Zeitung Heute : Noch dichter dran

Fantastisch, sagt Seehofer. Kurios, sagt Merkel. Und Stoiber sagt den wohl schwierigsten Satz seines Lebens – die Kür der Kandidatin

Robert Birnbaum

Edmund Stoiber hat aufgepasst, aber er guckt sicherheitshalber noch einmal auf das Schild vorn an seinem Rednerpult – tatsächlich, er steht am falschen! Also Angela Merkel auch. „CSU“ prangt blau-weiß grundiert auf dem linken Pult, „CDU“ auf dem rechten. Und solche Verwechslungen ausgerechnet an diesem Tag, den nicht wenige, die dabei sind, ohne Umschweife einen „historischen“ nennen! Stoiber zupft die Nachbarin galant hinter das richtige Schild.

Die winkt schon längst hoch in die Galerien im Atrium-Hof des Konrad-Adenauer-Hauses. Dicht an dicht die Gesichter dort oben, das Foyer selbst rappelvoll, Abgeordnete sind gekommen, Mitarbeiter sind eingeladen. Etwas Jubel-Kulisse muss sein. Als der Applaus abebbt, hat Stoiber das Wort. Das ist jetzt sein Job; der Chef der kleineren Schwesterpartei, der Kanzlerkandidat von 2002 hat das Recht und die Pflicht, die Entscheidung zu verkünden. So wie er vorher in der gemeinsamen Sitzung der Präsidien von CDU und CSU das Recht und die Pflicht hatte, sie herbeizuführen: Stoiber hat Merkel förmlich als Kanzlerkandidatin der Union für den Herbst 2005 vorgeschlagen, und alle haben applaudiert. „Dieser Beifall war praktisch die Abstimmung“, hat Stoiber in den Beifall hinein festgestellt. Auch so eine Konstante im politischen Leben der Angela Merkel: Die nächste Stufe der Macht hat sie noch stets per Akklamation erklommen.

Jetzt lächelt die Frau des Tages, winkt, lächelt, blickt nach unten, schluckt, winkt mit der Hand ab, aber der Beifall hört nicht auf, sie holt tief Luft, so, sagt ihr Gesicht, ist gut jetzt. Ist aber immer noch nicht. Angela Merkel kann solche Momente eigentlich nicht leiden. Als die CSU sie einmal vor Jahren im königlich-bayerischen Triumphzug zu den Klängen von „Angie“ in eine Parteitagshalle einmarschieren ließ, hat ihr das derart gestunken, dass sie den Bayern entgegengeschleudert hat: „Merkel bleibt Merkel, mit allen Risiken und Nebenwirkungen.“ Den Christsozialen hat der Spruch damals imponiert, was sie wenig später nicht gehindert hat, die Frau zugunsten ihres eigenen Häuptlings auszubremsen.

Doch das ist Geschichte. So sehr Geschichte, dass Horst Seehofer am Morgen vor dem Adenauer-Haus auf die Frage, wie denn er das findet, dass jetzt diese Frau Merkel zur Kandidatin erhoben wird, schlicht „Fantastisch!“ sagt. Weil er die ungläubigen Blicke sieht, schiebt er hinterher: „Ich bin richtig glücklich – im Ernst!“ Was, so weit man Horst Seehofer in die Seele blicken kann, die lautere Wahrheit ist. Der Mann hat aus Protest gegen die Kopfpauschale seine Fraktionsämter hingeworfen. Vor der Durchsetzungsfähigkeit und der Überzeugungsstärke seiner Fraktionsvorsitzenden hat er selbst damals einen Heidenrespekt gehabt. Wenigstens eine Gegnerin, mit der zu kämpfen sich lohnt. „Wer Frau Merkel unterschätzt, hat schon verloren“, hat Seehofer da gesagt.

Aber das mit dem Unterschätzen hat sich insoweit erledigt. Jetzt, wo sie so dicht vor dem Ziel ist.

Wie dicht sie dran sind, das begreifen sie auch in der CDU und der CSU erst allmählich. Merkel hat in ihrem Einführungsvortrag vor den versammelten Parteipräsidien ihr Staunen in die Worte gekleidet, die Lage sei „kurios“ – die Union werde von den Leuten praktisch schon als Regierungspartei wahrgenommen. Das ist erstens richtig und zweitens wirklich kurios in der Geschichte der Bundesrepublik. Noch Helmut Kohl nach 16 Jahren musste mit aller Macht aus dem Amt gekämpft werden. Gerhard Schröder hat einfach kapituliert. „Wir können uns nur noch selbst ein Bein stellen“, hat sogar Stoiber, der Vorsichtige, in der Präsidiumssitzung resümiert. Man habe dabei ein inneres Kopfschütteln förmlich herausgehört über den rapiden Verfall der rot-grünen Regierung, sagt ein Zuhörer.

Für die Union ist das ein Geschenk, und für Merkel erst recht. Eine zügige, klare Kandidatenkür, ein kurzer, prägnanter Wahlkampf. Anfang Mai hatte sie sich mit Stoiber getroffen. Beide haben damals schon über die Grundzüge des Bundestagswahlkampfs gesprochen. Da war noch vom Herbst 2006 die Rede. Vorigen Donnerstag haben sie sich wieder getroffen. Ein Abendessen in Berlin, kein Frühstück in Wolfratshausen. Aber es ging ja auch schon längst nicht mehr um die K-Frage. Es ging darum, wie aus der Kandidatin die Kanzlerin werden wird.

Mit der Frage haben sich die Präsidien übrigens auch beschäftigt, wenngleich relativ abstrakt. Es ging um die Frage, wie konkret die Union ihr Wahlprogramm formulieren soll oder, um genau zu sein, wie wahrhaftig. Roland Koch, der Hesse, hat von einer „Selbstverpflichtung zur Klarheit“ gesprochen, und dass die Union hinterher in einer Regierung mit gutem Gewissen von sich sagen können müsse, dass sie vorher einen unbequemen, aber geraden Weg angekündigt habe. Das sei auch eine Frage der politisch-moralischen Legitimität für ein ehrgeiziges Reformprogramm: Nur wer vorher mindestens grob umreiße, wo es Einschnitte geben müsse und Härten, könne sich hinterher darauf berufen, dass die Wähler ihm dafür die Prokura erteilt haben. Für die CSU ist es der respektierte Landtagspräsident Alois Glück, der in die gleiche Richtung argumentiert. Widersprochen hat niemand.

Merkel greift das in ihrer kurzen Ansprache auf, als sie auf das Wahlprogramm zu sprechen kommt. „Es wird ein Wahlprogramm mit Mut zur Ehrlichkeit sein“, verspricht die Kandidatin. Kein Problem werde schöngeredet, kein Patentrezept versprochen, wo es in Wahrheit keine gebe. Keine falschen Versprechungen. Das haben sie ja bei Schröder gelernt, wie schnell sich jemand selbst lähmen kann mit vorschnell dahingesagten Prognosen, Halbierung der Arbeitslosenzahlen und dergleichen. Merkel formuliert ihren Anspruch viel zurückhaltender: Es gebe „die Chance auf Besserung mit einer besseren Politik“.

Klarheit also, Wahrheit. Na gut, nicht auf Punkt, Komma und Prozentzahl. Im Wahlprogramm, sagt ein Präsidiumsmitglied voraus, werde zum Stichwort Mehrwertsteuer so in etwa stehen, dass man nicht ausschließen könne, im Rahmen eines Gesamtkonzepts auch diese Steuer anzuheben. Peter Müller, der Urheber der Debatte, ist schon auf Linie: „Soweit sich neue Finanzbedarfe ergeben, ist das eine Rückfrage an das Steuersystem“, orakelt der Saarländer, sonst eher Mitglied im Club für deutliche Aussprache.

Ach so, und noch etwas bleibt in puncto Klarheit ungeklärt: die künftige Karriere des Edmund Stoiber. Der will zwar – so hat er das im Präsidium ausgedrückt – schon daran mitwirken, dass der Geist der „Alt-68er“ durch einen neuen ersetzt werde. Aber ob im Kabinett oder im Bundesrat als bayerischer Ministerpräsident – das hält er sich offen bis nach der Wahl. Die amtliche Begründung heißt, als Parteichef könne er sich im Wahlkampf nicht auf ein Themenfeld verengen lassen. Die halbamtliche Begründung lautet, Stoiber wolle nicht, dass daheim in München jetzt schon die Nachfolgedebatte entbrenne. Die gar nicht amtliche Vermutung mancher Christdemokraten lautet, der CSU-Chef wolle sich nicht auf einen Super-Wirtschafts- und Finanzminister festlegen lassen, weil er die letzten Landtagswahlergebnisse insgeheim hochgerechnet habe. Mit dem Ergebnis, dass die FDP vielleicht sehr viel weniger Stimmen bekommen werde als die CSU, und dass er dann mindestens Anspruch auf den Vizekanzler erheben könne und, wer weiß, warum nicht auch aufs Auswärtige Amt?

Aber so weit ist es ja nun wirklich noch nicht. Erst einmal muss Edmund Stoiber den vielleicht schwierigsten Satz seiner bisherigen politischen Karriere aussprechen, hier im Foyer des Konrad-Adenauer-Hauses. „Ich werde alles tun, dass Sie die erste Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland werden“, sagt Stoiber. Merkel lächelt. Der Beifall tost. Später wird Generalsekretär Volker Kauder auf die Bühne mit einem Blumenstrauß springen, Maria Böhmer, die Chefin der CDU-Frauen, kommt von der anderen Seite mit einem zweiten. Merkel stellt sich neben Stoiber, beide lächeln in die Kameras. „Wir wollen Deutschland dienen“, hat Merkel kurz vorher gesagt. „Ich will Deutschland dienen. Deutschland kann es schaffen, und gemeinsam werden wir es schaffen.“ In Stoibers Krawatte blinken blassorange Streifen in fast der gleichen Farbe wie Merkels Kostümjacke. Das haben sie am vorigen Donnerstag aber natürlich nicht abgesprochen. So was funktioniert in diesen glücklichen Tagen der Union ganz von selbst.

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