Zeitung Heute : Noch ein Ass im Ärmel

Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Hilfe bei Blutkrebs

Hartmut Wewetzer

Es war der größte Erfolg der Krebsmedizin seit mindestens fünf Jahren. Mit dem Wirkstoff Imatinib gelang es Wissenschaftlern erstmals, ein Krebsmedikament zu finden, das nicht nach der Schrotschussmethode funktionierte. Anders als herkömmliche Krebsmittel, die gesunde wie kranke Zellen vernichten, hemmt Imatinib (vermarktet als „Glivec“) nur die Krebszellen am Wachsen, nicht das intakte Gewebe. Eine hochwirksame Behandlung nach Maß, noch dazu mit einem gut verträglichen Mittel in Pillenform.

Der Wermutstropfen: Imatinib/Glivec hilft nach heutigem Stand fast nur gegen eine relativ seltene Form von Blutkrebs mit Namen chronisch-myeloische Leukämie (CML) und einen noch selteneren Bindegewebstumor der Bauchhöhle. Außerdem zeigte sich bei der Behandlung der CML, dass das Medikament bei manchen Patienten nach einiger Zeit nicht mehr anschlug. Die Krebszellen waren resistent geworden. So wie Bakterien, bei denen Antibiotika versagen.

Was tun? Glücklicherweise ist bis in Einzelheiten erforscht, was die Ursache der CML ist. Bei den Kranken haben sich aufgrund eines genetischen Defekts in Blut bildenden Knochenmarkszellen zwei Erbanlagen aneinander gekoppelt, die eigentlich nicht zusammengehören. Das Ergebnis ist ein „Fusionsprotein“. Ein Eiweiß, das sich den Informationen zweier Gene verdankt. Es führt dazu, dass sich die mutierten Zellen unablässig teilen und krebsartig wuchern. Wie ein Auto, das ständig mit Vollgas fährt. Glivec wirkt wie eine Bremse. Es blockiert das Eiweiß, das den Krebs verursacht.

Weil man genau weiß, wo und wie das Mittel wirkt, war es möglich, Alternativsubstanzen zu entwickeln; Glivec hat Geschwister bekommen. Sie heißen Nilotinib und Dasatinib (für originelle Namen werden Pharmaforscher nicht bezahlt) und helfen auch dann, wenn Glivec versagt. Das belegen Studien deutscher und amerikanischer Mediziner, die nun im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurden.

Innerhalb von fünf Jahren verliert Glivec bei jedem fünften Blutkrebs-Patienten seine Durchschlagskraft. Diesen Menschen wird jetzt also geholfen werden können. Dabei hat man vorgesorgt, denn Nilotinib ist 50 Mal und Dasatinib sogar 300 Mal wirksamer als Glivec.

Die Forschungsergebnisse bedeuten „unmittelbare Hoffnung“ für die Kranken, schreibt der amerikanische Krebsmediziner Brian Druker, Pionier der neuen Therapie. Und sie zeigen, wie schnell neue Medikamente entwickelt werden können, wenn bekannt ist, warum die alten nicht mehr helfen.

Glivec hat Tausenden von Menschen das Leben gerettet, bei den neuen Präparaten ist Ähnliches zu erwarten. Das macht Mut. Auch wenn es noch ein weiter Weg hin zu Arzneimitteln ist, die ähnlich gut und gezielt gegen häufige Tumoren wie Darm-, Brust- oder Lungenkrebs wirken. Glivec hat den Beweis erbracht, dass eine solche Behandlung im Prinzip möglich ist. Jetzt muss dem kleinen Wunder nur noch ein großes folgen.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar