Zeitung Heute : Noah kommt jetzt an die Regale

Von Tanja Stelzer

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Sobald ihre Kinder sich fortbewegen können, spielen die meisten Eltern erster Mai. Sie bauen Barrikaden. Meine Schwägerin, deren Sohn Nikolai anderthalb ist, kann ihr Wohnzimmer nicht mehr verlassen, ohne über einen Sessel zu klettern, den sie vor die Treppe zum ersten Stock gestellt hat. Mit weiteren Möbeln hat sie Kamin und Stereoanlage eingebaut. Das Wohnzimmer ist Auslaufgehege für Nikolai. Er könnte dort Stunden unbeaufsichtigt weiden, ohne Verletzungsgefahr. Meine Schwägerin kann sich in ihrem Wohnzimmer total entspannen. Leider kommt man sich darin ein bisschen vor wie in einer Lagerhalle.

Wer ein Kind hat, steht vor der Wahl, ein geschmackloses oder ein stressiges Leben zu führen. Wir hatten uns, zunächst, für den Stress entschieden. Wir haben keinen unserer Schränke mit einer Plastikklammer gesichert, bei uns ist keine Tür mit einem Gitter verschlossen, kein Sofa mit einem Bettlaken abgedeckt, kein Regal leergeräumt. Dafür müssen wir büßen. In der Küche stolpern wir über Schüsseln und Töpfe, die Noah ausgeräumt hat. Unser neues Sofa hat auf KinderhandHöhe Zahnpastaflecken. Abends liegt ein Berg von Büchern auf dem Boden, die Noah zerfleddert hat: „Gesünder fliegen“, „So machen Sie Ihren ersten Film“, „Zurück in die Zukunft“. Ausschussware, die sich auf unerklärliche Weise in unseren Besitz geschlichen hat. Sobald Noah schläft, sortiere ich sie wieder in die unteren Etagen des Regals ein. Kommt Besuch, versuche ich, die Aufmerksamkeit auf die Goethe-Bände weiter oben zu lenken.

Als wir mit unseren Freunden einen gemeinsamen Urlaub planten, suchten wir nach einem schönen Ort, an dem wir uns vom Hinterherjagen und Räumen erholen konnten. Als wir in unserer Ferienwohnung ankamen, waren wir begeistert: mediterranes Ambiente, Panoramablick; die Wohnung schien über dem Meer zu schweben. All unsere Träume schienen erfüllt, als uns beim Morgenkaffee auf der Terrasse der erste Plastikbagger entgegenflog. Der Nachbar von unten erledigte den Aufräumjob: Er warf all die Spielzeuge zurück, die unsere Kinder runtergeworfen hatten.

Aber da war noch ein Problem: Die schöne Wohnung hatte unzählige Stufen: schmale, breite, hohe, niedrige, vom Ess- ins Wohnzimmer, von dort zur Terrasse, vom Flur ins Bad, in die Schlafzimmer... Die Kinder liebten es, die Stufen rauf- und runterzuklettern. Wir hassten es. Wir wollten endlich mal unsere Ruhe. Also bauten wir Barrikaden. Am Ende stand eine Kommode quer im Wohnzimmer, vor einer der Stufen, darauf thronte ein gefährlich orange glühender Heizlüfter. Das Design der Wohnung konnte man als experimentell bezeichnen. Vielleicht sah es auch ein wenig aus wie bei meiner Schwägerin.

Kurz nach dem Urlaub fiel Noah auf eine Ecke unseres Couchtischs. Rote Niagara-Fälle schossen aus seiner Stirn. Noch am selben Tag beklebten wir den Tisch mit durchsichtigen (aber keineswegs unsichtbaren) Kunststoffecken. Sie hielten nur ein paar Minuten, bis Noah sie entdeckte. Jetzt hat unser Tisch an den Ecken graue Klebereste.

Kürzlich hat mir jemand gesagt, unser Zuhause habe den Charme eines Orts, an dem Kinder leben. Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Kompliment sein sollte.

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