Zeitung Heute : Noam und Matan kommen nicht mehr

Sie arbeiteten mit ihren arabischen Nachbarn und machten zusammen Ausflüge. „Wir sind gegen den Terror immun“, dachten sie im Kibbuz Metzer. Dann erschoss ein palästinensischer Attentäter zwei kleine Jungen im Schlaf. Für die Menschen im Ort ist eine Welt zusammengebrochen.

Patrick Goldfein[Hadera]

Die fünfjährige Nurit steht vor dem Tierkäfig und hält ein Salatblatt hinein. Aber das weiße Kaninchen frisst es nicht. Es scheint sich erst an die neue Umgebung gewöhnen zu müssen: den Kindergarten des Kibbuz Metzer. Bisher hat es zwei Minuten entfernt im Zimmer des fünfjährigen Matan und seines vierjährigen Bruders Noam gewohnt. „Matan und Noam kommen nicht mehr in den Kindergarten. Wir kümmern uns jetzt um das Kaninchen“, sagt Nurit.

Als sich die Kinder am Morgen im Kreis hinsetzen, bleiben die beiden Plätze der Brüder leer. Auf ihren Stühlen stehen Schilder mit den Namen Matan und Noam, dahinter brennt eine Kerze. Die Psychologin, die aus der nahe gelegenen Stadt Hadera in den Kibbuz im Norden Israels gekommen ist, hat den Kindern erklärt, warum. „Ein Terrorist“, sagt die kleine Nurit, „hat Matan und Noam erschossen. Deshalb muss man sie jetzt begraben.“ Und was in der einfachen Sprache der Kinder so klingt, als könne man es erklären, hat niemand verstanden: den Mord an zwei Kindern, die in ihren Pyjamas im Bett lagen und schliefen. Der Mann, der sie getötet hat, soll Sirhan Sirhan heißen und stammt nach Angaben der israelischen Armee aus der palästinensischen Autonomiestadt Tulkarem.

Ein letzter Schrei

Nach Mitternacht dringt er am Montag mit einer Kalaschnikow bewaffnet in den Kibbuz ein. Mit einem einzigen Ziel: so viele Israelis zu töten wie möglich. Innerhalb von 20 Minuten wird er zum fünffachen Mörder. Sein erstes Opfer ist die 42-jährige Tirza Damari. Sie geht gerade spazieren als sie von hinten erschossen wird. Ihr Begleiter kann flüchten und alarmiert den 44-jährigen Itzhik Dori, er ist der Generalsekretär des Kibbuz und hat in dieser Nacht Wachdienst. Als er mit seinem Auto am Tatort ankommt, reißt der Palästinenser plötzlich die Fahrertür auf, und erschießt auch Dori.

Dann dringt Sirhan in den erstbesten Bungalow ein, in dem noch Licht brennt. Revital Ohayoun telefoniert gerade mit ihrem Ex-Mann Avi. Im Nebenzimmer schlafen Matan und Noam. Der Kaninchenkäfig steht zwischen ihren Betten. Als der Mörder die Haustür eintritt, rennt Revital zu ihren Söhnen und wirft sich schützend auf sie. Eine Nachbarin wird am nächsten Morgen im Radio schildern, dass sie einen letzten Schrei gehört hat. Einer der Jungen ruft „Mama“, dann hört sie Schüsse. Die Kugeln dringen durch den Körper der Mutter und töten auch Matan und Noam.

Als das israelische Militär den Kibbuz stürmt, ist Sirhan bereits auf palästinensisches Autonomiegebiet geflüchtet. Er ist Mitglied der Al-Aksa-Brigaden, die der Fatah-Organisation Jassir Arafats nahe stehen. Ob die palästinensische Führung überhaupt noch Einfluss hat auf die örtlichen Splittergruppen, beurteilen konservative und liberale Medien in Israel unterschiedlich.

Nach dem Mord an den Kindern Matan und Noam stieß die israelische Armee für kurze Zeit nach Tulkarem vor. Gestern dann hat sie den mutmaßlichen Drahtzieher des Anschlags auf Metzer verhaftet: Soldaten hatten das Haus des 24 Jahre alten Mohammed Naifeh, Anführer der Al-Aksa-Brigaden von Tulkarem, umstellt, der Mann ergab sich.

Drei Tage später haben die Bewohner im Kibbuz Metzer noch immer Tränen in den Augen, wenn sie über die Mordnacht sprechen. Keiner kann verstehen, warum es ausgerechnet sie, eine pazifistisch denkende Gemeinschaft, getroffen hat: „Wir dachten, wir seien gegen den Terror immun“, sagt Dov Awital. Der 48-Jährige hat kommissarisch das Amt des getöteten Itzhik Dori übernommen. „Hier wählen alle die linke Meretz-Partei. Wir befürworten einen Palästinenserstaat.“ Vor 13 Jahren ist er aus dem uruguayischen Montevideo in den Kibbuz gezogen. „All die Jahre war es ein Ort des Friedens. Nicht einmal ein Fahrrad wurde geklaut.“

Die 400 Mitglieder des Kibbuz leben seit der Gründung im Jahr 1953 wie eine große Familie zusammen. Die meisten sind hier geboren, und es gab Zeiten, da führte die Gemeinschaft nur eine Kasse. Alles wurde geteilt, sogar die Kleidung. Die sozialistische Ausrichtung hat in den letzten Jahren nachgelassen – man hat sich der kapitalistischen Realität angepasst, sonst hätte sich der Kibbuz nicht mehr finanzieren können: Nur noch Wohnung, Krankenversicherung und Schulausbildung werden von der Kommune bezahlt. Für die restlichen Ausgaben bekommt jede arbeitende Familie ein Budget von umgerechnet 750 Euro. Die Solidarität unter den Mitgliedern ist noch immer sehr groß: Fürsorglich kümmern sich Nachbarn rund um die Uhr um die Angehörigen der Opfer. „Unsere Verbundenheit gibt uns Kraft“, sagt Awital. „Am wichtigsten ist jetzt, dass wir nicht blind nach Rache schreien.“

Der Kibbuz liegt im Wadi-Jara-Tal, direkt an der grünen Linie, der Grenze zum 1967 besetzten Westjordanland. Er ist von zahlreichen israelisch-arabischen Dörfern umgeben. Nur 100 Meter vom Haupttor entfernt liegt Meisir, Heimat von 300 arabischen Familien mit israelischem Pass. Seit Jahren verbindet die beiden Orte Metzer und Meisir eine Freundschaft: Die meisten Einwohner von Meisir sind vom Kibbuz angestellt, die Kinder unternehmen zusammen Ausflüge, und in den 70er Jahren gab es auch eine gemeinsame Fußballmannschaft. Zuletzt hat man sogar das Wassersystem verbunden. „Es kann nicht sein, dass einer unserer Nachbarn etwas damit zu tun hat“, sagt Chana Ben-Naftali, die engste Freundin der getöteten Revital und zeigt auf das zerschossene Auto des Sekretärs. In der Autowerkstatt des Kibbuz arbeitet sie mit zwei Männern aus Meisir zusammen. Als sie von dem Mord erfuhren, haben sie sich umarmt und zu dritt geweint.

Mustafa Shehade sagt, es hätte auch seinen Sohn treffen können. Seit zwölf Jahren arbeitet der 41-jährige Araber aus Meisir in der Fabrik des Kibbuz. Er ist ein wichtiger Mann, weil er die Qualität der Wasserrohre überprüft, die hier hergestellt werden. Aus deren Verkauf finanziert sich der Kibbuz zum größten Teil. Am Morgen nach dem Anschlag hat er wie die meisten Männer aus Meisir die Arbeit abgebrochen und ist zur Beerdigung von Itzhik Dori gegangen. „Weil gerade Ramadan ist und wir fasten, waren wir sehr erschöpft, aber diese Geste war ganz wichtig. Das musste sein. Der Glaube an die Koexistenz darf nicht sterben.“ Shehade betont seine Worte, um keinen Zweifel aufkommen zu lassen. Aber er scheint zu spüren, dass die Freundschaft zwischen Juden und Moslems wegen des Anschlags in Zukunft nicht mehr dieselbe sein könnte. Nicht wenige in seinem Dorf sympathisieren insgeheim mit der palästinensischen Intifada und haben Verständnis für den Kampf der Palästinenser gegen die Besatzung, der aber mittlerweile keinen Unterschied mehr macht zwischen Siedlern, Soldaten und schlafenden Kindern.

Der Preis der Freundschaft

Am Eingang zum Kibbuz haben sich Polizisten postiert. Sie sollen den Bewohnern die Geborgenheit zurückgeben, die sie in der Nacht zum Montag verloren haben. Es war genau diese Geborgenheit der Gemeinschaft, die Revital Ohayoun vor drei Monaten mit Matan und Noam hierher ziehen ließ. Nach der Scheidung von ihrem Mann wollte sie sich erholen und ihren Kindern ein behütetes Zuhause geben. „Ich habe den Glauben an ein sicheres Leben endgültig verloren“, sagt ihre Freundin Chana. „Jetzt kann uns nur noch der Trennungszaun retten.“

Der Zaun soll in Zukunft das israelische Kernland von den Palästinensergebieten trennen. Die meisten in Metzer wünschen sich so einen Zaun, aber sie sind nicht mit seiner geplanten Lage einverstanden. Er soll nämlich nicht entlang der grünen Linie verlaufen, sondern zwei Kilometer östlich davon, mitten durch das palästinensische Dorf Kafin. Die Menschen dort hätten dann keinen Zugang mehr zu ihren Olivenbäumen – ihrer einzigen Einnahmequelle. Um die gute Nachbarschaft nicht zu gefährden, hat der Kibbuz lautstark gegen den Regierungsplan protestiert und dem Dorf Kafin zum Ausgleich eigenes Land angeboten.

„Für unsere Ideologie haben wir jetzt einen hohen Preis zahlen müssen“, sagt Chana bitter. Sie glaubt, dass der Attentäter erst durch den Streit mit der Regierung, der durch die Medien gegangen ist, auf Metzer aufmerksam wurde. Und dass er ganz bewusst diese seltene Form der Koexistenz zerstören wollte. „Es wäre wohl am besten gewesen“, sagt Chana, „wenn keiner je erfahren hätte, dass es so einen Ort überhaupt noch gibt.“

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