Zeitung Heute : Noahs Tage im Sand

Von Tanja Stelzer

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Nach 14 Monaten mit Kind erinnern wir uns nur vage daran, wie es sich anfühlt ausgeschlafen zu sein. Wir fanden es deshalb an der Zeit, in den Urlaub zu fahren. Vielleicht waren wir die Sache etwas zu eilig angegangen. Jedenfalls haben wir noch ziemlich früh im Jahr, Anfang Mai, für zwei Wochen eine Ferienwohnung in Sardinien gemietet, zusammen mit J. und S., deren Sohn genauso alt ist wie Noah. Der Reiseveranstalter hatte den Monat Mai als besonders günstig angepriesen. Es sei da noch nicht so heiß und außerdem nicht so teuer.

Der Reiseveranstalter hat nicht zu viel versprochen. Ich schreibe diese Kolumne in unserer ungeheizten Ferienwohnung mit klammen Fingern. Wir leben sparsam, denn wir sind bisher die einzigen Gäste im Ort, was uns das Gefühl einer gewissen Prominenz gibt, und die Restaurants und Geschäfte haben größtenteils noch geschlossen. Wir können also fast kein Geld ausgeben.

Urlaub mit Kleinkind, d. h.: Urlaub am Strand. Wir haben den Strand für uns alleine. Türkisfarbenes Wasser von der Temperatur der Antarktis. Eine Strandbar nur für uns, ein Barbesitzer mit schwarzen, pomadisierten Minipli-Locken, der den ganzen Tag lang Kaffee kocht, an dem wir uns wärmen. Vor allem aber haben wir: Sand, Sand, Sand.

Früher war der Sand mein Feind. Ich hasste es, wenn ich Flip Flops trug und die Sandkörner den Zwischenraum zwischen meinen Zehen wund rieben. Ich hasste es, wenn mein Handtuchnachbar sich schwungvoll umdrehte und mir ein Häufchen Sand auf mein penibel sauber gehaltenes Handtuch warf. Das Häufchen teilte sich unweigerlich in immer mehr, immer kleinere Häufchen auf, die Körnchen klebten auf meiner frisch eingeölten Haut, zwischen den Seiten meines Buchs, in meinen Hosenbeinen, in meinem Bett… In Wirklichkeit war der Sand, Objekt meiner von Sonnencreme-Werbung genährten Urlaubsfantasien, immer auch der Grund, warum ich froh war, am Ende nach Hause zurück zu kommen. Jedes Jahr träumte ich wieder mit großem Optimismus von den nächsten Strandferien; und irgendwie vergaß ich jedes Mal, dass der Sand mein Reisebegleiter sein würde.

Nur diesmal habe ich schon vorher an ihn gedacht. Sah den Ferien mit einiger Sorge entgegen. In unserem Garten steht ein Sandkasten; das reichte, um meine Vorstellungskraft anzuregen. Nach fünf Tagen Strandurlaub sind alle meine Befürchtungen übertroffen. Der Sand ist überall: in den Grissini, die wir knabbern, in den Förmchen, die ich in meiner Handtasche verstaut habe, auf dem Schnuller, den Noah mir als Zeichen seiner unendlichen Liebe in meinen Mund steckt, in seinen Windeln. Nur in meinen Büchern ist er nicht, denn die liegen noch immer original verschweißt auf meinem Nachttisch.

Heute waren wir wieder den ganzen Tag am Strand. Wenn Noah gerade nicht im Sand wühlte, saß er vor der Strandbar, guckte dem Barbesitzer beim Kaffeekochen zu und stopfte sich, als säße er im Kino und hätte eine Tüte Popkorn neben sich, eine Hand voll Sand nach der anderen in den Mund. Als wir ihn zu Hause die Schuhe von den Füßen streiften, fielen zwei kleine körnige Häufchen auf den Schlafzimmerfußboden. Noah ließ sich klaglos hinlegen. Mit dem Zeigefinger zeichnete er das Karomuster seines Reisebetts nach, seine Augen fuhren Karussell, und er lächelte, als wäre er gerade auf einem LSD-Trip.

Mein Kind schläft selig nach einem Tag im Sand. Das bedeutet, dass auch ich schlafen darf. Mit ein paar Körnern zwischen dem Laken, aber was macht das schon. Ich habe meinen Frieden mit dem Sand gemacht.

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