut ohne Kokain und auch ohne Taschenlampe ausgekommen, nur, um mal zwei Beispiele zu nennen. Ich war auch immer ohne Kokain sehr aufgekratzt, und eine Taschenlampe, Herrgott, es wird ja nie richtig dunkel in Berlin.

Ich befinde mich zur Stunde mitten in einem dreiwöchigen Urlaub auf dem Land, das sollten Sie vielleicht wissen, und mir geht es gut. Kaum klingelt der Wecker nicht mehr, verschlafe ich den größten Teil des Tages und bin nachts wach. Nachts ist es hier dunkel, es ist so dunkel, dass man die Hand vor Augen nicht sieht. So geistere ich herum.

Nun ist es so, dass man hier nachts nicht nichts machen kann; ich las in der Zeitung von einer Steinkauz-Exkursion des örtlichen Naturschutzbundes. „Wenn der Steinkauz schreit“, sagte meine Oma, „dann stirbt jemand. Nimm zur Sicherheit eine Taschenlampe mit.“ – „Ach Oma“, sagte ich, „vielen Dank, brauche ich bestimmt nicht.“

Der Steinkauz, erfuhr ich von den ehrenamtlichen Experten im Naturschutzgebiet, ist selten geworden in Europa. Deshalb muss man ihm Holzkistchen bauen, in denen er sich wohl fühlt, und ihn danach in Ruhe lassen. Der gemeine Steinkauz (Athene noctua) hat immer Urlaub. Und er geistert auch gerne nachts durch die Gegend. Manchmal, wenn man lange genug im Dunkeln herumsteht, kann man seine schrillen Schreie hören. Die gehen einem durch Mark und Bein.

Der Anführer der Exkursion erklärte, dass man keinesfalls davon ausgehen müsse, dass jemand stirbt, wenn ein Steinkauz schreit. Früher habe man Kerzen vor dem geöffneten Fenster angezündet, wenn es einen Todesfall in der Familie gab. Der Schein des Flammen habe die Nachtfalter angelockt und für den Steinkauz seien Nachtfalter eine Delikatesse.

Es ergab sich, dass ich am Ende der Steinkauz-Exkursion vier Kilometer durch die Nacht wandern musste. Ich stellte relativ schnell fest, dass es im Naturschutzgebiet weder Straßenlaternen, Dönerbuden noch U-Bahn-Eingänge gibt. Mehr noch, es gab nicht mal eine richtige Straße, und ich war der einzige Mensch weit und breit. In existenziellen Situationen denkt der Mensch ja gerne an den Tod. Ich nicht. Ich lenkte mich ab, indem ich das empfindliche Ökosystem störte und versuchte, das Lied „We didn’t start the fire“ von Billy Joel fehlerfrei durchzusingen, was ich schnell aufgeben musste. Ich dachte: „Eine Taschenlampe wäre jetzt gut.“ Später lag ich wach und erschreckte mich vor jedem Knacken im Gebälk.

Ich mag Tiere (außer Hunde, die in Wohnungen leben). Manchmal wundere ich mich über sie, weil ich nicht glauben kann, dass es diese kruden Lebewesen wirklich gibt, dass sie fliegen können, sich in die Erde graben oder statt Haut weiches Fell haben. Ich frage mich: Wer sind die? Was wollen die von mir? Und warum brauchen die nachts keine Taschenlampe?

Am nächsten Tag konnte ich verschiedene Kühe, Frösche mit filigranen Schenkeln, einen Fischreiher, eine Ziegenfamilie und einen prächtigen Hirsch beobachten. Der Hirsch wetzte durch ein Freigehege und scharte vielleicht sechs bis acht Rehe um sich. Selbstverständlich war der Hirsch der Chef. Er ist stärker und größer, daraus leitet er instinktiv die Legitimation zur alleinigen Herrschaft über die Rehe ab. Ostern hätte ich gerne ein schönes Gulasch aus seinem Körper.

Jeder von uns bekommt reihenweise gut gemeinte Ratschläge. Unsere Kolumnistin, 30, überprüft alle 14 Tage einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben